Mutmaßungen über einen Mann im Norwegerpullover

Der Mann im Norwegerpullover sitzt wie bestellt und nicht abgeholt am Tisch und starrt geradeaus. Da sitze ich und esse einen Gemüseauflauf. Der starrt mir auf Teller, Gabel und Mund, dass es mir nicht mehr schmeckt. Das ist unhöflich, man macht es nicht. Höchstens wenn er von großem Hunger gepeinigt würde, könnte ich sein Verhalten entschuldigen. Ich gucke ihn mir genauer an. Er scheint nicht wirklich in Not zu sein. Der Norwegerpullover und die grünbraune Kordhose mit Kniff waren bestimmt nicht billig. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass einer wie er in den Laden geht und zum Verkaufspersonal sagt: „Bringen Sie mir einen Norwegerpullover und eine grünbraune Kordhose!“ Zu einem derart gekleideten Mann, der überdies tatenlos herumsitzt und starrt, gehört eine resolute Frau. Eine, die entscheidet, dass er für den Winter einen warmen Pullover braucht und eine gediegene Hose, die Regen und Schnee trotzen kann.

Da kommt sie auch schon mit einem Tablett, hat vom reichhaltigen Buffet sein Essen geholt und stellt es vor ihn auf den Tisch. Sie nimmt die Geldbörse vom Tablett und geht wieder, offenbar um sich zu versorgen. Der Mann im Norwegerpullover beginnt mechanisch zu essen. Ob er sich Gedanken macht, von welchem Rollenverständnis sein Verhalten prägt ist? Obwohl die Frau nicht selber kocht, man ist ja in der Stadt unterwegs, setzt er sich an den Tisch, und sie stellt ihm das Essen hin. Denkt an sich selbst zuletzt.

Eigentlich ist es Männersache, das Essen zu jagen. Auch wenn es fertig zubereitet am Buffet herumsteht. Zumindest jüngere Männer verhalten sich so. Man kann sie sonntagmorgens sehen, wie sie aus allen Häusern herauskommen und ungewaschen zum Bäcker laufen. Lässiger Aufzug und Frisur verraten, dass sie gerade aus einem Bett gekrochen sind. Der Impuls, Essen zu jagen, hat etwas mit Sexualität zu tun. Er stellt sich meistens nach vollzogenem Geschlechtsverkehr ein. In Erwartung weiterer Lustgefühle beweist der Mann, dass die Frau den Richtigen erhört hat, einen, der Essen in die Höhle schleppen kann. Oder aber, er ist noch nicht erhört worden und will sich durch erjagte Brötchen attraktiv machen.

Männer mit Norwegerpullover und grünbrauner Kordhose mit Kniff sind jenseits solcher Gefühle. Indem sie aus Bequemlichkeit auch die Geldbörse abgegeben haben, ist ihnen Selbstbestimmung und sexuelle Attraktivität abhanden gekommen. Er ist fast fertig mit seinem Teller, als die Frau wiederkommt und sich mit ihrem Essen an den Tisch setzt. Jetzt kann er mich nicht mehr anstarren. Aber ich bin eigentlich auch fertig mit ihm.

Dies ist ein Beitrag zum Schreib-mit-Projekt des Kollegen Wortmischer
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30 Kommentare zu “Mutmaßungen über einen Mann im Norwegerpullover

  1. „Männer mit Norwegerpullover und grünbrauner Kordhose mit Kniff sind jenseits solcher Gefühle. Indem sie aus Bequemlichkeit auch die Geldbörse abgegeben haben, ist ihnen Selbstbestimmung und sexuelle Attraktivität abhanden gekommen.“

    Ich lach mich schlapp. Das ist eine derartig gute Geschichte über Menschen unserer Elterngeneration – das ist sie doch, oder? -, dass ich nur mehr schwermütig seufzen und facebookartig den Daumen in die Höhe recken kann.
    (Ich verstehe jetzt, warum diese Erzählung den angekündigten Fahrradhelm übertrumpft hat.)

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    • Warum wollen Sie schwermütig seufzen, wenn es doch was zu lachen gab? Freut mich, dass der Beitrag Ihnen gefällt.
      Das Rollenverhalten, das unsere Elterngeneration für normal gehalten hat, ist ja glücklicherweise obsolet. Trotzdem kann man hineinrutschen, glaube ich.
      Die Geschichte über den Fahrradhelm hat leider den strengen Teestübchen-Qualitätskriterien nicht entsprochen. Und bevor ich mich damit rumquäle, habe ich ihn sausen lassen.

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  2. Ich weiß, dass es hier um Norwegerpullover und Cordhosen geht. Trotzdem….Habe ich das richtig verstanden? Wenn ich den Geschlechtsverkehr vollziehe, profitiere ich von frischen Brötchen. Wenn ich ihn verweigere, dann bekomme ich ebenfalls Brötchen. Die Lieferung frischer Backwaren endet erst, wenn der Mann die Prioritäten des Beischlafs nach hinten setzt? Da sollte ich die nächsten Jahre, doch…. Ok, zurück zum Norwegerpullover. Ach, jetzt ist´s verdorben, lieber Jules. Mir fällt zu Pullovern und Cordhosen nichts mehr ein.

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  3. Pingback: Kleider machen Leute – von A bis Z | Wortmischer

  4. Indem du so klug bist, dir keinen Ehemann zu suchen, liebe Mitzi, droht dir ein Rollenverhalten wie oben geschildert nicht. Was die Lieferung frischer Backwaren betrifft, profitierst du auch von deiner Unabhängigkeit. Du kannst dir jederzeit einen eifrigeren Liebhaber ins Bett holen, wenn der alte anfängt, sich bedienen zu lassen.

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  5. Lieber Jules,
    da sehe ich mal wieder, wie unterschiedlich doch Mutmaßungen sein können. Ich hätte den Mann bemerkt und nicht gedacht, dass er mich anstarrt, sondern sein Blick durch alles hindurch sein Leid betrachtet. Ich habe auch schon mal so vor mich hingestarrt, als ich mit meinem Kummer nicht fertig wurde. Glücklicherweise war eine gute Freundin dieses Mannes dabei, die wenigsten dafür sorgte, dass er etwas in den Magen bekommt. Resolut hat sie seine Börse genommen und etwas zu Essen besorgt.

    Aber Ihre Norwegerpullovergeschichte hat mal wieder das erreicht, was das Schöne an guten Geschichten ist – sie bringen uns zum Nachdenken!

    Gruß Heinrich

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    • Lieber Heinrich,
      Mutmaßungen sind nicht mehr als Vermutungen. Natürlich weiß ich nicht, was in dem Mann vorging, aber einen traurigen Blick erkenne ich auch. Trotzdem, hätte ich selbst Kummer gehabt, hätte ich vielleicht anders interpretiert. Es kommt bei allen Mutmaßungen ja immer auf die eigene Verfasstheit an. Einen kummervollen Esser habe ich aber auch schon gesehen, ohne selbst traurig gewesen zu sein, Ich war da nur erschöpft. Ich habe Ihnen die Passage rausgesucht. Nur damit es nicht heißt, ich wäre ein grober Klotz, der Traurigkeit nicht erkennt: „Am Tisch gegenüber nahm ein junger, großer, wohlbeleibter Mann Platz. Er hatte ein hübsches, energisches Gesicht. Er kam im grünen Parka herein, setzte sich im Parka hin und verließ auch bald im Parka das Lokal. Zwischendurch aß er, was sich leichter schneiden ließ als meines. Oder war er deswegen in der Muckibude gewesen?
      Jedenfalls blickte er stumm auf den Tisch, bevor sein Essen kam, und ebenso traurig schob er sich etwas in den Mund, ohne auch nur ein einziges Mal aufzublicken. Welch üble Sache mochte ihn getroffen haben? Er tat mir aufrichtig leid, denn die Nacht zum ersten Mai, die Freinacht, darf man doch nicht so trübsinnig beginnen. Wie soll denn dann der Rest des Jahres werden?“
      http://trithemius.de/2006/05/07/sonntagsbummel_online_auf_der_kaiserrout781611/

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  6. Mir tut der Mann leid…..manchmal frage ich mich, ob es nicht langsam zu einem Rollenwechsel kommt, wenn ein Paar altert, der Mann körperlich angeschlagen ist und die „Krankenschwester“ bei der Frau durchkommt. Wäre das Verhalten umgekehrt, würde man den Mann als fürsorglich einschätzen. Es hat wohl etwas mit dem Rollenbild eines Mannes zu tun, das man im Kopf hat!

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    • Direkt hilfsbedürftig wirkte er nicht. Trotzdem kann ich deine Einlassungen nachvollziehen. Es gibt das zu Beobachtende und die Interpretation. Über beides lässt sich nur diskutieren, wenn alle das Gleiche beobachtet haben. Mein Text ersetzt diese eigene Beobachtung nicht. Er enthält schon Wertendes in der Beschreibung der Szenerie. Das allerdings war Notwehr, weil er mich so anstarrte.

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  7. Man kann die Geschichte auch andersrum lesen; gegen das Rollenverhalten unserer Eltern – Dein Bild vom brötchenjagenden Mann, Jules, legt diese Lesart sogar nahe. Denn in Deiner Geschichte jagt sozusagen die Frau; der Mann im Norwegerpulli hat eine Frau gefunden, die ihm das Essen heranschleppt. Und sie beweist, daß sie auch außerhalb der eigenen Küche die richtige ist. Natürlich ist es ihre Geldbörse, nicht seine.

    Übrigens liebe ich Norwegerpullis, aber andere müssen sie tragen; mir selbst ist darin immer viel zu heiß.

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  8. „Ich habe noch nie einen Norwegerpulli getragen, weil ich eine Wollallergie habe.“
    Das ist ja niedlich! Daher vielleicht die Ressentiments! Unverarbeitetes biographIsches Material, ins Literarisch-Intellektuelle gewendet. Nachtigall, ick hör dir trapsen …

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  9. [zitat]Nur damit es nicht heißt, ich wäre ein grober Klotz, der Traurigkeit nicht erkennt:[/zitat]

    Lieber Jules,
    egal welch unterschiedliche Gedanken und Vermutungen wir bei Erlebnissen oder Momentaufnahmen von Erlebnissen oder Geschichten haben, würde ich NIE, NIEMALS auch nur den Hauch einer Vermutung hegen, Sie seien ein grober Klotz.
    Bei dem Erkennen von Traurigkeit würde auch nur ein äußerst geschickter Schauspieler Sie für den Bruchteil eines Momentes täuschen können – da bin ich sicher!

    Gruß Heinrich

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    • Lieber Heinrich,
      trotzdem hat mir Ihr Kommentar zu denken gegeben, ob ich nicht vielleicht zu hart im Urteil war. Demgemäß will ich in Zukunft etwas vorsichtiger mit meinen Mutmaßungen sein.Es geht ja nicht dass die Teestübchenbesucher dauernd Mitleid haben müssen, wenn ich mal wieder einen Mitmenschen ins Rampenlicht zerre.
      Viele Grüße

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