Nasse Socken im Rampenlicht

Ich gehöre zu den Leuten, die ihrer Waschmaschine gerne beim Waschen zusehen. Manchmal kann ich mich gar nicht lösen vom dramatischen Geschehen, das das Bullauge meiner Waschmaschine offenbart, und ich habe manches aufwändig gestaltetes TV-Programm sausen lassen, weil ich vom Waschvorgang einfach nichts verpassen wollte. Wenn ich bedenke, dass an gewissen TV-Formaten ganze Hundertschaften beteiligt sind, die aufzuzählen ich jetzt echt zu müde bin, aber es fängt an beim Reinigungspersonal und den Kulissenbauern und endet nicht beim Ohrfeigengesicht, das die Sendung präsentiert, sondern da sind noch die Schufte in der Redaktion, die das Elend zu verantworten haben. Deren Leistung toppt meine Waschmaschine locker mit ihrem Sparprogramm. Wenn ich boshaft wäre, könnte ich sogar behaupten, ich hätte bei allen Filmen mit Til Schweiger lieber meinen nassen Socken zugesehen, wie sie im Waschvorgang mancherlei verschiedene Rollen angenommen haben und jederzeit vielfältiger, im Ausdruck faszinierender und überhaupt ansehnlicher waren als der oben genannte Schauspieler, dessen Namen ich lieber nicht mehr nenne, denn wer macht das hier wieder sauber? Ich kann ja nicht meinen Bildschirm nehmen und ins Kochprogramm stecken. Oder doch?

Auf der Technik-Messe CES 2016 wurde der aufrollbare OLED Bildschirm aus Folie vorgestellt mit 46 Zentimetern Bilddiagonale. Es wird bald Kühlschränke geben, auf deren Front so ein Bildschirm aufgeklebt ist, der den Inhalt des Kühlschranks zeigt. Wozu das gut sein soll? Angenommen, du stehst im Supermarkt und fragst dich, habe ich noch was im Gemüsefach? Dann kannst du auf deinem Smartphone deinen Kühlschrankfernseher aufrufen und nachsehen. Oder man setzt sich auf einen Stuhl vor den Kühlschrank und schaut der Paprika beim Vergammeln zu. Natürlich werde ich den naheliegenden Witz nicht machen, gewisse schauspielerische Leistungen könnten da nicht mithalten. Zumindest die große Menschheitsfrage, ob das Kühlschranklämpchen tatsächlich verlöscht, wenn die Tür geschlossen ist, erübrigt sich, denn wie jeder Schauspieler weiß, kann eine geschickte Beleuchtung manch unansehnliche Visage retten, und auch eine „moppelige“ Paprika muss natürlich ordentlich beleuchtet werden, damit  ein Talent wie Til Schweiger sie nicht locker an die Wand spielen kann.

Obwohl die oben genannten Anwendungen alle Quatsch sind, wird Kühlschrank-TV sich durchsetzen, sobald die flexiblen Bildschirme nicht viel teurer sein werden als eine herkömmliche PVC-Folie. Man kann solche Folienbildschirme dann auch auf die Tür des Kleiderschranks kleben, so dass jederzeit zu sehen wäre, ob sich ein nackter Mann drin verbirgt. Überhaupt wäre es eine schöne Steigerung in der Veröffentlichung des Privaten, wenn nichts mehr schamhaft hinter Mauern und Türen verborgen wäre, sondern jeder interessierte Passant an der Hauswand schon sehen könnte, was Hempels unterm Sofa haben. Schönen Tag.

EDIT
Den Text habe ich nachträglich zum Mitschreibprojekt des Kollegen Wortmischer  beigetragen, für das ich hier mit Freuden werbe. kleidermachenleute500x135