Acht Stunden frieren

Die Kälte fiel mir gestern auf die Füße, sobald ich ein Fenster öffnete. Einige Stunden konnte ich mich nicht überreden, aus dem Haus zu gehen, beobachtete nur gelegentlich die Leute, die auf dem Fußweg unten durch Schnee und Schneematsch stapften. Dabei drückte ich die Oberschenkel an den Heizkörper und lobte bei mir die Erfindung von Zentralheizung und Isolierglas. Als Kind habe ich noch Eisblumen erlebt, die sich aus kondensierter Atemluft innen am Fensterglas bildeten. Abends legte meine Mutter uns Kindern gegen die Eiskälte des ungeheizten Schlafzimmers einen heißen Ziegelstein ins Bett.

Gegen Mittag ging ich doch vor die Tür und fuhr mit der Bahn in die Stadt zum Mittagessen und um neue Staubsaugerbeutel zu besorgen. Die kaufte ich im Kaufhof, weil da auch mein Staubsauger herstammt. Neben dem Eingang zum Kaufhaus hat eine Bäckereikette einen zur Straße offenen Verkaufsstand, eine lange Ladentheke, wo sich fast immer eine Schlange von Kaufwilligen staut. Hannoveraner stellen sich brav rechts hinten an. Eine Weile stand ich im Bereich eines Propellers, der warme Luft vom Kaufhaus drinnen nach draußen schaufelte. Das war eine angenehme Welle, und ich rückte näher ran, um nicht einseitig erwärmt zu werden, derweil ich mir an der linken Seite Erfrierungen hole. Als ich noch Schriftsetzer war, arbeitete ich zuletzt in einer Setzerei, an deren Decke Heizstrahler hingen. Da hatte ich im Winter einen gut geheizten Kopf, rot erhitzte Ohren, aber klamme Finger und eiskalte Füße. Daran musste ich kurz denken, derweil ich in der Schlange stand. Indem ich weiter vorrückte, wurde es aber deutlich kälter. Ich entnahm meiner Geldbörse zwei Münzen, denn was ich kaufen wollte, würde 1,49 Euro kosten.
kaltNachdem die rundliche Bäckereifachverkäuferin meine Münzen genommen hatte, sagte Sie: „Sie haben das Geld aber schön angewärmt.“ Da erst realisierte ich, dass es abseits des Propellers längst nicht mehr kuschelig war und fragte mitfühlend: „Ist es kalt da hinter Ihrer Theke?“ Sie nickte, durfte sich ja nicht laut beklagen. „Oje!“, konnte ich noch sagen, als sie mir ein kaltes Centstück reichte, bevor sie sich abwandte. Es muss an so einem Verkaufsstand nicht kalt, sondern saukalt sein, wenn zwei handwarme Münzen schon geeignet sind, eine Verkäuferin zu erfreuen. Wer hätte überhaupt gedacht, dass Geld wärmen kann, abgesehen von Geldscheinbündeln, die unsereiner im offenen Kamin verfeuert, natürlich nur metaphorisch. Jedenfalls finde ich, man darf ruhig mal ein achtsames Wort über die Leute verlieren, die unter solch unwirtlichen Bedingungen Dienstleistungen erbringen.

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21 Kommentare zu “Acht Stunden frieren

  1. Ein achtsames Wort darf man verlieren, da hast Du recht. Vor drei Jahren konsultierte ich einen Physiotherapeuten, dessen Freundin als Verkäuferin in einer Bäckerei arbeitete. Während der Therapie erging sich der junge Mann in Klagen über die Frostbeulen an den Füßen seiner Freundin, die stundenlang vor dem Laden stehen musste und nicht einmal eine längere Pause machen durfte, und über soziale Ungerechtigkeiten im Allgemeinen. Das waren dann mehr achtsame Worte als mir lieb war. Dennoch muss ich sagen, dass sie bewirkten, dass mein Mitgefühl für Bäckereiverkäuferinnen, die bei Frost vor dem Laden stehen müssen, seither deutlich zugenommen hat. Übrigens auch mein Mitgefühl für Bäckereiverkäuferinnen, die bei 30 Grad im Schatten in einem kleinen Ladenlokal neben dem heißen Backofen arbeiten müssen. Irgendwann wird es auch wieder Sommer.

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    • Frostbeulen hatte ich nicht erwartet.Überdies weiß ich gar nicht, was ich dir antworten soll. Es ist gewiss manchmal lästig, wenn man solche Klagen wie die von deinem Physiotherapeuten hört. Aber die Berechtigung ist doch da oder nicht? Bei Bezahlungen im Niedriglohnbereich und wo der lächerlich geringe Mindestlohn sogar angefeindet und von überbezahlten Professoren wie Hans-Werner Sinn als Drohkulisse aufgebaut wird.

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      • Mir kamen die Frostbeulen auch ein bisschen übertrieben vor, aber der Winter vor drei Jahren war kälter als der jetzige (bisher). – Natürlich ist die Klage berechtigt, ich hätte sie mir nur vielleicht lieber angehört in einer Situation, in der ich zum Zuhören nicht quasi verurteilt gewesen wäre. Vor allem aber habe ich sie nicht gerne während jeder verdammten Therapiesitzung gehört.

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  2. Guten Morgen, Jules.
    Ein schöner Gedankenspaziergang. Beim Lesen spürt man Kälte und Wärme und lässt sich mit dir zwischen Eisblumen und der Schlange vor der Bäckerei treiben. Dass Geld wärmt, funktioniert wohl auch nur dann, wenn es zuvor in einer wohltemperierten Hand lag und freundlich weiter gereicht wird. Eine mitfühlende Frage und wenigstens für einen kurzen Moment wird es ein bisschen wärmer bei der einen und kühler beim anderen.

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  3. … und die Marktverkäuferinnen, die unter der Hand für weniger als den Mindestlohn mit über 70 ihre Rente aufbessern, während beim Italiener nebenan die Listermeileflanierenden unter dem Außenheizstrahler in einer kuscheligen Flanelldecke eingewickelt ihren Prosecco schlürfen…

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  4. Lieber Jules,
    wir mögen auch die kleinen Geschichten von Dir, besonders, wenn sie das Herz wärmen und Menschlichkeit zeigen. Und mit Kälte kenn ich mich aus: die Adventszeit 2015 wird für mich immer mit Heizungshorror verbunden sein 😉
    Liebe Grüße von der kuschelig couchenden Andrea

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    • Liebe Andrea,
      dein Zuspruch wärmt ebenso. Dank dir. Es tut mir leid, dass dir die Adventszeit durch Heizungshorror versaut wurde. Ich hoffe, es ist jetzt alles wieder in Ordnung, denn anders als im Dezember ist es jetzt ja richtig kalt.
      Lieben Gruß von einem, der grad froh ist, wieder zu Hause zu sein,
      nämlich Jules

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  5. Seit ich „A Street Cat Named Bob“ („Bob, der Streuner“) gelesen habe, sehe ich Obdachlosenzeitungsverkäufer (deren es in Berlin so viele gibt!) mit ganz anderen Augen. Und die ärmsten haben in den meisten Fällen nicht einmal einen Hund, geschweige denn eine Katze als Begleiter.

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    • Ja, Obdachlose Verkäufer von Straßenzeitschriften können sich nicht mal auf den Feierabend freuen oder darauf hoffen, einen Glücksgriff zu tun wie James Bowen. In Hannover heißt die Straßenzeitschrift „Asphalt- Magazin.“ Ich will nicht mehr soviel Papier im Haus, also gebe immer zwei Euro und behaupte, ich hätte die Zeitschrift schon.

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  6. Achtsamkeit bedarf feiner Antennen und eines zartfühlenden Herzens. Und eines klar denkenden Verstandes. Eine schöne Geschichte!

    Als stoische Optimistin vermag ich sogar dem kalten Los der drallen Bäckersfrau etwas abzugewinnen: dass sie – so nehme ich doch an – Zuhause die kalten Glieder an ihrem Liebsten wärmen, oder selbige in einer warmen, duftenden Wanne auftauen kann, um später in ihr wärmendes Bett zu steigen.

    Es gibt Menschen, die Kälte weniger gewohnt sind, als „unsereins“.. und die nur ein kaltes Zeltdach über dem Kopf haben und eine unbestimmte Zukunft vor Augen… und denen vor lauter sie anspringender Feindseligkeit möglicherweise irreversible Frostbeulen an der Seele entstehen. Aber ich spinne aus einem schönen, leuchtenden Faden ein wüstes, düsteres Gewirr.

    Vielen Dank für das mitTeilen der schönen Gedanken.
    Achtsamkeit… kann man ja auch schulen. Derartige Beiträge tragen dazu bei.

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    • Meine eigenen Antennen sind auch nicht immer so auf Empfang gestellt. Oft ist man zu sehr mit sich beschäftigt. Zudem ist die Wahrnehmung selektiv. Aber manchmal biete sich einem die Welt an und fordert den Alltagschronisten heraus. Danke fürs Lob. Ich hoffe auch, die frierende Verkäuferin hat sich derweil aufwärmen können. Aber es geht nicht um den Einzelfall. Es geht darum, dass die eigene Bequemlichkeit, das eigene Wohlleben auf Kosten von Mitmenschen organisiert ist, die es nicht so gut angetroffen haben. Wir sind vielleicht nicht direkt dafür verantwortlich, aber schon dem Käufer bei Primark muss klar sein, dass Blut an derart billige Klamotten klebt.
      Ihr vorletzter Satz lässt in dieser Hinsicht hoffen und ist eigentlich ein Auftrag. Ich will die Augen aufhalten.

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  7. Die schnelle Mark war mir schon geläufig, jetzt kennen wir auch die warmen Euros für die heiße Ware vom Bäcker, Verzeihung, von der Bäckerin. Die eigene warme Stube gewinnt doch gleich noch einmal, wenn man von anderen Menschen lesen darf, denen es weniger gut geht.

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