Adventskalender – 24. Türchen – Das Heiligabend-Hörspiel – Die Sonne des Königs

Dem nun folgenden Hörspiel liegt ein Text zugrunde vom 18. Dezember 2005. Ich habe die historische Sience-Fiction-Erzählung ein Jahr später modifiziert für die 2. Online-Lesenacht. In dieser Lesenacht habe ich einen Text in Episoden veröffentlicht. Es war eine Wanderung ins Jahr 21346. Das Hörspiel wurde produziert bei der Deutschen Welle. Der Sprecher, Rolf Wenkel, ist dort Wirtschaftsredakteur. Die Produzentin, Marion Wolff, war zu dieser Zeit Aufnahmeleiterin. Sie hat für das Hörspiel die Binnenerzählung und einen Teil der Rahmenhandlung zusammengefasst. Für die YouTube-Fassung habe ich noch eine Titelmelodie hinzugefügt. Sie stammt vom Wiener Musiker Martin Kratochwil. Er hat sie für meine Lesenacht komponiert und eingespielt. Die Grafiken der YouTube-Fassung sind von mir.

EDIT: Ich habe das Hörspiel zu meiner Sicherheit wieder herausgenommen, denn ein Musikverlag reklamiert absurderweise Rechte an den Schrittgeräuschen. Da ich den Kontakt zu Marion Wolff verloren habe, kann ich nicht prüfen, ob die Ansprüche berechtigt sind.

Teestübchen Trithemius wünscht Frohe Weihnachten!

Ersatzweise gibt es hier den Originaltext:


Die Sonne des Königs

Was wäre eigentlich, ich stelle es mir vor, was wäre, du würdest einmal vom Blitz getroffen? Du stündest allein auf einem weiten Feld, kein Haus in der Nähe, kein Baum. Eigentlich ist es ein Hügel. Ziemlich flach, doch dafür weit. Sanft wölbt er sich aus der Landschaft empor.

Und auf der Kuppe stündest du. Es schneit schon eine Weile. Du hast die Orientierung verloren. Die Richtung ist weg und dir ist kalt.

Plötzlich ein Grollen und dann folgt ein Licht. Auch das noch, denkst du, doch du willst es nicht wahrhaben. Es könnte ja auch etwas anderes gewesen sein. Weißt du, was irgendwo in der Nähe ist, das vielleicht ein wenig gegrollt hat? Auch das Licht ist doch eigentlich erfreulich, dann bist du doch in die richtige Richtung gegangen?

Gerade hast du dich mit Licht und Grollen versöhnt, bist weiter getappt, hast gerade einmal für fünf Gramm Mut, da donnert es, dass dein Herz ins Poltern kommt, Schnee wird zu Eis, und der Wind treibt dir Graupelkörner ins Gesicht. Du kannst dich nicht schützen, denn du musst ja vorwärts, du weißt, wenn ich stehen bleibe, bin ich verloren.

Ich will dich erlösen aus dieser Not, und lasse jetzt einfach einen Blitz auf dich zucken.
Er jagt durch dich hindurch, du spürst ihn kaum, doch irgendetwas ist mit dir geschehen. Du siehst noch aus den Augenwinkeln, wie der Boden sich hebt. Die hart gefroren Muttererde klappt hoch und klatscht dir ins Gesicht.
Du bist in Wahrheit zu Boden gestürzt, es war einfach der Sinn des Sehens, der zuletzt in Ohnmacht fiel.

Du wirst wach. Was ist das?
Du schaust an dir hinab und trägst die Uniform eines königlich preußischen Unter-Telegraphisten. Sie ist blau und hat silberne Litzen, denn du bist ja nur der Untertelegraphist.
Der mit den goldenen Litzen steht neben dir. Er neigt sich zur Wand und schaut durch ein Fernglas. Du siehst auf seinen gebeugten Rücken. Das Fernglas ist in die Außenwand eingelassen, denn jetzt siehst du, ihr beide steht in einem Turm. Der Raum ist ein Rund. An der Wand hängt eine Schwarzwälder Kuckucksuhr. Wo bin ich hier, denkst du erschrocken. Doch im gleichen Augenblick weißt du es. Denn in der Mitte des Raumes ist ein enges Gestänge. Es hat Hebel und ragt durch die Decke des Turmzimmers und darüber hinaus in den Himmel hinauf. Das jedoch siehst du nicht. Doch du weißt es genau. Denn wenn du zum Dienst gehst, verlässt du ein Haus am Fuße des Turms. Es ist auch ein Garten dahinter. Es gibt einen Stall und allerlei Kleinvieh. Denn weit und breit steht außer dem kein Haus. Aus diesem Bestand müsst ihr euch selbst verpflegen. Ihr beide habt Frauen, die mit euch dort leben.
Neben der Schwarzwälder Kuckucksuhr mit Schlagwerk hängt an der Wand ein Kalender. Du wirfst einen Blick darauf, denn heute ist Sonntag. Der Sonntagmorgen des 24. Dezembers 1848.
Im folgenden Jahr wird eine Horde aufgebrachter Bürger von Iserlohn heranziehen und den Turm besetzen. Sie werden die gesamte Einrichtung zerstören. Doch an diesem Morgen des 24. Dezembers weißt du das zum Glück noch nicht.
Im Gegenteil, du fühlst dich wohl. Denn obwohl es seit gestern unaufhörlich stürmt und manchmal schneit, habt ihr es warm im Turmzimmer, denn in der Ecke der Turmstube steht auch ein großer eiserner Kaminofen. Er heizt mächtig ein, denn du hast ihn eben noch gefüttert. Natürlich mit Holz, das holst du vom Stapel.
Du wirst jetzt deine Arbeit machen. Es ist Heiligabend ohne Zweifel. Doch arbeiten musst du, denn du bist ja ein königlich preußischer Untertelegraphist. Du musst jetzt acht geben. Dein Vorgesetzter hält auf dem Stehpult ein Logbuch bereit. Irgendwann in den nächsten Minuten, wird er dir rasch eine Kombination zurufen.
„B4!“, wird er rufen. Mach dich gefasst. Denn im selben Augenblick, wenn der Stationsvorsteher ruft, wirst du die richtigen Hebel ziehen. B4, das ist unten ganz links und mit der rechten Hand nimmst du den dritten. Du schaust dann lustigerweise immer zur Zimmerdecke. Obwohl du nicht sehen kannst, was die Hebel bewirken. Denn du siehst ja nur, dass die dünnen Stangen von B4 sich weiter durch die Zimmerdecke geschoben haben. Dein Vorgesetzter hat dich deshalb schon des öfteren schmunzelnd angesehen. Denn er ist zwar ein strenger preußischer Beamter, doch unter seinem Uniformrock klopft ein gutes Herz.

Warum tut ihr das eigentlich, hat dich deine Frau gefragt, als sie dich gerade frisch geheiratet hat. Du hast gesagt, wir sind die Boten, wir schicken Nachrichten in die Welt. Es heißt „Optische Telegraphie“, was wir machen. Wir stehen in den Diensten des höchsten Mannes dieses Landes. Der preußischen Regierung dienen wir. Der Turm sorgt dafür, dass die Befehle fliegen. Sie kommen aus Berlin und fliegen dank uns durch das ganze Reich. Du weißt nicht genau, ob deine Frau dich damals verstanden hat. Denn sie ist natürlich noch nie in Berlin gewesen. Und was „Das ganze Reich“ bedeutet, woher soll sie das wissen? Sie ist eine einfache schmucke Frau. Ein Mädchen vom Land, ein bisschen naiv. Doch was es wissen muss, kann es.

Jedenfalls weiß sie auch genau, dass es wichtig ist, dass du jetzt an den Hebeln wartest, obwohl es Sonntag ist und auch noch am Heiligen Abend. Sie ist auch ein bisschen stolz auf dich, dass du derart wichtige Dinge tust. Sie schaut dich auch gerne an, wenn du die schmucke preußische Telegraphisten-Uniform trägst. Wann kommt denn die Nachricht, denkst du schon zum zehnten Mal. Ist es denn nicht endlich so weit? Irgendwann in den nächsten Minuten wird der Obertelegrafist durch sein Fernrohr etwas Wunderbares sehen. Die Nachricht fliegt heran, die Nachricht: B4! Er sieht sie auf dem fünf Kilometer entfernten Hügel. Dort steht ebenfalls ein preußischer Telegrafenturm. Sein Signalmast ragt hoch in den Himmel. Er hat je fünf lange Signalblätter links und rechts am Mast. Doch wie sich die beiden Signalblätter bei der Nachricht B4 stellen, das weißt du nicht. Du bist ja nur der Untertelegrafist. Du brauchst das gar nicht zu sehen.
Dein Vorgesetzter weiß Bescheid. Er schaut durch das Fernglas und erkennt B4 sofort. Denn er ist ja schließlich gut ausgebildet.

Wenn er es sieht ruft er es dir zu. Deshalb schaut er alle zwei Minuten einmal gründlich hinaus. Beim heutigen Wetter wird er es etwas schwerer haben als sonst. Doch du bist sicher, er wird B4 erkennen. Du stellst die Hebel, und dann ist es getan. Ihr beide habt die Nachricht an den nächsten Turm weitergegeben. Dort wartet man auch auf B4. Das kannst du dir ja denken.
Der Stationsvorsteher wird dann B4 ins Logbuch notieren, sich umdrehen und gemessenen Schrittes den Raum durchqueren. Dort vor der Schwarzwälder Kuckucksuhr mit Schlagwerk bleibt er stehen. Er streckt den rechten Zeigefinger aus und dreht die Zeiger auf Berliner Ortszeit. Es ist genau ausgerechnet, doch du verstehst das nicht. Du weißt jedoch genau, was B4 bedeutet. B4 ist sehr wichtig. Denn es bedeutet: „Achtung, es werden die Uhren gestellt!“
Wenn dann eure Nachricht weitergeflogen ist, dann habt ihr verlässliche Berliner Ortszeit auf den Zeigern eurer königlich preußischen Schwarzwälder Schlagwerkuhr.
Überall im Land rund um euch rum, haben sie ihre eigene Ortszeit. Denn sie richten sich nach der Sonne. Das muss schließlich sein. Wer wollte sich denn nach dem Mond richten? Das wäre doch unsinnige Spielerei. Nein, die Kirchturmuhr geht nach der Sonne. Die Uhr des preußischen Königs dagegen die richtet sich nach ihm.

Dafür sorgt ihr als Beamte der königlich-preußischen Telegrafie-Linie, die doch tatsächlich von Potsdam bis Aachen und Koblenz reicht! Unzählige Türme unterwegs, eine stattliche Schar von Telegraphisten: Und zählst du ihre Frauen und Kinder dazu, … Jedenfalls sind es viele.

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20 Kommentare zu “Adventskalender – 24. Türchen – Das Heiligabend-Hörspiel – Die Sonne des Königs

  1. Lieber Jules, auch ich wünsche Dir und Deinen Lieben ein wundervolles Weihnachtsfest. Das Hörspiel werde ich mir später mit Tee und Ruhe anschauen und mit Sicherheit geniessen.Liebe Grüße, Ann

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    • Dankeschön, liebe Ann, das wünsche ich dir auch. Der Heiligabend ist ja noch lang und irgendwann ergibt sich vielleicht eine Viertelstunde Muße.

      (Morgen werde ich das Hörspiel zu meiner Sicherheit wieder herausnehmen, denn ein Musikverlag reklamiert absurderweise Rechte an den Schrittgeräuschen. Da ich den Kontakt zu Marion Wolff verloren habe, kann ich nicht prüfen, ob die Ansprüche berechtigt sind.)

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  2. Lieber Jules!
    Acuh von mir einen schönen Weihnachtstag! Es grämt mich, das ich dieses Jahr nicht vorbei kommen kann, aber hoffentlich dann bald wieder. Ich hoffe, ich schaffe es, mich öfter zu melden. Bis bald!
    Moritz

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  3. Da begegnen uns einige Motive, die wir aus deinen Arbeiten kennen – und der Optimismus, die Hoffnung, dass alles gut werden kann. Schön, dass wir die Möglichkeit bekommen, das alles einmal als produzierten Text zu hören, das hat einen eigenen Reiz. Übrigens – falls ich das noch nicht angemerkt haben sollte – Louis Paul Boon, der flämische Autor – arbeitete ebenfalls mit der 2. Person Singular, was zunächst ja ungewöhnlich ist.
    Frohe Feiertage
    Manfred

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    • Als Betreiber eines Teppichhauses, das ich ja auch noch immer habe, war ich immer bestrebt zu vernetzen, auch eben Inhalte von eigenen Texten. Wer schon länger und wie du aufmerksam liest, findet die Verknüpfungen. Das literarische Du schien mir in der ersten Zeit meines Bloggens den besonderen Rezeptionsbedingungen in diesem Medium angemessen. Die gesamten Nachtschwärmerfahrten sind so. Es verdichtet sich das Verhältnis zwischen Erzähler und Leser. Dann habe ich aber gemerkt, dass die dabei naheliegende Vermischung von Icherzähler und Autor problematisch ist und es zu persönlichen Verwicklungen und Projektionen kam, im Hörspiel unproblematisch, weil der Erzähler ein Fremder ist, aber sonst … Darum benutze ich das literarische Du nur noch selten.
      Dankeschön, dir auch frohe Weihnachtstage!
      Jules

      Danke für den Hinweis auf Louis Paul Boon. Wir benutzen dann beide das gleiche Stilmittel, doch ich vermute, dass die Wirkung anders ist. Ich werde mal nach ihm Ausschau halten. Kürzlich in meiner Büchersammlung wiederentdeckt: Paul de Wispelaere „Mijn huis is nergens meer“ und „Tussen tuin en wereld“. Hatte ich schon völlig vergessen und wills jetzt nochmal lesen. Kennst du ihn?

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  4. Mit dem Neffen auf dem Schoß und dem Köter im Rücken, habe ich auch das letzte Türchen deines Adventskalenders genossen.
    Ich muss es morgen noch mal in Ruhe nachlesen…der Hund leckt immer über das Display. Der Neffe versucht es ihm nachzumachen. Beide etwas doof 😉
    Schon heute will ich mich aber für die schöne Adventszeit bedanken. Weihnachten im Teestübchen – Danke, lieber Jules!
    Ein gesundes und frohes Fest wünscht dir deine Mitzi.

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    • Welch hübsche Impression. Ich kann es mir nach deinen Beschreibungen der familiären Situation in deinem Weihnachtstext bildhaft vorstellen. Um so schöner, dass du es nicht versäumst, im Teestübchen vorbei zu schauen. Das 24. Türchen wurde sozusagen unter erschwerten Bedingungen rezipiert..Den Adventskalender habe ich gern gemacht. Deine Aufmerksamkeit sowie die immerzu erbaulichen, klugen und einfach hübschen Kommentare waren mir Motivation und Belohnung. Ich danke dir, meine Liebe, und wünsche dir ein weiterhin fröhliches Fest im Kreise von Freunden und Familie, dein Jules

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  5. Ja, Schrittgeräusche sind ausgesprochen gefährlich! Vor allem wenn sie von schweren Männerstiefeln verursacht werden.
    Vermutlich sind heutzutage nicht einmal die Trapsgeräusche einer Nachtigall Allgemeingut.
    Da ich noch nicht in den Genuss gekommen bin, das Hörspiel zu hören, hoffe ich sehr, dass Sie Frau Wolff noch erreichen https://www.xing.com/de/people/marion-wolff-10084556/ oder ich hole mir eines Tages in einem Café in Linden einen privaten Link ab. 😉

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    • Sie sagen es. Ich hatte schon schlimmste Befürchtungen, als Google seine Dachorganisation Alphabet inc.genannt hat. Da dachte ich schon, dass bald Linzenzgebühren fällig werden, wenn wir schreiben. Es würde mich auch nicht wundern, wenn microsoft Lizenzgebühren beanspruchen würde, wenn wir aus dem Fenster schauen. Der Musikverlag hat jedenfalls großzügig die Verwendung der 20 Sekunden Schrittgeräusche gestattet, aber das Hörspiel monetarisiert, will also damit Geld verdienen. Mein Ärger darüber ist der eigentlche Grund, dass niemand es mehr hören kann, lieber Heinrich.

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