Adventskalender 23. Türchen – Fürsorgliche Untat

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Vor meinem Fenster ist ein Baum abgeschlachtet worden. Während meiner Abwesenheit haben die Männer vom Grünflächenamt ein großes Kettensägenmassaker veranstaltet. Man traut es ihnen gar nicht zu, denn sie stehen meistens rauchend irgendwo zusammen, fahren den Kleinlaster lustlos hin und her, sortieren Geräte auf der Ladefläche, heben sie hoch und werfen sie in eine andere Ecke, zwängen sich zu dritt ins Führerhaus, um Butterbrote zu mampfen, und über all dem fast absichtslosen, wie planlosen Geschehen hängt die große Frage, wann werden sie zur Tat schreiten und welche Tat wird das sein?

Diesmal haben sie einen Baum abgeschlachtet. Der Stamm ist kurz über dem Erdboden abgesägt, und um diesen Stumpf, dessen offener Schnitt vom Regen dunkelrot gefärbt ist, liegt Sägemehl, sehr viel Sägemehl, rotbraun im Zentrum bis orange weiter außen. Man hat den Baum mitsamt seinen Ästen und Zweigen offenbar an Ort und Stelle zermahlen, das Baumknochenmehl aber achtlos zurückgelassen, so dass es wirkt, als hätte Mutter Erde rund um den Stumpf eine schwärende Wunde.

Im Frühling erwacht der Baum aus dem Winterschlaf und stellt fest, er ist gar nicht mehr da. So als würde man selbst eines Morgens erwachen, wollte sich erheben und nichts wäre da, was man noch erheben könnte, kein Arm, kein Bein, rein gar nichts, außer einem Häufchen Knochenmehl. Und nur, weil in der Nacht ganz unbemerkt die Männer vom Grünflächenamt neben dich an dein Bett getreten sind und entschieden haben: Das alles muss weg! Arm, Bein und Rumpf sind morsch und somit eine Gefahr für die Menschheit.

Warum die Männer vom Grünflächenamt irgendwo auftauchen und zur Tat schreiten, ist ganz und gar rätselhaft. Mal tun sie etwas wirklich Sinnvolles, mal scheint ihr Tun wie Beschäftigungstherapie. Es ist natürlich zu fragen, ob man solchen, die therapiert werden, eine oder mehrere Kettensägen in die Hände drücken soll. Am Ende sind sie völlig geheilt, aber ringsum liegt alles darnieder, mit Lärm geschlachtet, in Stücke gesägt und lustvoll gehechselt und geschreddert. Wenn sie ihre gefährliche Therapie auch noch genau unter meinem Fenster machen, derweil ich grad mal einen Tag weg bin, scheint ein perfider Plan hinter allem zu stecken. Dann ist so gut wie nichts mehr sicher.

Roaaaarrrr! Roaaarrrrrrr!

Zounds, jetzt haben die Kerls mir auch noch die Pointe vom Text abgesägt!

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16 Kommentare zu “Adventskalender 23. Türchen – Fürsorgliche Untat

  1. „…ob man solchen, die therapiert werden, eine oder mehrere Kettensägen in die Hände drücken soll. Am Ende sind sie völlig geheilt, aber ringsum liegt alles darnieder, mit Lärm geschlachte….“

    Diese beiden Sätze hebe ich mir auf. Ich finde sie großartig und denke dabei weder an Bäume noch an das Grünflächenamt.

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  2. Hallo Jules, mir scheint, die sind geklont, alle Grünflächenarbeiter agieren scheinbar in dem gleichen Schema, in ganz Deutschland. Es werden Fakten geschaffen, unvorhersehbare, nicht nachvollziehbare. Zumindest sieht es so aus, für den „einfachen Bürger“ & Baumfreund. Was weg ist, ist weg. Hinterher wird sich von offizieller Seite, falls Protest kommt, mit der zitierten Sicherheit für die Menschheit gerechtfertigt. Ich finde es immer traurig, wenn ein Baum so gewaltsam stirbt. Ich oute mich hiermit auch als Baumumarmer. VG Willi

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    • Lieber Kollege Baumumarmer,
      du sprichst mir aus der Seele. Zumindest müssen für unsere Blogtexte keine Bäume gefällt werden. Wenn man bedenkt, welche stolzen Bäume schon dran glauben mussten, damit die erbärmliche Bild-Zeitung und derlei Drecksblätter gedruckt werden können …
      Viele Grüße,
      Jules

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  3. Der gefällte Baum… und das so kurz vor Weihnachten, da schlägt doch die Symbolik Purzelbäume. Schon unsere frühen Vorfahren hatten ja ein ganz besonderes Verhältnis zu Bäumen, die oft genug als heilig betrachtet wurden, was für ein Frevel, wenn da so ein heiliger Baum – die Irminsul? – geschlagen wird. Bonifatius, der eine geweihte Eiche fällen ließ, wurde später in Dokkum erschlagen – mit einer Axt gefällt? Und dann hätten wir ja auch noch den passenden Soundtrack: Mein Freund der Baum ist tot, er fiel im frühen Morgenrot…

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    • Alle Weihnachtsbäume, die wir in die Wohnung stellen, sind auch gefällt worden. Ist’s vielleicht ein christlicher Brauch, mit dem wir der Fällung heidnisch-heiliger Bäume gedenken? Als Bonifatius von friesischen Heiden erschlagen wurde., ereilte ihn dennoch Thors Rache für das Fällen seiner Eiche. Mein Freund der Baum • Alexandra • 1968 musste ich glatt googlen, weil ich es nicht kannte. Ein schöner Kitsch mit Gefidel (Geigen sind auch aus Holz).

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  4. Ich rege mich ja schon auf, wenn die Laubsauger im Herbst die Blätter von einer Ecke in die andere hinüber blasen, dann wieder retour und so weiter. Oft denke ich, dass die Herren darauf warten, dass die Blätter automatisch zum Abtransport auf die Ladefläche hüpfen … bloß hat ihnen keiner gesagt, dass sie das leider nicht tun. Aber das Blatt ist zu diesem Zeitpunkt längst tot und spürt von dem Hin-und-Her-Geblase nichts mehr. Ganz anders der kettengesägte Baum, der nicht mal in der Lage ist, rechtzeitig die Flucht zu ergreifen …

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    • So gings all die Jahre. Doch in diesem Jahr begann man erst spät mit der Laub-hin-und-her-Bläserei, als nämlich wirklich alle Blätter gefallen waren. Ich glaube, Hannover hat hier Einsparpotential gesehen. Weder mit Fällaktionen noch mit der nervigen Laubbläserei macht sich das Grünflächenamt Freunde. Dabei tun die doch alles nur aus Fürsorge.

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  5. Schlimm, dass es überall diese Männer gibt… Oft kann ich es auch nicht nachvollziehen warum sie das tun. Ebenso wenig, wenn sie zunächst alles wild pflanzen, ohne nachzudenken, dann aber merken, dass es gar nicht der richtige Standort für den Baum ist…

    Mein Freund der Baum… kommt mir sofort in den Sinn… die Stimme so schön, und Bäume, ja die liebe ich…

    Liebe Grüße,
    Silbia

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    • Mein verstorbener Freund Coster war Stadtplaner in Aachen und hat mir mal erklärt, dass jeder Fällaktion Proben am Baum vorausgehen, und er hätte sicher energisch bestritten, dass Bäume planlos gepflanzt werden. Aber egal – uns erschließen sich die Maßnahmen oft nicht.
      „Mein Freund der Baum“ kannte ich übrigens nicht.

      Lieben Gruß,
      Jules

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      • Ja, ich glaube schon, dass da Proben entnommen werden etc. . Nur sehe ich oft nicht ein, dass Bäume weichen müssen, weil Menschen meinen noch mehr zubetonieren zu müssen. Aktuell hier in der Stadt erst 65 Bäume dann irgend etwas in der 30…
        …und nun kennst du das Lied von Alexandra??

        Liebe Grüße aus der Silbenkemenate,
        Silbia

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