Adventskalender – 20. Türchen – Der Weihnachtsstern ist ein kleines Licht

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Weihnachtliche Innerlichkeit – zuletzt habe ich sie als 10-jähriges Kind empfunden. Meine Familie lebte auf einem katholischen Dorf im Rheinland. Am Heiligabend nach der Bescherung, so gegen 12 Uhr nachts, gingen wir zur Pfarrkirche in die Christmette, wo sich versammelte, wer schon oder noch laufen konnte. Diese Mette dauerte fast die ganze Nacht hindurch. Man musste in den harten Holzbänken knien, stehend singen, durfte zur Predigt sitzen, dann wieder knien, stehen, knien, derweil Priester und Messdiener am Altar ihre rituellen Verrichtungen vollzogen – Latein brabbelten und uns zur brausenden Orgel singen hießen. Die Knie schmerzten mir schon bald, die Krippe seitlich des Altars hatte ich mir über alle Hirten bis zum kleinste Schaf längst angesehen, aber die Mette wollte und wollte nicht zu Ende gehen. Dann endlich gegen 4 Uhr am Morgen sangen wir erleichtert das Schlusslied, und als wir vor das Kirchenportal in die eiskalte Nacht hinaus traten, da hatte es geschneit. Wir stapften frierend aber froh durch den Neuschnee nach Hause, wo schon bald der Weihnachtsbaum erstrahlte, die Wohnung nach Kaffee duftete und der Christstollen zum Frühstück angeschnitten wurde. Was man sich so hart hatte verdienen müssen, verlieh dem jungen Weihnachtsmorgen einen fast überirdischen Glanz. Und schon bald zog sich jeder in eine Ecke zurück und widmete sich seinen Geschenken.

Diese weihnachtliche Innerlichkeit ging mir bald verloren. Wieder gefunden habe ich sie nie mehr, obwohl die Geschenke größer und teurer wurden. Als ich selbst Familie hatte, tauchte das Wort Stress auf, vorweihnachtlicher Stress der unzähligen Besorgungen, die Weihnachten erforderte, und mit den Jahren wurde rundum die Klage über Konsumstress immer lauter. Inzwischen aber hat sich die Klage verloren. Vor drei Jahren habe ich bei meiner damaligen Münchner Freundin einen großen Kleiderschrank aufgebaut, zwei Tage waren wir damit beschäftigt. Derweil hörten wir Radio einen dieser privaten Sender, die das Wort „Antenne“ im Namen führen und in ganz Deutschland die gleiche Klangfarbe, ähnliche Jingles und ähnlich durchgeknallte Moderatoren haben. Diese Moderatoren plapperten den ganzen Tag vom Weihnachtsstress, aber es war keine Klage darin, sondern es ging darum, die Kauflust aufzuheizen, einen kollektiven Kaufzwang aufzubauen in Hörertelefonaten, Weihnachtsbaumverschenkaktionen und dergleichen lustvoll ächzendem Gerede über noch zu besorgende Geschenke, zu planendes Weihnachtsessen und überhaupt um die Segnungen des Konsums. Autovermieter SIXT, bei dem ich einmal im Leben ein Auto gemietet hatte, nämlich für meinen Umzug nach Hannover, schickte mir eine Werbe-E-Mail, die überschrieben war mit: „Merry SIXTmas!“ Besser lässt sich die Okkupation und Sinnentleerung von Weihnachten durch Handel und Gewerbe kaum zeigen.

In der Bahn der Linie 1 sitzt mir gegenüber ein kleiner alter Mann mit zerfurchtem Gesicht und Altersflecken auf der hohen Stirn. Die schlohweißen Haare hat er akkurat nach hinten gekämmt, er trägt einen Rautenpullover, darüber ein dunkelbraunes Jackett, an den Beinen hat er eine hellbraune Hose. Seine Füße stehen in braunen etwas abgelatschten Halbschuhen. Mit Todesverachtung schlägt er die Hamburger Morgenpost auf und beginnt halblaut zu kommentieren, was er liest. Dann blickt er auf und sagt: „49 Prozent der Deutschen haben keinen Weihnachtsbaum, steht hier. Ich habe noch nie einen Weihnachtsbaum gehabt – so’n Scheißdreck!“

Eine junge Frau vor dem Aldimarkt. Sie ist grau im Gesicht und zittert am ganzen Körper, denn sie trägt dünne verschossene Sachen. Jeden, der vorbeikommt, fleht, jammert sie an: „Bitteee!“
Die Leute schieben sich an ihr vorbei. Die Frau ist gruselig, man mag nicht mit ihr in Berührung kommen, man will ihren Atemhauch nicht haben. Ihr Elend verdirbt die Laune. Auch ich gehe rasch durch die Tür.

Ich kaufe, was ich brauche. Schultere meinen Rucksack und gehe hinaus. Eine Tafel Schokolade habe ich nicht eingepackt.

Draußen die jammernde Frau.
Ich gehe zu ihr, sehe sie an und sage:
„Sie brauchen Energie!“
Sie schaut überrascht zurück, nimmt die Schokolade, lacht wie ein Kind und zeigt einen fast zahnlosen Mund. Ich warte, bis sie wieder aufblickt, schaue ihr in die Augen.
„Und achten Sie ein bisschen besser auf sich, ja?!“
Sie ist verwirrt.
„Werden Sie das tun?“
„Ja“, sagt sie endlich.

Ein Bus kommt heran und hält. Sie sieht ihn, rennt hin und springt hinein. Sie wird nicht besser auf sich achten, nur für einen Moment. Wird mit ihrem zahnlosen Mund die Schokolade lutschen, sitzt im warmen Bus und ist für einen Augenblick froh. Sie braucht viele Menschen, die auf sie achten, damit sie sich wieder achtet. Sie war einmal ein hoffnungsfrohes Kind wie du und ich. Das Leben hat sie zermalmt. Jetzt ist sie elend.

Doch wir haben keine Zeit.
Wir müssen hasten und einkaufen,
Geld verdienen, Geld ausgeben.
Weihnachten steht vor der Tür.

Jeder mag sein Weihnachten ansiedeln wo er will. Ich wünsche euch von Herzen einen schönen 4. Advent und ein schönes, besinnliches Weihnachtsfest.

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12 Kommentare zu “Adventskalender – 20. Türchen – Der Weihnachtsstern ist ein kleines Licht

  1. Deine Texte muss ich am Rechner lesen. Weder auf dem Handy noch auf dem Tablett funktionieren die Animationen so wie sie sollten. So lange wie heute habe ich noch nie auf eine geblickt. Vor dem Lesen, war sie nur hübsch – die aufleuchtende Zahl. Nach dem Lesen ist sie es noch immer, aber auch viel mehr. Ein Licht das aufleuchtet, wenn du vom hl. Abend deiner Kindheit erzählst. Die anstrengende Christmette, die mit vier Stunden für ein Kind qualvoll und zermürbend lange ist. Für einen Erwachsenen auch. Wer kann sich schon so lange konzentrieren, wenn die Knie schmerzen und wer kann den Worten der Predigt etwas schönes oder tröstliches abgewinnen, wenn er friert oder wenn vor Müdigkeit die Augen zufallen. Trotzdem ist sie eine schöne Erinnerung, danach gab es Frühstück und Raum für kindliche Freude, die vielleicht erst durch den Gegensatz so in Erinnerung geblieben ist. Dann verschwindet die leuchtende Zahl irgendwo im nächtlichen Himmel und erlischt ebenso schnell, wie die Weihnachtserinnerung in deinem Text. Es sind andere Erinnerungen. Weniger heimelig, echter am heutigen Leben und reichlich abgeklärt. Das Geschenk der Schokolade lässt das Licht noch einmal kurz aufflackern.

    Die Kurzfassung würde wohl reichen. Vielleicht sogar besser. Also: Chapeau, lieber Jules! Der Text haut rein. Er wirkt nach. Und die Animation trifft bei mir einen Nerv, welchen auch immer.
    Auch dir von Herzen einen schönen 4. Advent.

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    • Dein schöner Kommentar, liebe Mitzi, zeigt wunderbar, wie sinnlos die bei Lehrern früher beliebte Interpretationsfrage „Was will uns der Autor sagen?“ ist. Ich will zum Nachweis die Enstehungsbedingungen enthüllen. Gestern Abend hatte ich für heute einen anderen Text geplant. Den heutigen wollte ich auf den 23. verschieben. Aber um 12 Uhr letzte Nacht fehlte noch das Startbild für den heutigen Tag. Ich war müde, und deshalb durfte es nicht zu komplex sein. Ich hatte da diese eingescannte Tintezeichnung aus einem meiner Tagebücher und wie ich so überlege, was da zu animieren wäre, fiel mir ein, die 20 aufsteigen und verschwinden zu lassen wie zu sehen. Heute Morgen wurde ich erst gegen 8 uhr wach und sah, als ich den Rechner gestartet hatte, dass für den 20. zwei Texte erschienen war, auch der, den ich glaubte geschoben zu haben. Der heutige hatte kein Startbild, aber Jennifer hatte ihn schon geliket. Da sie mich eigentlich zum Adventskalender angeregt hat, akzeptierte ich ihre Entscheidung, legte den anderen Text in den Papierkorb und fügte dem hier das Bild zu. Du hast jetzt diesen schönen ZUsammenhang hergestellt, der in sich schlüssig und überzeugend ist. Und auch dein Befund, kürzer wäre besser, lässt mich staunen. Denn der Text ist eine Kolportage, die letzte Situation hatte ich ursprünglich als eigenen Text veröffentlicht. Da hieß er „Schokolade für einen zahnlosen Mund. “ Als ich ihn kürzlich wiederfand, trieb er mir die Tränen in die Augen, und ich dachte bedauernd, dass ich nicht mehr so gehandelt habe in letzter Zeit. Jetzt ist alles enthüllt, aber deine Interpretation überzeugt trotzdem, sagt ja auch Ann.

      Gefällt 2 Personen

      • Die Hälfte meiner Antwort habe ich vorhin via Handy wohl gelöscht.
        Ein Text ohne Startbild bekommt ein ihm nicht zugedachtes und ist für mich so passend, dass ich begeistert interpretiere wo es ursprünglich nichts zu interpretieren gab. Ich mag den Gedanken. Kunst und Kreatives…was beim Empfänger ankommt ist schwer zu steuernd und daher spannend.
        Schokolade für einen zahnlosen Mund hat auch mich sehr berührt. Die Erzählung und die Geste.

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        • Ich wollte nicht sagen, dass Interpretation sinnlos ist, sondern die einzige Interpretation, nämlich die ein Lehrer für die richtige hält, obwohl es nur seine Lesart ist, die er Kraft seiner Position durchsetzen kann. Also wollte ich weder deine Interpretation schmälern noch die Wirkung meines Textes entzaubern. Die Offenheit für Interpretation ist eigentlich das Merkmal des Kunstwerks. Daher gibt es bei fiktionalen bzw. literarischen/lyrischen Texten immer etwas zu interpretieren. Letztlich entspricht das, was geschehen ist, einer Kreativitätstechnik, die der britische Kreativitätsforscher Edward de Bono entwickelt hat: „Zufällige Eingabe“ Ich habe sie bewusst eingesetzt in meiner Examenslehrprobe zum Literaturuntericht. Jede Schülerin (ich war Referendar an einem Mädchengymnasium) bekam das gleiche Gedicht, aber mit je einer anderen Überschrift, die ich zufällig aus dem Wörterbuch gesucht hatte. Es war erstaunlich, was da für tolle Interpretationen herauskamen.
          Was wohl in der Hälfte deines Kommentars stand, den dein Handy frecherweise verschluckt hat?

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  2. Hallo Jules, das ist wieder eine sehr schöne Geschichte, ich war „mittendrin“. Der Weihnachtszauber, ja, nie wird er wieder so werden, wie man ihn als Kind empfand. Mein Opa hat mir immer selbstgebautes oder selbstgebasteltes geschenkt, das waren immer die schönsten Geschenke, viele davon hab‘ ich sogar heute noch. Er starb, als ich 13 war, ich glaube, danach war der Zauber tatsächlich auch vorbei. Ich wünsche Dir auch einen schönen 4. Advent. Ohne Hast und Hektik. VG Willi

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    • Hallo Willi, das freut mich und danke für das Lob. Ich habe übrigens den Eindruck, das Selbstgebasteltes im Wert wieder steigt, denn persönlicher gehts ja nicht, was du ja auch bestätigst, indem du dein Weihnachtsgefühl an deinem Großvater festmachst.

      Danke für die guten Wünsche und beste Grüße,
      Jules

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  3. Ja, viele von uns haben weihnachtlichen Bilder im Kopf, emotional aufgeladene Kindheitserinnerungen, die auf ewig verloren sind und deshalb immer auch ein wenig Melancholie heraufbeschwören und es stimmt ja, wenn wir das Fest zum Fest der Menschlichkeit machen, dann ist das schön, dann kann es Bedeutung haben, egal, welche Funktion es für die Kirche oder den Markt haben soll. Also: Einen schönen 4. Advent.
    Manfred

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    • Eine Sammlung dieser Kindheitserinnerungen wären auch hübsche „Kleine Geschichten“ . Vielleicht werde ich so ein Erzählprojekt im nächsten Jahr machen. Danke für die Anregung, lieber Manfred.
      Gute Beispiele von Mitmenschlichkeit gibt es auch in großer Zahl. Man erfährt davon zu wenig.
      Schönen Adventssontag,
      Jules

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  4. Ich hänge an der Schokolade für den zahnlosen Mund…
    Vor wenigen Monaten erlebte ich eine Situation, die auch solch ein Erstaunen auslöste. Dieses kleine Glücksgefühl vermittelt zu haben ist auch für die/den Gebende/n ein Geschenk. Ich werde es gewiss wieder tun…

    Lieben Gruß,
    Silbia

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