Adventskalender – 15. Türchen – Schade um den Gong – ein Bericht aus alten Tagen

tür15Münchner Kleinwagen, gesehen in München, Schwanthalerhöhe – Foto und Gif-Animation: Trithemius

An manchen Tagen, wenn du dich mit einer gleichgültigen Haltung hast ausstaffieren müssen, um unauffällig mitschwimmen zu können im Strom der Menschen auf den Straßen der Stadt, an solchen Tagen braucht es nicht viel, deine Seele aufzuschließen, so dass die Gefühle, vor denen du eigentlich fliehst, dich plötzlich machtvoll durchströmen und dir die Fassade zu rauben drohen. Natürlich ist alles nur Ergebnis des Fließens der Säfte, von denen du nicht weißt, welche Teile des Gehirns sie befehligen.

Ich traf die Frau meines Freundes und sie fragte, wie es mir geht.
„Gut“, sagte ich.
„Na, lügst du auch nicht?“

Sie ist eine dieser zauberischen Frauen, die dir gleich auf den Seelengrund gucken, egal ob du ihn sicherheitshalber abgedeckt hast. Da musste ich noch ein paar Lügen hinterher schieben, um sie vom Thema abzubringen, denn wer will schon stehenden Fußes vor dem Haupteingang der Post sein Herz entleeren. Überhaupt weiß ich nicht, ob es zu den vernünftigen Tätigkeiten gehört, sein Herz auszuschütten, denn anschließend muss man doch alles wieder aufklauben und nach Hause tragen.

Das war gestern und heute ging es mir nicht anders. Ich fand die Tür der Aula Carolina offen, eine ehemalige Kirche in der Pontstraße, nahe dem Markt, die für diverse Veranstaltungen genutzt wird. Man lud zu einer musikalischen Klangreise im verdunkelten Kirchenschiff. Zwischen den mächtigen Säulen war gleich einem Altar ein Podium aufgebaut. Kaum hatte ich mich zu den wenigen Mitreisenden gesetzt, wurden Kerzen entzündet und ein Ton schwoll an, der sich eine Weile hielt.

Auf dem Podium ein Mann und eine Frau.

Er hatte eine Sorte Kommandostand, war umringt von diversen elektronischen Geräten. Zuerst verneigte er sich vor dem Götzen Computer, dessen flimmernder Bildschirm ihn zu sich rief. Dann wandte er sich der Frau zu und bedeutete ihr, dass der Computer die Erlaubnis zur Klangreise erteilt hatte. Sie hielt eine Violine, war keine Schönheit und hatte ihre Kleidung wohl im Finstern ausgesucht. Als sie zu fideln begann, musste ich an Ambrose Bierce denken, der meinte, es könne nicht viel dabei herauskommen, wenn man Rosshaar über Katzengedärm zieht.

Ja, das Klagelied der Natur, dachte ich, derweil sie ihr Instrument zersägte. Doch sie spielte mit Hingabe, und als der Mann den gehaltenen Ton variierte, flossen die Töne hübsch ineinander. Mal verschmolzen sie, mal hob sich das Klagen der Geige über die elektronischen Klänge hinaus und segelte über den Klangteppich hinweg unter das Deckengewölbe.Dann simulierte der Synthesizer ein Klavier. Das Klavier fragte, die Geige gab Antwort. Er kraftvoll und fordernd, sie verhalten und verspielt. Ein schönes Gespräch.

Orgelklänge schwollen an, brausten durch das Kirchenschiff, und die Geige schien darin zu ertrinken. Mit einem Mal raffte sie sich auf, fand Lücken, sich Geltung zu verschaffen, wurde frech sogar, – um dann wieder mit der Orgel zu verschmelzen. Da waren auch gezielte Dissonanzen in der Musik, gleich einem verhalten geführten Streit.

Jetzt die Versöhnung, erst freundliche, dann süße Klänge, die Zug um Zug wilder wurden. Es war wie das Spiel von Liebe und Lust; und gerade daran wollte ich nicht denken.

Eigentlich hatte ich längst genug gehört, denn sie spielten ihr Spiel in vielen Variationen. Doch ich blieb, weil ich wissen wollte, ob und wie der große Gong zum Einsatz kommen würde, der so verheißungsvoll goldglänzend in einem Gestänge hing. Dann war ich so ungeschickt, die Augen zu schließen, wurde mitgerissen und von Erinnerungen gewalkt. Das hätten sie mir nicht antun müssen. Darum bin ich gegangen.

Schade um den Gong.

Der Rückweg beschied mir eine Reihe surrealer Momente. Das Treiben auf der Straße schien mir fremd. Ein zwergenhafter Mann kam auf mich zu, der mir allenfalls bis an die Hüfte reichte. Er führte einen schwarzen Dackel an der Leine, oder der Dackel führte ihn. Ich habe noch einmal hingeguckt, ob der Dackel keinen Sattel trug. Es hätte gepasst. Der kleine Mann schaute grimmig, was ich ihm nicht verdenken konnte. Denn es ist schon ein hartes Los, so aus der Norm zu fallen. Dann der blonde Mann im Engelladen, der gerade Engelnippes in der Auslage arrangierte. Unsere Blicke trafen sich. Er schaute weg, denn er schämte sich, dass er sein Geld mit Engelaberglauben verdient. Zwei Migrantensöhne joggten auf mich zu, im knallbunten Joggeroutfit. Der kleinere hatte Säbel- der größere X-Beine. Der Säbel sagte zum X: „Wir beten doch alle Gott an!“

Drei heruntergekommene Menschen, zwei Männer, eine Frau, standen redend auf dem Bürgersteig und versperrten mir den Weg. Die Frau war vom Leben ziemlich verbeult, doch über ihrem Arm trug sie ein weißes Brautkleid. Es war in eine Plastikfolie eingepackt und schien einer anderen Wirklichkeit anzugehören. Sie sprachen gerade über „zehn Euro“, und das war ihnen ziemlich viel Geld.

Es ist nur eine kleine Auswahl gewesen von dem, was ich heute sah, weil mir unglücklicher Weise das Herz weich gemacht wurde. Doch ich frage mich, was ist das eigentlich für ein Gott, den „wir alle“ anbeten? Und warum habe ich einen Götzen im Herzen, der mich wirr macht, wie er gerade lustig ist?

Guten Morgen und schönen Tag

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16 Kommentare zu “Adventskalender – 15. Türchen – Schade um den Gong – ein Bericht aus alten Tagen

  1. Den Götzen im Herzen, den kenne ich auch. Dünnhäutig ist man manche Tage, dann sieht man das Kaleidoskop der menschlichen Vielfalt sehr klar. Nicht immer ist das erbaulich aber immer wieder faszinierend. Vielleicht hättest du doch den Gong abwarten sollen und wärst dann versunken an all dem vorübergegangen ohne es wahrzunehmen und dir wäre so viel entgangen. Aber glücklicherweise haben wir manchmal ein weiches Herz, sei froh darum, denn das öffnet die Sinne.

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  2. Liebeskummer überlebt man. Ich bin da dann ein starker Kopfmensch. Aber ich habe meist den Partner verlassen und bin nicht verlassen worden, was von Vorteil ist. Bin ja gerade in der Trennungsphase und auch etwas dünnhäutig aber auch voller Neugier was danach kommt.

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  3. Eine wundervolle Geschichte, lieber Trithemius!
    Ich weiß nicht, ob es gesund ist, auf diese Weise in der Welt zu sein. Aber es sind andere Krankheiten, die diese Welt an vielen Stellen unmenschlich machen. Sie halten mit Ihrer dünnen Haut besser „dagegen“ als alle Elefantenhäute!
    Gruß Heinrich

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    • Dankeschön, lieber Heinrich. Ihr Kommentar überzeugt mich natürlich sogleich, geht quasi direkt unter die Haut. Gut, dass Sie die Verhältnisse zurechtrücken. Inzwischen ist mein Ideal freilich, mir durch nichts und niemand die Ataraxie rauben zu lassen, weils gesünder ist fürs Herz.

      Beste Grüße,
      Ihr Trithemius

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  4. Diesmal ein Text in einem ganz anderen Ton, viel melancholischer – aber mit hübschen kleinen Spitzen gegen Musiker, die mehr wollen als sie können. Schön auch, dass du dann doch noch genießen konntest, was sie dir boten. Nach der Lektüre denke ich, du hast da eher eine Götzin im Herzen.

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    • Da hast du recht gedacht. Ich hatte mich grad von meiner großen Liebe getrennt und das war, als hätte ich mir bei vollem Bewusstsein einen Arm abgesägt. Doch die Diktion meiner Texte hat sich über die Jahre verändert. Solch emotionale Texte schreibe ich kaum noch. Das Internet ist ja voll von Befindlichkeitspoesie. Da fehlt meine nicht. 😉

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    • Vermutlich. Auf jeden Fall müsste sie anders heißen, und meine Stimmung wäre anders gewesen. Ich hoffe, meine abfälligen Anfangsbemerkungen über die Fidelei strahlen nicht auf die ganze Darbietung, denn sie war wohl weit besser als ich eingangs vermutet hatte.

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      • Oft ist ja der Soundcheck davor besser als das Konzert danach, wie ich des öfteren erleben durfte. Bei dir war es umgekehrt. Dennoch steuert die Geschichte schnurstracks auf den Gong zu, obwohl du von Anfang an weißt, das wird nix. Dies zeichnet den großen Schriftsteller aus: er breitet die Story gekonnt aus und packt den Plot in einen kurzen Nebensatz.

        Ist jetzt freilich völlig subjektiv, weil ich das so lesen wollte. Niemand außer mir wird diesem Gong diese Bedeutung beimessen. Obwohl …

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  5. Unglaublich, dieser Text. So traurig und schön zugleich. Das Bild von den beiden schräg spielenden Musikern und das sich entfremdet fühlen, mitten im Strom der Stadt. Man spürt einfach, dass es wahr ist. Dieser Text transportiert so viel Gefühl, lieber Jules. Ich hätte nie gedacht mal so was von dir zu lesen zu bekommen.
    Ach, ja. Die empfindsamen Marktfrauen wieder 😉
    Ich finde, schlimmer als solch einen ab und an schmerzlichen Götzen im Herzen zu tragen ist wohl nur gar nichts zu fühlen, denn dann wäre dieser klangvolle Text nie entstanden.
    Lieben Gruß

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    • Liebe “empfindsame Marktfrau”
      Ich hab auch ein Herz. 😉 und weiß, dass ich intensiver schreiben kann, wenn ich unglücklich bin. Da sind viele Texte im Giftschrank gelandet, weil sie sich nicht für eine Veröffentlichung eignen. Ich mag sie auch nicht mehr lesen. Für die eigene Seelenruhe ist es gut, wenn Herz, Hand und Verstand gleich gut entwickelt sind und gleiche Rechte haben. Wenn nur das Herz spricht, ist die Grenze zur Gefühlsduselei fließend, und gefühlsduseligen Kitsch gibt es tausendfach zu lesen. Vielleicht sind meine Texte in letzter Zeit etwas kopflastig, aber das liegt wohl daran, dass ich immer noch einen Bildungsauftrag spüre. Außerdem ist es pfleglicher für mich und sozial nützlicher. Was wirklich zu kurz kommt, ist echtes Handwerk, Handschrift, Kalligraphie, Zeichnung, Gestaltung mit Material. Das alles verdrängt der Rechner, ohne dass ich es will.
      Lieben Gruß

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