Adventskalender – 14. Türchen – Die Faszination der Zwänge – Tunk nie ein Knie ein, Knut!

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Das war der Stand der Dinge am Abend: Ein Text wollte nicht rund werden. Ich hörte Musik, trank eine halbe Flasche Wein und ging früh zu Bett. Manchmal hilft das gegen unrunde Texte. Nicht selten und unrunde Texte sind morgens nach ein paar Handgriffen rund wie Apfelringe. Am nächsten Morgen erwachte ich, als es gerade erst dämmerte und was war? Reimzwang! Ungezählte Reime gingen mir durch den Kopf, aber ich war noch nicht wach genug, sie mir zu merken, sondern musste immer wieder von vorne anfangen, kam dabei auf neue Ideen, und so ging alles hübsch durcheinander. Immerhin diese zwei Verse konnte ich rekonstruieren.

Sönnchen zeigt sich, Vöglein singt,
Dieser Tag beginnt beschwingt.

Leider bin ich noch mal eingeschlafen. Als ich erwachte, war das:

Vöglein schweigt und Regen prasselt,
Dieser Tag ist schon vermasselt.

Naja, wenns sowieso regnet, kann ich mich besser aufs Schreiben einlassen. Der Reimzwang war zum Glück weg. Es gab eine Zeit, ich war noch jung, da litt ich an einer anderen Form zwanghaften Verhaltens. Ich suchte unablässig Palindromwörter, denn ich wollte in Atari-Basic ein Computerprogramm schreiben, das aus einer Liste von Palindromwörtern ohne Unterlass Satzpalindrome generiert. Die Palindromsuche wurde zur Manie. Ich musste alle Wörter rückwärts lesen. Ich konnte nicht mal in Ruhe in der Badewanne liegen. Jedes Fläschlein, jedes Tübchen in greifbarer Nähe, mussten gegriffen und ihre Aufschriften rückwärts gelesen werden.

In einem Text über Palindrome im Magazin der FAZ vom 9. Mai 1986 schreibt der Autor: „Im Mittelalter sollen Mönche bei der Palindromsuche den Verstand verloren haben.“ Obwohl ich für diese Behauptung nirgendwo einen Beleg gefunden habe, mochte ich das glauben, denn der Drehwurm schob sich vor alle meiner Gedanken. Wenn es nicht stimmt, ist es gut erfunden, dachte ich, zumindest aus heutiger Sicht. Die Kunstform des Palindroms ist nämlich ein Opfer unserer rigiden Orthographie, denn indem wir die Identität eines Wortes an der exakt der Dudennorm entsprechenden Schreibweise festmachen, sind die Schranken so eng, dass sinnreiche Palindrome kaum noch zu entwickeln sind. Was aber Tante FAZ überhaupt nicht bedacht hat: Mittelalterliche Mönche schrieben Latein und verwendeten zahlreiche Abkürzungen. Wenn sie also gaga geworden sind, dann wohl eher aus religiösem Wahn. Das und weil Latein sich viel besser für Palindrome eignet als Deutsch, beruhigte mich ein bisschen. Trotzdem: Aus Sorge um meinen Verstand schrieb ich ein kleines Programm in GW-Basic, mit dem sich Wörter umdrehen ließen:

Das Programm und mein hartnäckiger Rückwärtslesezwang brachte mir eine Sammlung von gut einhundert Palindromwörtern ein. Ich ordnete sie nach Wortart, Flexionsform und programmierte drei Satzbaupläne für einen Zufallmodus. Dann konnte mein Blechtrottel quasi unendlich viele Palindromsätze generieren. Allerdings waren nur wenige Palindromsätze auch rückwärts grammatisch korrekt. Den ellenlangen Output des Programms finde ich leider nicht, habe auch keinen Computer mehr, auf dem mein Programm laufen würde, aber zwei brauchbare Sätze sind mir noch in Erinnerung:
LEO LIEH HEILOEL.
LEG RENTNER NIE NEBEN EIN RENTNERGEL.

Das längste deutsche Wortpalindrom ist Reliefpfeiler, gefunden hat es der Philosoph Arthur Schopenhauer. Von ihm stammt auch der bekannteste Palindromsatz „Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie.“ Man traut sich kaum noch, ihn zu zitieren, aber eine politisch korrekte Variante kenne ich nicht. Das längste bekannte Palindromwort ist mit 15 Buchstaben das finnische Wort Saippuakauppias (Seifenverkäufer).
Im Internet sammelt ein Ulf Hinze auf Gnudung.de Palindrome. Die alphabetisch geordnete Liste ist inzwischen unüberschaubar lang. Ähnlich viel Material findet der Palindromsüchtige bei Martin Mooz auf Trauerfreuart.de, Witziges bei Kamelopedia und ebenso total Verjuxtes bei Uncyclopedia. Indem das Palindrom seinen magischen Charakter verloren hat und uns heute fast nur noch als sprachspielerische Form entgegentritt, gleicht es sich der Akrobatik an, und es würde mich nicht wundern, wenn die oben genannten Sprachartisten nebenher noch ein bisschen jonglieren, Feuerschlucken oder Einrad fahren würden. Hier gilt zweifellos die Aussage des Theologen Gottfried Holtz, dass „die technisch-mechanischen Komponenten allen Aberglaubens sich irgendwann zum Spiel verselbstständigen.“

Vergleichen wir mit dem gleichsam feierlichen Palindrom des Steins von Kylver: Es zeigt dreimal das Wort EUS=(altsächsisch) Pferd, von der Mittelachse aus nach rechts und nach links gelesen. Die mittlere Rune entstammt dem älteren Runenfurthark, hat den Lautwert E und heißt ebenfalls EUS. Der Runenforscher Helmut Antz nimmt an, dass es sich um eine Beschwörungsformel handelt. Der virtuose Ritzer der Inschrift hat also dreimal ein Pferd gebannt. Drei Pferde zu haben, war 400 nach Chr. sicher gleichbedeutend mit Reichtum.
Der berühmte Kylverstein sieht anders aus. Das hier ist eine Fotomontage. Ich habe den Originalschriftzug abgepaust und auf dieses Foto eines Kieselsteins montiert (größer: bitte klicken)

Gegenüber dem Kylverstein verblassen alberne Spielereien wie „Tunk nie ein Knie ein, Knut.“ Warum sollte Knut ein Knie eintunken wollen und worein? Und dürfen alle, die nicht Knut heißen, ihr Knie tunken, Knut aber nicht? Ein Fall für den Gleichstellungsbeauftragten. Gerechter wäre immerhin: „Tunk nie ein Knie, Knut“, denn das besagt zumindest von hinten eine Knut-tunk-Knie-Erlaubnis. Ein bisschen unheimlich und in Resten gerantiert sprachmagisch gemeint ist dagegen das Palindrom NATO – OTAN. Natürlich weiß ich auch, dass OTAN die französische, italienische, portugiesische, rumänische und spanische Abkürzung für die NATO ist, aber man müsste es nicht mit NATO (englisch North Atlantic Treaty Organization) zum Palindrom spiegeln. Die AWACS-Flotte ist ja ein in der Luft kreisendes Radarsystem. Da schadet es nicht, die Maschinen mit einem kreisförmigen Palindrom abzusichern. Überhaupt hat das Militär einen Hang zur Sprachmagie. Darüber später mal mehr.

Das Palindrom wie etwa der Nonsenssatz „Leg in eine so helle Hose nie ’n Igel“, gehört landläufig in die Abteilung Sprachspiel. Ein wenig unheimlicher ist da schon der Rückling, ein Palindrom, das von hinten gelesen eine zweite Botschaft enthält: „Die Liebe ist Sieger“ heißt rückwärts gelesen: „Rege ist sie bei Leid“ und lässt uns an SM-Spielchen denken, wie sie neuerdings durch die Roman-Trilogie „Fifty Shades of Grey“ modisch geworden sind. Rückwärtslesen und -sprechen ist aber eine uralte magische Praxis. Zaubersprüche und Flüche können nur durch Rückwärtssprechen wieder zurückgenommen werden.

Geradezu ungeheuerlich und machtvoll muss da ein Name, Bannfluch oder Zauberspruch in Form eines Palindroms gewesen sein. Dieses Palindrom ist der nicht mehr zu lösende Bann, ein wahrer VERSUS DIABOLICUS. Das unheimlichste, weil rätselhafteste mir bekannte Palindrom ist der lateinische Vers:


(Bei Nacht irren wir im Kreis und werden vom Feuer verzehrt.)

Umkreisen ist eine okkulte Praktik. Vielleicht tanzen hier Menschen ums Feuer. Aber auch Mücken könnten gemeint sein. Was? Natürlich gab es schon Mücken im alten Rom. Wo ein Fluss ist, gibt es Mücken. Die pontinischen Sümpfe waren sogar mit der gefährlichen Anopheles-, auch Malaria- oder Fiebermücke verseucht. Zudem waren die Wasserbecken der Atrien ideale Brutstätten, ideal natürlich nur für die Mücken. Um sie fernzuhalten waren römische Schlafzimmer meist fensterlos. Die Vorstellung, dass Mücken ein Feuer umkreisen und von ihm verzehrt werden, hat jedenfalls etwas Tröstliches für den von Stichen geplagten Römer. Das Palindrom wäre dann ein Bannspruch. Es befremdet darin allerdings das Lyrische Ich. Culex, die sprechende Mücke? Das hätte sie besser nicht getan, denn jetzt hängt der ganze Schwarm im Palindrom fest und sein Schicksal ist besiegelt. Da haben wir kein Mitleid, aber egal, es geht hier ums Umkreisen.

Im letzten Frühling kreiste die Idee eines Fotoprojekts durch meinen Kopf, Dinge des Alltags von allen Seiten zu fotografieren. Die meisten Objekte haben nämlich eine Seite, die sie besonders typisch macht. Andere Ansichten sind eher indifferent. Diese Ansichten ebenfalls zu zeigen, könnte erhellend sein.

Zum Mittagessen war ich damals häufig in einer Mensa der Leibnizuniversität, der Contine, benannt nach dem Continental-Hochhaus, einem früheren Verwaltungsgebäude des Konzerns, das heute von der Leibnizuniversität genutzt wird. Der Rückweg führte mich durch den Georgengarten, einen weitläufigen Park, der zu den Herrenhäuser Gärten gehört. Da stand dann dieser Baum, dessen junges Grün am hellen Mittag verlockend in der Sonne leuchtete.

Bilder 1 und 2: Diesen prächtigen Baum wollte ich als erstes Ding fotografisch umkreisen. Die Schnur (Bilder 2, 3 und 4) sollte gewährleisten, dass ich den richtigen Abstand einhalte. (Größer: Klicken) Bei meinem ersten Versuch am Tag zuvor hatte ich keinen Kreis hinbekommen. Der Baum hatte mich wie magisch angezogen, so dass ich Bild zu Bild immer weniger von seiner Krone abgelichtet habe. Auch diesmal konnte ich wegen der Alleebäume nebenan nicht weit genug weg. Ich will mein Fotoprojekt nicht mystisch überhöhen, aber im Baum verkörpert sich das Zyklische des Lebens, das Werden und Vergehen im Jahreslauf. Erstaunlicher Effekt: Im Gif scheint der Baum zu kreisen, obwohl eigentlich ich ihn umrundet habe, vom Licht in den Schatten und zurück ins Licht. Die Erkenntnis: Umkreise ein Ding rechtsrum und es wird sich linksrum drehen.


Fotos und Gif-Animation: Trithemius

Guten Morgen und beschwingten Start in die Woche

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16 Kommentare zu “Adventskalender – 14. Türchen – Die Faszination der Zwänge – Tunk nie ein Knie ein, Knut!

  1. gut, dass hier kein tobrevierschreiverbot herrscht!
    (aus meiner pawlowartigen reaktion auf das wort palindrom, für mehr bekanntheit für die hochtalentierte frau brigitta falkner sorgen zu wollen;-) bücher ohne e und i hat sie übrigens auch verfasst …)

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    • Ah, danke für den Hinweis, dass ich Frau Brigitta Falkner aber auch vergessen konnte. Du hattest mich irgendwann schon mal auf sie hingewiesen. Tobrevierschreiverbot ist sogar noch länger als Reliefpfeiler, aber wohl ein sprachakrobatisches Kunstwort.Was meinst du, kann Frau Falkner auch jonglieren? 😉

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  2. Ehrlich gesagt, hatte ich in dem Alter etwas Anderes zu tun als Wörter zu verdrehen. Aber eine Faszination ist nun da. Ich konnte immer Texte auf dem Kopf lesen, was hilfreich war, dachte mein Gegenüber doch nicht daran diese abzudecken. Manche Information fand so den Weg zu mir. Dein Drehbaum ist wunderbar. Ich liebe Bäume und fotografiere sie auch gerne, aber ohne Schnurauslegung. Danke für die morgendliche Reise von Wörtern zu Bäumen, vom Hölzchen zum Stöckchen, darin bist du wahrhaft ein Meister.

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    • Natürlich hatte ich in dem Alter auch was anderes zu tun. Aber man hat auch Freizeit und setzt Prioritäten. Die Beschäftigung mit Sprache gehörte sogar zu meinem Beruf. Aber auch wenn ich etwas gezeichnet hatte oder etwa kalligraphiert, meinte eine Kollegin Kunstlehrerin abfällig: „Die Zeit hätte ich nicht.“ Sie war vermutlich ein bisschen neidisch, weil sie ihre Zeit mit nichtigen Dingen vertan hat und nichts Bleibendes vorweisen konnte. In meinem ersten Beruf (Schriftsetzer) setzten wir alle Texte überkopf, wegen der Spiegelschrift der Lettern, so dass die Lese- und Setzrichtung wie üblich von links nach rechts verlief. Danke für das Lob meines scheinbar sich drehenden Baums. Die Schnur war absolut erforderlich, weil ich sonst keinen Kreis hinbekam. Du lobst mich als Meister vom Hölzchen aufs Stöckchen. Vielen Dank! Dinge zu verknüpfen, die entfernt liegen, schult das Denken und steigert die Kreativität.

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  3. Kompliment, lieber Jules. Ein beeindruckender Text. Vollgepackt mit Informationen und wie so oft wunderbar fließend, umrundest du Bäume, Wörter und Sätze.
    Rücklinge sind besonders faszinierende Sätze. Fast schon ein bisschen unheimlich, weil nur der Eingeweihte weiß, dass sich eine weitere Bedeutung im Satz versteckt. Hätte die Autorin der erwähnten Trilogie diesen Satz und seine besondere Eigenart in einen ihrer Romane eingebaut, hätte wenigstens etwas sinnvolles darin gestanden. 😉

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  4. Es ist schön, dass du dem Baum auch mal ein bisschen Tempo gönnst, wir leben ständig in Eile und jetzt sehen wir, wie der Baum durchdreht. Es ist übrigens richtig, so macht man sich bewusst, dass auch Pflanzen ihre Schokoladenseite haben. Ohne fremde Hilfe können sie sich bloß nicht so vorteilhaft zeigen, wie wir das bei Bewerbungsfotos tun.
    Ein faszinierender Text über Palindrome und die Magie der Sprache!

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  5. So, jetzt ist mir schwindelig. Vom letzten Bild. – Allerdings habe ich schon eingangs Deines Textes „Das war der Strand der Dinge …“ gelesen, was sowohl am Gläschen Rotwein als auch daran gelegen haben mag, dass ich heute angefangen habe „Die Große Viktorianische Sammlung“ von Brian Moore zu lesen. Was ich aber eigentlich anmerken will: Rückwärts sprechen tut man ja nicht, in der Weise, wie man rückwärts lesen würde, sondern phonetisch. Der britische Künstler Mark Wallinger spricht in seinem Video „Angel“ die ersten fünf Verse des Johannes-Evangeliums rückwärts, während er rückwärts eine abwärts fahrende Rolltreppe hinaufsteigt. Kein filmischer Trick. Das Rückwärts-Rezitieren hatte er geübt, indem er sich eine rückwärts laufende Tonaufzeichnung immer wieder anhörte. Dass er bei der ganzen Aktion eine dunkle Brille und einen Blindenstock trägt, hat dazu geführt, dass, nachdem die Arbeit einige Tage im Eingangstreppenbereich des Martin-Gropius-Baus gezeigt worden war, ein energischer Protest des Vereins Sehbehinderter Menschen einging: Der Künstler mache sich über Blinde lustig und gebe vor, dass sie nicht einmal in der Lage seien, eine Rolltreppe richtig zu benutzen. Auch rückwärts wird man also nicht gut oder auch nur halbwegs richtig verstanden.

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