Adventskalender – 4. Türchen – Ein neues Wort und seine schrecklichen Konsequenzen

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Von der Schaufenstertafel einer Apotheke lächelt mich ein Mann an und sagt: „Ich bin Nasenduscher.“ Also richtig gesagt hat er’s nicht. Er hat sich fotografieren lassen und ein Grafik-Designer hat diesen Text ins Bild montiert. Demnach handelt es sich um eine unbewiesene Behauptung, denn es besteht durchaus die Möglichkeit, dass das männliche Fotomodell in Wahrheit noch nie eine Nasendusche genommen hat, sondern sich allmorgendlich ganz konventionell unter die Brause stellt.

Wie mag es sein, wenn man sich öffentlich als Nasenduscher bezeichnen lässt? Was sagt der Freundeskreis zu diesem Bekenntnis? Am Ende wird der Mann noch gänzlich auf seine Pseudoexistenz als Nasenduscher reduziert, oder anders gesagt: Die Freunde lachen sich schlapp. „Da kommt der Nasenduscher!“, wer möchte schon so empfangen werden? Höchstens ein echter Nasenduscher. Solche gibt es nämlich, wie eine überaus anstrengende Internetrecherche ergab. Ich habe mich verirrt in der schillernden Welt der Nasenduscher. Gut, das Wort schillernd passt überhaupt nicht zu trockenen Nasen oder zu, Verzeihung, Nasenborke. Allein mir fällt das passende Partizip dazu nicht ein, denn ist ja zu fragen, ob es den Zustand vor oder nach der Nasendusche bezeichnen soll.

NasenduscherBislang war mir das Wort „Nasenduscher“ entgangen. Nie zuvor ist mir ein Nasenduscher begegnet, obwohl es hätte sein können, denn man kann die Nase auch unterwegs duschen, quasi ambulant. Im Internet erfuhr ich, dass es sogar Nasenduscher-Partys gibt. Eine Nasenduschenherstellungsfirma hat sogar mal einen Schreibwettbewerb ausgerufen zum Thema „Mein schönstes Nasenduschen-Erlebnis“ oder so ähnlich. Leider kann man die Texte nicht einsehen. Der Einsendeschluss liegt schon längere Zeit zurück. Zum tröstlichen Ausgleich fand ich ein Podcast, auf dem ein Mann von seinen erbaulichen Erfahrungen mit Nasenduschen berichtet: „Ich bin Nasenduscher und find’s gut!“

Dem Substantiv „Nichtraucher“ haftet ein schwerer Makel an, da es den Raucher quasi zum Normalfall erklärt. Falls die Mama während der Schwangerschaft nicht geflöppt hat, kommt man bereits als Nichtraucher zur Welt. “Nicht“ ist das gestaltende Prinzip solcher Biografien. Ähnlich verhält es sich beim Wort „Nasenduscher“. Ich muss mit Erschrecken erkennen, dass ich seit meiner Geburt Nichtnasenduscher bin. Das deprimiert.

Guten Morgen und schönen Tag

Der Nasenduscher im Bild ist der Kabarettist Wendelin Haverkamp aus Aachen von mir von hinten fotografiert. Ein Schüler erzählte mir einmal, er sei am Wochenende im Kabarett-Programm bei Haverkamp gewesen. Ich fragte: “Und? Wie war es?” Er: “Nett.” Oje. Man weiß ja, dass “nett” der kleine Bruder von “scheiße” ist. Ich glaube nicht, dass Wendelin Haverkampp gerne hören würde, er wäre ein „netter Kabarettist“. Dank meiner Montage könnte er jetzt wenigstens von sich sagen, er sei der Kabarettist unter den Nasenduschern

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34 Kommentare zu “Adventskalender – 4. Türchen – Ein neues Wort und seine schrecklichen Konsequenzen

    • „Faszination und Befremdlichkeit“ trifft ziemlich genau meine Gefühlslage, nachdem ich erstmals mit dem Phänomen konfrontiert war. Zum Glück fand ich darin aber auch das ungemein Komische allein schon des Wortes, wobei ich mir die Nasendusche irgendwie als eine neue Art der Katzenwäsche vorgestellt habe. Genaueres wollte ich gar nicht wissen.
      Schönen Tag …

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  1. Sicher, sicher, das ist verständlich, der Nimbus des „Nichtnasenduschers“ macht depressiv! Die „Nichtnasenduscher“ sind aber in der Mehrzahl, fühlen Sie sich also nicht allein! Ich empfehle als Spontantherapie die Umpolung negativer Gedanken durch doppelte Negierung – sich somit als „Nicht-Nichtnasenduscher“ zu bezeichnen; da lässt sich doch der 4. Dezember wieder viel besser aushalten. Ich gebe zu, ich hab’s sogar schon mal probiert, das ist so ein blaues Plastikkännchen, sieht aus wie ein kugeliger Elefant mit 45° abstehendem Rüssel und Salzwasser drin, linkes Loch rein, Rechtes wieder raus, möglichst ohne Abfluss in andere Öffnungen. Eklig. Mit Salzwasser. Soll die allergischen Symptome lindern. Nee, nee, nix für Willi.
    Viele Grüße – in freudiger Erwartung ob der Erscheinung des 5. Türchens 🙂

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    • Hab mich kürzlich noch mit der Sprache Afrikaans beschäftigt. Dort gibt es die doppelte Verneinung: Ek het nie stort my neus nooit (Ich dusche nie meine Nase nicht.) Die doppelte Vereinung ist im Afrikaans ein Stilmittel der Bekräftigung, im Hochdeutschen hebt sie die Verneinung bekanntlich auf. Wie du liest, will ich mich mit dem Phänomen lieber auf dieser Theorieebene beschäftigen. Bewusst habe ich ja oben konkrete Vorgangsbeschreibungen vermieden, falls hier sensible Personen mittesen 😉 Das 5.Türchen widmet sich dann wieder eher geistigen Phänomenen.

      Beste Grüße!

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  2. Wie diese Woche bekannt wurde, arbeitet das britische Beratungsunternehmen Nose Shower künftig eng mit diversen Call-Center zusammen. Unbesetzte Kojen, wenn sich die Mitarbeiter gerade in der Rauch- bzw. Mittagspause befinden oder erst gar nicht am Arbeitsplatz erscheinen, sollen einer Laufkundschaft zwecks Durchführung von Nasenduschen zur Verfügung gestellt werden. Die 3-monatige Testphase verlief äußerst vielversprechend. Den meisten Nasenduschern konnte noch vor Ort ein neuer Handyvertrag oder ein Zeitungsabo verkauft werden …

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      • Ja, eine Win-Win-Situation, wie man sie nur selten findet.

        Der Spruch: „Schatz, ich geh noch mal schnell ins Call-Center“, der vor einigen Jahren noch regelrechte Scheidungsorgien auslöste, wird heutzutage von Therapeuten empfohlen, wenn es gilt, schwierige Beziehungen zu kitten …

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    • Aus gutem Grund hatte ich ja nichts verlinkt,lieber Kollege, konnte aber leider nicht verhindern, dass auch sie in das Nasenduscheruniversum eingetaucht sind und prompt einige Fundstücke mitgebracht haben. Danke für den kabarettistischen Hannoveraner Nasen-Professor.
      Träumen Sie trotz allem gut!

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    • Dann wurde die gemütliche Hausmittelspülung offenbar von der Pharmaindustrie okkupiert und zeitgemäß durch Sprühdüsen gejagt. Versprechen kann ich leider nichts, liebe Sylvia.. Was jemand befremdlich findet, ist leider individuell und leider für mich unvorhersehbar. Als Alltagsethnologe greife ich so ziemlich alle Themen auf. Morgen gibt es eine zusammenhängende Doppelfolge zu Fragen höherer Ordnung.

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  3. Bei diesem Türchen ist es schön, dass es aus Worten besteht. Obwohl mich mein robustes Gemüt in die Welt der Nasenduscher eintauchen lässt, ohne dass mir mein Käsebrot nicht mehr schmeckt, möchte ich ein solches Gerät nicht geschenkt bekommen. Man sieht mir leider immer überdeutlich an, was ich mir beim öffnen eines Geschenkes denke. Gestern Abend war ich sehr froh keine Nasendusche geschenkt bekommen zu haben. Der Schenker, ließ sich zum Glück nicht von der Werbung in der Erkältungszeit inspirieren. Ich bekam etwas anderes und rief laut „Wie nett!“. Das sage ich oft. Nett. Ich mag das Wort gerne und finde es schade, dass man ihm einen großen Bruder andichtet.
    Ein netter Text über Nasenduschen und Nasenduscher, lieber Jules.

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    • Warum wurdest du denn gestern Anbend beschenkt, liebe Mitzi? Hattest du etwa Geburtstag oder was gabs zu feiern? Hätte ich gewusst, dass es üblich ist, dich am 4. 12. zu beschenken, hätte ich was Schöneres ausgesucht.
      Ehrlich gesagt bin ich überrascht von einigen Reaktionen. Ich habe ja gar nichts über den Vorgang des Nasenduschens geschrieben, auch nichts über dazu nötige Gerätschaften. Offenbar beflügelt mein Text aber Phantasien, für die ich nichts kann. Oder doch? Jedenfalls habe ich jetzt den Salat und muss die Planung der nächsten Tage noch mal überdenken.
      Dankeschön für das nette Lob, meine Liebe.

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  4. Salzwasser, Schnupfen und Nasen sind längst nicht so widerlich wie die aktuellen Nachrichten. Vielleicht haben wir uns an diese aber schon gewöhnt.
    Ich hatte gestern meine Kollegen bei mir zu Hause. Alle um meinen Tisch. Vor Wochen erzählte einer, er hätte in der Kindheit so gerne gewichtelt. Wir nahmen es zum Anlass das auch einmal wieder zu machen. Daher das Geschenk.
    Geburtstag feiere ich im Juni – der schönste Monat um Geburtstag zu haben. Sofern man Erdbeerkuchen so gerne hat wie ich.

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    • Deshalb meinte ich ja auch, dass ein nett kein passendes Attribut für einen Kabarettisten ist. Man kann die widerlichen Entwicklungen in der Weltpolitik kabaretttistisch nicht „nett “ abhandeln. Dann ist man vielleicht ein Komiker oder Comedian, der seine billigen Witzchen macht. Du hast Recht: Der Juni ist ein guter Monat, Geburtstag zu feiern. Ich feiere dann auch. Wichteln ist prima. Vor einigen Jahre gab es Blogwichteln. Heuer habe ich nichts davon mitbekommen.

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  5. Die Vorstellung, morgens nur seine Nase zu duschen, ist wesentlich lustiger als die Vorstellung, morgens auch seine Nase zu duschen. Mir drängte sich auch zuerst eine Form von Katzenwäsche auf. Ich sah aber auch gleich das Problem. Nachdem ich mir kürzlich einen neuen Duschkopf gekauft habe – Durchmesser entspricht einer Untertasse und war eines der kleineren Modelle – halte ich es für schwierig, ausschließlich meine Nase zu duschen.

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