Von Dienstag zu Dienstag durch die Zeit geschickt: Erfindung der Informationsökologie, debiles Design und ein Witz über Triskaidekaphobie

tagebuchvor-23Jahren
Eine Botschaft von vor genau 23 Jahren – aus meinem Tagebuch vom 24. November 1992 (größer: bitte klicken)

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Krimiabend – Tod im Mausoleum

Die Vorgeschichte: Zwischenfall auf der Autobahn

Das Mausoleum der Familie Geraets war eines der Größten und Prächtigsten auf dem Friedhof von Verviers. Der Urgroßvater Boudewijn Geraets hatte es 1897 aus dem Blaustein der Region erbauen lassen. Die eigentliche Gruft bestand aus einem schmalen Gang. Links und rechts befanden sich insgesamt 28 Grabkammern, je sieben in einer Reihe, zwei Reihen übereinander.
Es waren noch zwei der Grabplatten unbeschriftet, doch eigentlich gab es drei leere Grabkammern. Rodrigo Geraets war der letzte männliche Nachfahre der Hauptlinie. Deshalb hatte er vor vier Jahren bereits seine eigene Grabplatte anfertigen lassen. In klaren römischen Kapitalis-Buchstaben waren dort sein Name und seine Geburtsdaten eingemeißelt.
In seiner aktiven Zeit als Sonderermittler der Staatsanwaltschaft hatte es immer wieder Hinweise aus der Lütticher Unterwelt gegeben, dass man ihm nach dem Leben trachtete. Zweimal war er nur knapp einem Anschlag entkommen. Deshalb hatte er auf einen plötzlichen Tod vorbereitet sein wollen. Seinen Verwandten mütterlicherseits vertraute er in dieser Sache nicht.
verviersfriedhofFriedhof in Verviers – Foto: Gudrun Petersen

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Die halbe Decke – oder: Zeigen, wo der Hammer hängt

In einem Kommentar im Teestübchen zu Vom Anfang und vom Ende verwendet Manfred Voita die Wendung „Zeigen, wo der Hammer hängt“. Die Bedeutung dieser rätselhaften Wendung und ihre Herkunft sind nicht eindeutig zu klären. Das eigentlich zuverlässige Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten von Lutz Röhrich weiß nichts über die Wendung, im Internet steht wieder mal was Falsches, weil in der Etymologie das Naheliegende fast immer das Falsche ist.
lutz-röhrichLexikon der sprichwörtlichen Redensarten – Foto: Trithemius (größer: Klicken)

Um die Bedeutung zu klären, will ich eine bürgerlich volkstümliche Moralerzählung des ausgehenden Mittelalters vorausschicken, die auch unter dem Titel „Die halbe Decke“ bekannt ist. Sie heißt eigentlich „Das Kotzenmäre“, benannt nach einer Pferdedecke, auch Kotze. Die in Vergessenheit geratene Textsorte Märe (das Märe) ist eine Moralerzählung. Ein reicher Kölner Bürger ließ das Kotzenmäre um 1410 an die Wände eines Zimmers malen. Auf Spruchbändern äußern Personen ihre Meinung. Der Germanist Wolfgang Stammler schreibt über den Stoff des Kotzenmäre, er sei „im 14. Jahrhundert nicht weniger als sechsmal bedichtet worden, auch ein Beweis für die Beliebtheit des so recht für Bürgerkreise geeigneten Themas.“

Das Kotzenmäre

Ein alter Mann hat seinen gesamten Besitz dem Sohn übertragen und fristet nun, mangelhaft versorgt, ein übles Dasein in einem Bretterverschlag auf dem Hof. Nur der Enkel kümmert sich um ihn. An einem klirrendfrostigen Winterabend bittet der Alte ihn um eine Decke.
Der Vater sieht den Knaben, als er sich mit der Decke davonstehlen will.
„Wohin willst du mit der Decke?“
„Der Großvater braucht sie.“
„Dann warte!“, befiehlt sein Vater, holt eine Schere und zerschneidet die Decke in zwei Hälften.
„Das Teil muss für den Alten reichen!“
Da erbittet sich der Kleine die andere Hälfte. Wozu er sie haben wolle, fragt der Vater.
„Ich verwahre sie für dich, bis du einmal alt bist.“
Da erkennt der Vater sein Vergehen gegen das vierte Gebot. Er holt den Alten ins Haus und hält ihn fortan in Ehren.

Das Kotzenmäre ist eine Mahnung an Vater und Sohn. Sie steht in einem interessanten Bezug zu einer alten Rechtsvorstellung, auf die Jacob Grimm hingewiesen hat. An Kirchen, Stadttoren und Häusern fand sich in alter Zeit eine Keule oder ein Hammer angebracht. Die Bedeutung dieses Symbols wird in folgender Inschrift deutlich:

Wer den Kindern gibt das Brot
Und selber dabei leidet Not,
Den soll man schlagen mit dieser Keule tot.

Bei Hans Sachs finden wir eine ähnliche Formel:

Wer sein Kindern bei seinem Leben
Sein Hab und Gut thut übergeben.
Den soll man denn zu schand und spot
Mit dem Kolben schlagen zu todt.

Zuletzt ein drastischer Beleg aus einer alten Handschrift:

da was geschriben ‚swer der si,
der ere habe unde gout,
da bi so nerrisch muot
daz er alle sine habe gebe
sinen kinden unde selber lebe
mit noete und mit gebrestenn,
den sol man zem lesten
slahen an die Hirnbollen
mit diesem slegel envollen,
daz im daz hirn mit alle
uf die Zunge valle,

Alle Beispiele zeigen, dass dem Alten die Schuld gegeben wird, weshalb ihm der Tod  zukommen soll, „gleichsam als strafe für die thorheit, sich allzu früh seiner habe zum besten der kinder abgethan zu haben“, schreibt Jacob Grimm. Grimm schreibt auch, dass derartig brutale Strafen vermutlich nicht tatsächlich angewandt wurden, sondern als Drohung gemeint waren. Um in dieser Sache jemanden zu mahnen, war es sicher hilfreich, ihm zu zeigen, wo der Hammer hängt.

Vom Anfang und vom Ende

Die Maastrichter Laan, von Westen kommend, wird beim Grenzübertritt im kleinen niederländischen Grenzort Vaals zur Vaalser Straße. Mit ihr beginnt die berühmte Bundesstraße 1. Einst führte diese 2000 Jahre alte Handelsstraße von Aachen bis Königsberg. Unterwegs macht die B1 einiges mit. Schon hinter Jülich verschwindet sie in einer Braunkohlegrube. Als junger Mann bin ich noch über die B1 durch das Dorf Lich-Steinstrass gefahren. Da wankten nur alte Mütterchen vor den zugenagelten Fenstern über den Gehsteig. Denn kurz danach sollte Lich-Steinstrass mitsamt der Bundesstraße 1 weggebaggert werden.

Ach, jetzt sind wir schon viel zu weit im Osten der B1.

Nochmal auf Los. – An der deutsch-niederländischen Grenze bei Vaals beginnt die Bundesstraße 1. Sie steigt an – sie kommt ja aus den Niederlanden – überwindet bei Gut Kullen eine Kuppe und taucht dann schnurgeradeaus in den Talkessel von Aachen ein. „Vaals“ bedeutet übrigens „Tal“. „Aachen“ bedeutet „Wasser“, – so schlicht sind die geographischen Namen.

Wo die B1 ihr wassersüchtiges Gefälle bekommt, durchschneidet sie den Aachener Westfriedhof. Beide Friedhofshälften sind durch eine alte Fußgängerbrücke verbunden. Die kleinere südliche Hälfte ist älter als die nördliche. Hier werden nur ganz bestimmte Personen begraben. Da ich diesen Personenkreis nicht kenne, hatte ich auch nie einen Anlass, durch den Torbogen zu gehen.

An einem grauen Tag im Herbst, an dem es nicht hell werden wollte, – ich war in düsterer Stimmung, – an diesem trüben Tag setzte ich mich aufs Rad und fuhr durch den kalten Dunst Richtung Niederlande. Der Weg führt an der Güterbahnlinie entlang, auf der ich vor Jahren die „Nachtschwärmer-Draisine“ (Nachtschwärmer online) fahren ließ.

Friedhof-Verviers-am-späten
Friedhof in Verviers – Foto: Gudrun Petersen – Bearbeitung: Trithemius

Wo die Bahnlinie die Vaalser Straße kreuzt, bog ich ein. Da lag der Westfriedhof in der Dämmerung, und statt weiter zu fahren, querte ich die Straße und schob mein Rad durch die Pforte der alten Friedhofshälfte. Die Wege sind nicht asphaltiert. Man geht über knirschenden roten Split, Kies oder gestampfte Erde. Bald taucht ein Platz zwischen den Bäumen auf. Er wird nach Osten von einer großen Kapelle begrenzt. Um den Platz reihen sich gewaltige Grabmonumente. Alte Aachener Größen, Abkömmlinge großer Familien, sind hier unter steinernen Kolossen begraben.

Unsereiner wollte nicht soviel Geröll über dem Kopf. Mir würde ein Blechkranz genügen, damit ich hören kann, ob es regnet. Doch die Großen des 19. Jahrhunderts waren selbstherrlich und bigott. Da musste unbedingt ein Mausoleum her oder zumindest ein riesiger steinerner Engel. Engel aus Stein sind übrigens die irdische Variante. Sie fliegen nicht, sondern krachen irgendwann in sich zusammen.

Jedenfalls stand ich an den Grabmonumenten und versuchte mir zu vergegenwärtigen, welch wichtige Knochen dort verbuddelt lagen. Die Protzbauten auf alten Friedhöfen sind heidnisch. Sie sind noch der Idee verpflichtet, dass man seine Reichtümer mit ins Jenseits nehmen könnte. Vielleicht hat man ja das ein oder andere Dienstmädchen mit eingemauert, damit der hohe Herr etwas hat, womit er sich im Jenseits verlustieren kann. Tatsächlich hat es in Aachen einen unaufgeklärten Dienstmädchenmord gegeben. Ein kleiner Gedenkstein im Wald berichtet davon. Sie wurde am Fuße des Hügels gefunden, auf dem die Villa ihres Dienstherrn thronte. Man munkelt, er habe sie ermordet.

Was ein Mensch auf seinem Gewissen hat, nimmt er mit in seine Gruft. Was er sonst noch war und tat, ob er Häuser bauen ließ, Länder eroberte, eine Tuchfabrik besaß, das alles ist im Jenseits ohne Belang, ganz egal, was man glaubt. Im Gedenken der Menschen ist es nicht anders. Obwohl es Namen gibt, die das Gegenteil behaupten. Karl der Große, Alexander der Große, die Namen verbergen eine wesentliche Tatsache: Das waren doch vor allem große Menschenschlächter. Man mag sie in Geschichtsbücher schreiben, Denkmäler und Mausoleen für sie bauen – am Ende sind sie auch nur alte Knochen, die sich nicht besonders von deinen oder meinen unterscheiden.

Dieser alte Friedhof hat mich im Herbst eindrucksvoll mit dem Endlichen des Menschen konfrontiert. Es ist gut, sich das ab und zu klar zu machen, damit man im Leben nichts tut, was selbst durch steinerne Engel nicht getilgt werden kann.

Geschwänztes Feuilleton und Biber

Ein Seminar schwänzen kann ich noch immer gut. Das seltsame Verb „schwänzen“, hat nichts mit Schwanz zu tun. Schwänzen, seit dem 18. Jahrhundert in der Studentensprache bezeugt, ist eine Bildung aus dem Rotwelschen, also aus gaunersprachlich schwentzen entlehnt ( hier eine Intensivbildung zu schwenken) und meint herumschlendern. Hab ich aber nicht gemacht, sondern war noch zu Hause, als Freund Leisetöne gegen Mittag anrief und fragte, ob ich mit zum literaturwissenschaftlichen Seminar „Das Feuilleton“ käme. Ich habe gesagt, ich würde lieber schwänzen, bin aber nicht herumgeschlendert, sondern habe das Seminar komplett verschlafen, weil es doch gestern im Vogelfrei wieder arg spät geworden ist und ich den ganzen Tag nichts wert war.

Letzte Woche waren wir gemeinsam im Seminar, trafen uns um 14 Uhr vor dem Conti-Hochhaus, wo die Germanisten und Literaturwissenschaftler residieren, aber ich hatte den fetten Reader vergessen, den Leisetöne mir zuvor extra vorbeigebracht hatte. Man wird vielleicht finden, dass ich die Sache nicht ernst genug nehme oder positiv formuliert zu leicht. Aber hallo? Ist das Feuilleton nicht die kleine leichte Form? Das Wort Feuilleton ist französisch und bedeutet was? Blättchen. Als ich noch rauchte, habe ich öfters über meine Zigarettenblättchen geschrieben. „Schreiben Sie mal wieder über etwas Kleines, Trithemius“, hatte nämlich meine verehrte Filialleiterin Frau Nettesheim gesagt. „Schreiben Sie über etwas Unscheinbares, aber nicht über Ihren Kopf, bitte. Schreiben Sie über das kleinste Ding, das Ihnen direkt vor Augen ist.“

SchweineblättchenDa guckte ich rum, und das Kleinste auf meinem Arbeitstisch war das Mäppchen mit den Zigarettenblättchen. Ich kaufte immer die, aber ich konnte sie nicht leiden, weil kurze Texte auf den Innenseiten der Klappen abgedruckt waren. Es ging um die Bedeutung von Redewendungen. Fragen und Antworten stammten vermutlich aus einem Buch für Leute, die sich gern mit halbgarem Wissen den Kopf verkleistern lassen. Weil ich drüber geschrieben habe, waren die Zigarettenblättchen mein Feuilleton. Ich sehe durchaus den Qualitätsunterschied zwischen den Zigarettenblättchen und den Feuilletons stolzer Tageszeitungen. Aus dem Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beispielsweise sollte man keine Zigaretten drehen. Wer Zeitungspapier raucht, muss ganz doll husten. Ich finde Tageszeitungen sollten ihre Feuilletons deutlich verkleinern und auf ganz dünnem Papier drucken, damit man sie drehen kann. Das meine ich rauchtechnisch, nicht etwa analog zu Lichtenbergs Wunsch, man solle die Bücher um so kleiner drucken, je weniger Geist sie enthalten.

Verkleinerte Feuilletons würden allerdings die Markthändler stören. Dann müssten sie den Fisch in den Sportteil einschlagen, am Ende sogar die Politikseiten rannehmen. Zum Glück esse ich gar keinen Fisch. Ich bin Vegetarier. Wenn Katholiken hören, dass du kein Fleisch isst, dann fragen sie immer ganz treuherzig: “Auch keinen Fisch?” Sie denken nämlich, Fisch wäre kein Fleisch, weil Katholiken freitags kein Fleisch essen dürfen, aber ersatzweise Fisch. Im 19. Jahrhundert konnten die belgischen Katholiken nicht genug Fisch bekommen, also haben die Bischöfe kurzerhand den Biber zum Fisch erklärt. Da haben die frommen Katholiken alle Biber weggefressen. Andernorts war es wohl ähnlich. Der Biber war in Europa so gut wie vertilgt. Inzwischen hat die katholische Kirche zugegeben, dass der Biber kein Fisch ist, so dass die Bestände sich erholen konnten.

Eigentlich bin ich ganz froh, dass der Biber kirchenamtlich doch kein Fisch ist. Die Zeitungen würden das als Aufforderung auffassen, noch größer zu werden, damit man den Biber damit einwickeln könnte. Das würde meinen Verkleinerungswunsch torpedieren.

Kleine Geschichten (6) – Kirchtürme sehen

Kleine Geschichten
„Den Hansen müssen Sie mal besuchen“, sagte Ortsvorsteher Theo Lammen, „der hat viel Zeit, der hat ja nur ein Bein. Ach, wissen sie wat, ich jehe mit Ihnen.“ Lammen, ein rotwangiger Bauer im Ruhestand, hatte schon mehrmals den Türöffner für mich gespielt und begann offenbar Gefallen daran zu finden. Wir gingen über die Straße zum Haus des Einbeinigen und durchquerten den überwucherten Vorgarten. Er klingelte an der Haustür. Eine alte Frau öffnete.

„Juten Morjen, Frau Küttelwäsch!“, sagte Lammen. „Das hier ist der Herr van der Ley. Der will im Dorf Geschichten sammeln. Kann der ens mit ührem Broder kalle?“

Sie wischte sich die Hände an der Kittelschürze ab und reichte mir die Hand. „Ja, von Ihnen hann ich schon jehürt!“, sagte sie, „dann kommen Sie ens erein!“ Frau Küttelwäsch zog die Tür auf und trat zur Seite.

Der Flur war niedrig und hatte wenig Licht. An den unordentlich angebrachten Wandpanelen hingen diverse Bilderrahmen mit religiösen Motiven, offenbar Mitbringsel aus den Wallfahrtsorten Kevelaer oder Banneux, die der Mütterverein alljährlich anfuhr. Wir durchquerten eine kleine Küche, dann führte uns die Frau nach rechts ins „jute Zimmer“, dessen zwei Fenster zur Straße hinauszeigten. Das gute Zimmer erstreckte sich über die Frontseite des Hauses und war durch eine faltbare Trennwand aus nikotingelbem Plastik unterteilt.

Hinter der Falttür bot sich ein bizarrer Anblick. Über die gesamte Stirnseite des Raumes erstreckte sich eine eichene Schrankwand. Aus dieser Wand war ein Schrankbett ausgeklappt. Dort saß inmitten seines zerwühlten Bettzeugs ein kleiner alter Mann. Er trug einen braunen Frottee-Schlafanzug. Das rechte Hosenbein war hochgeschoben. Heraus schaute ein schrundiger Beinstumpf, der endete, wo das Knie hätte sein sollen. Ein großer Tisch beim Fenster war mit Medikamentenpackungen bedeckt. Hansen lächelte uns erwartungsfroh an. Er schien nichts dabei zu finden, seinen Beinstumpf zu zeigen.

„Pitter, der Herr will ma mit dir sprechen. Der is us Oche!“, sagte Lammen.
„Ja, dat Sie us Aachen sinn, weeß isch, isch hann jo dat Nummernschild von Ührem Auto jesenn!“

Ich schüttelte dem Einbeinigen die Hand. Sie war warm und klebrig.

„Bitte entschuldigen Sie die Unordnung!“, sagte Frau Küttelwäsch, „mein Bruder erwartet die Gemeindeschwester, damit die sein Bein versorgt. Ich mach Ihnen mal Platz, dann können Sie sich an den Tisch setzen.“ Sie schob mit ihrem Unterarm die Medikamente zu einem Haufen zusammen.
„Nein, machen Sie sich keine Umstände, Frau Küttelwäsch!“, wehrte ich ab, „ich komme schon zurecht.“
„Sie brauchen mich ja sicher nicht mehr“, fragte Lammen.
„Ja, danke schön, Herr Lammen“, sagte ich, „wir sehen uns später.“
„Dann will ich mal denen da draußen auf die Finger gucken!“
„Ja, Herr Lammen, die mösse Se ens in de Fott tredde“, rief der Einbeinige, „dat sin voule Lömmele. Die donn nix!“ ( … die müssen Sie mal in den Hintern treten, das sind faule Lümmel, die tun nichts!) Dabei wippte sein Beinstumpf bestätigend auf und ab. Ich schaute aus dem Fenster, schräg hinüber zu den gescholtenen Gemeindearbeitern. Sie waren zu dritt. Als ich eintraf, hatten sie Anstalten gemacht, ein altes Transformatorenhäuschen niederzulegen, das auf der Ecke von Lammens Anwesen stand. Jetzt standen sie wie machtlos vor dem hohen Ziegelbau und rauchten.

„Da haste Reäch, Pitter, isch jonn dann ens!“, sagte Lammen und ging mit Frau Küttelwäsch hinaus. Ich setzte mich zu den Medikamenten an den Tisch und packte meine Karteikarten aus. „Sie haben ja freien Ausblick“, sagte ich und deutete zum Fenster.
„Ja!“, rief der Einbeinige, „isch kann von meinem Bett aus sieben Kirchen sehen!“ Sein Finger wanderte über die Felder hinweg zum Horizont. Ich schaute hinterher. Tatsächlich sah man in der Ferne die Türme mehrerer Kirchen. Er zählte mir stolz die Namen der Pfarreien auf, und ich schrieb sie auf eine Karteikarte. Mehr erfuhr ich nicht von ihm. Denn derweil ich notierte, worin er seinen Trost fand, brachte Frau Küttelwäsch die Gemeindeschwester herein.

Einige Wochen später fand ich auf dem Kirchhof sein Grab. Er war fünf Tage zuvor gestorben. Ich stand eine Weile still, las seine Lebensdaten und sah ihn vor mir, wie er freudig die Kirchen aufgezählt hatte, da, aus seinem Schrankbett heraus. Wie klein seine Welt zuletzt gewesen war. Und doch hatte er Weite darin gefunden. Hatte sich die fernen Kirchen durch sein Fenster ins Schrankbett geholt, sich erinnert, wie er noch kräftig auf zwei Beinen und da und da gewesen war. Und jetzt lag er unter der Erde. Es regnete. Bald würde das Grab einsinken. Die Blumen hingen nass und welk auf den Kränzen. Die Aufschriften der Bandschleifen waren ausgewaschen, und ihre Enden ruhten in lehmigen Pfützen. „Letzter Gruß – Die Nachbarschaft.“ Das klang ungewöhnlich kühl. Später sollte ich den Grund erfahren. Denn je länger ich in der 240-Seelen-Gemeinde unterwegs war, um so mehr begannen sich die Geschichten zu verknüpfen.


Alle Namen geändert – Bild oben: Pfarrhaus in Kirchheim mit Friedhof – Foto: Gudrun Petersen
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