Die Philosophie des Kaffeelöffels

Ein Gedankenexperiment
kaffeelöffel
Foto: Trithemius (größer: bitte klicken)

Stell dir vor, du wirst wach und bist ein Kaffeelöffel. Warum bist du wach geworden? Warst du schon immer ein Kaffeelöffel? Du weißt es nicht. Irgendwas ist passiert. Du guckst dich um und liegst da mit vielen anderen Kaffeelöffeln in einem großen Besteckfach. Was ist hier los? Plötzlich wird alles durchgerüttelt, und ein Kaffeelöffel, der neben dir gelegen hat, verschwindet. Ach, jetzt weißt du, warum du wach geworden bist. Du kannst dich auf einmal an ein Vorher und Nachher erinnern. Vorher lagst du unbequem, jetzt liegst du bequemer, weil der eine weg ist. Das heißt, du bist wach geworden und hast gemerkt, dass du ein Kaffeelöffel bist, weil du dich erinnerst. Durch das Empfinden von Vorher und Nachher ist Zeit in deine Kaffeelöffelwelt gelangt, und jetzt hast du ein Kaffeelöffel-Leben.

Du fühlst mal rum, es ist ein ziemliches Chaos da in deiner Welt. Unbequem ist sie immer noch, weil die Welt so wenig Ordnung hat. Einer liegt ganz blöd auf dir. Du kannst leider gar nichts machen, denn du bist ein Löffel, der nicht rumlaufen kann. Nach einer ganzen Weile beginnst du dir Gedanken zu machen über diese Welt. Was hat den Löffel eben verschwinden lassen? War es eine höhere Macht, von der kein Kaffeelöffel was weiß? Du fragst rundum, keiner hat eine Ahnung. Einer sagt aber, dass er sich schon länger erinnert. Das Verschwinden eines Löffels sei schon mal vorgekommen. Und einmal sei ein ganzer Haufen neuer Löffel auf alle andern draufgefallen. Jetzt weißt du, warum einer auf dir liegt. Der alte Löffel hat sich Gedanken gemacht. Er sagt, es müsse da außerhalb des Besteckfaches eine höhere Macht geben. Das sei garantiert ein riesiger mächtiger Löffel, der wunderbar verziert ist. Der Gott aller Löffel sei das. Zu dem könne man beten, wenn man unglücklich liegt als Löffel. Dann käme der und würde dich fein hinlegen.

Du denkst, das ist prima. Ich rufe nach dem Löffelgott. Du machst es und machst es, und plötzlich rüttelt etwas an deiner Besteckfachwelt, so dass alle Löffel hin und her rutschen, bis sie plötzlich zur Ruhe kommen. Und siehe da, viele liegen ganz wunderschön ineinander gerutscht. Sie machen Löffelchen miteinander. Du auch. Du fühlst dich prima und dankst dem Löffelgott, gründest eine Religion, und ihr betet den Löffelgott an. Doch plötzlich kommt großes Unheil über dich. Du wirst einfach genommen, und man taucht dich in Kaffee und rührt mit dir um. Da denkst du, der Löffelgott ist böse auf dich.

In Wahrheit hat sich Teppichhaus-Filialleiterin Frau Nettesheim einen Kaffee gemacht.

Ach so, das hätte ich fast vergessen. Du bist natürlich kein Kaffeelöffel mehr, damit du dich nicht vertust gleich. In Wirklichkeit hast du mit am Tisch gesessen. Vielen Dank für deinen Besuch!

Was ich mich frage ist jedenfalls, ob wir Menschen uns unseren Gott nicht denken wie der Kaffeelöffel sich seinen. Und anders als der Kaffeelöffel können wir sehr viel selbst für ein gutes Leben tun, wenn es uns unbequem ist, weil einer auf uns drauf liegt, und sei es der eigene Kummer, die eigene Angst, das eigene Selbstmitleid, das ganze Zeug also, was manchmal auf einem lastet.

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30 Kommentare zu “Die Philosophie des Kaffeelöffels

  1. wir denken uns unseren gott ganz sicher irgendwie – bisschen ausführlicher halt als dein kaffeelöffel und wenn wir uns denn unbedingt einen denken wollen. meistens fänd ich´s besser, wir dächten uns keinen. und das meine ich auf jeden fall religionsübergreifend …

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    • Wenn man es schafft, sich keinen Gott zu denken, ohne die Existenz irgend einer Art von Gott völlig in Abrede zu stellen – wenn man es also schafft, vorzugsweise an einen Gott zu glauben, dem es egal ist, ob man (oder überhaupt jemand) an ihn glaubt, weil er da drüber steht, … dann ist man definitiv einen Gott weiter.

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    • Ich glaube nicht, dass die meisten Gläubigen sich über ihre Vorstellung von Gott mehr Gedanken machen als der Kaffeelöffel. Ich war mal am Tag der offenen Tür in einem Mormonentempel. Da hing so ein Kitschgemälde von Jesus an der Wand. Ich fragte die gläubige Mormonin danach. Sie sagte: “Wir glauben, dass Jesus so ausgesehen hat.” Ich sagte: “Bei den wallenden braunen Haaren muss er aber viel Zeit beim Frisör verbracht haben.” Immerhin konnte sie darob lächeln, und ich wurde nicht gesteinigt.

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  2. Einen Moment dachte ich an Gregor Samsa, aber dann führst du uns zu anderen Fragen.
    Schwester Florentine, die mich als Englischlehrerin durch die letzten Schuljahre begleitet hat sagte über das Gottvertrauen einige kluge Dinge. Zum Beispiel, dass wir nicht vergessen sollen, dass er (Gott) und einen Kopf zum denken gegeben hat und es zu bequem ist eine höhere Macht für unser Glück verantwortlich zu machen. Manches hätten wir nicht in der Hand, dann hieße es auf Gott zu vertrauen. Beim großen Rest aber, solle man sein Leben selbst in die Hand nehmen. Die Voraussetzungen seien uns ja mitgegeben worden.

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    • Kafka war doch gestern, liebe Mitzi. 😉 Schwester Florentine war offenbar eine kluge Frau. Bei wirklich schweren Erfahrungen, die sich nicht vermeiden lassen, wenn also ein Unwetter runterkommt, ist Gottvertrauen sicher ein Dach, wo man sich eine Weile unterstellen kann. Beinah zu beneiden, wer das hat. Ich halte es mit Lichtenberg: „Ich danke es dem lieben Gott tausendmal, dass er mich zum Atheisten hat werden lassen.“

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      • Sehr hübsch, die Kaffeelöffel beim denken über den Kaffeelöffelgott zu belauschen. Florentine hätte ihre Freude daran gehabt. Eine tief religiöse Frau, die sich Tag für Tag den sehr kritischen Fragen gar nicht religiöser Teenager stellte. Oder richtiger, sie stellte sie selbst. Ich hätte gerne gehört, was sie zu Lichtenbergs Zitat sagt. Wahrscheinlich: „Da hast du dir die Frage nach seiner Existenz doch selbst beantwortet, lieber Jules.“
        Religiös bin ich trotz (oder vielleicht auch wegen) ihr nicht geworden. Aber das wenige gute am Katholizismus hat sie mir sehr gut vermitteln können. Als Kaffeelöffel wiedergeborene würde ich kaum einen Gott erfinden, mich aber bei Frau Nettesheim über die rüde Behandlung beschweren.

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  3. Also bei Kafka hab ich bisher aber noch nie so herzhaft gelacht, wie zu Beginn deines Textes.
    Ich bin ganz vernarrt in den Stimmungsumschwung zum Ende hin! Der Text wird ja immer tiefer und tiefer. Zauberhaft. So, lässt sich ein schöner Abend einläuten!
    Für mich hat die Frage nach Gott viel mit Urvertrauen und „sich gehalten fühlen“ zu tun. Das lässt sich irgendwie nicht in zwei Sätzen beantworten.
    Ich mag deinen Text jedenfalls sehr.
    Meine Lieblingsstelle ist: „…und ein Kaffeelöffel, der neben dir gelegen hat, verschwindet.“
    Vielleicht höre ich mir später, zum einschlafen „Dreizehn bei Tisch“ an. 😉
    Schönen Abend, Du Lieber.

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    • Was gibt es Schöneres als dich zum Lachen zu bringen, liebe Jennifer. Zu Kafkas Ehrenrettung muss ich sagen, dass es bei ihm viele komische Stellen gibt, wenn man so unbefangen liest wie du bei mir. Ich glaube mich zu erinnern, dass manches sogar im Hausbuch der literarischen Hochkomik von Eilert/Gernhardt/Knorr steht, ein Werk, das ich jedem ans Herz legen kann, freilich nur noch antiquarisch zu bekommen, aber ab 0,99 Euro, wie ich gerade gesehen habe..
      http://www.amazon.de/gp/offer-listing/3251001000/ref=dp_olp_used?ie=UTF8&condition=used
      Es freut mich beinah königlich, dass du den Text so zu würdigen weißt. Und viel Spaß später mit Hercule Poirot. Schönen Abend und kuscheliges Einschlafen, meine Liebe.

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    • Vielen Dank für das Kompliment. Du hast Recht, bei der Schlagwortvergabe bin ich nachlässig. Aus gutem Grund: Anders als im Teppichhaus, meinem 2. Blogprojekt, kommen ins Teestübchen bisher keine Leser über Suchphrasen. Ich nehme an, man muss einen Bezahlblog haben, damit WordPress das zulässt. Ich würde auch gerne bezahlen, aber wie ich gelesen habe, gehts über ein Pay-pal-Konto, und das will ich keinesfalls mir einrichten.

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  4. Stell dir vor, du wirst wach. Stellen wir uns vor, wir würden wach. Das wäre ein Recken und ein Strecken und ein Augenreiben, ein Staunen, was man in Jahrtausenden so zusammengeglaubt hat – und dann würden wir ohne Religion vermutlich den gleichen Scheiß, nur mit einer anderen Begründungen, weitermachen.

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  5. Einerseits ist man natürlich selbst für das eigene Wohlergehen verantwortlich.
    Andererseits bin ich als gelernter Ösi automatisch als Raunzer, Suderer und Meckerant geboren, der quasi so lange in der Suppe herum sucht, bis dass er ein Haar darin gefunden hat … beziehungsweise in die haarlose Suppe ein Haar hinein schmeißt, wenn sonst gar nix mehr hilft …

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