Vom Anfang und vom Ende

Die Maastrichter Laan, von Westen kommend, wird beim Grenzübertritt im kleinen niederländischen Grenzort Vaals zur Vaalser Straße. Mit ihr beginnt die berühmte Bundesstraße 1. Einst führte diese 2000 Jahre alte Handelsstraße von Aachen bis Königsberg. Unterwegs macht die B1 einiges mit. Schon hinter Jülich verschwindet sie in einer Braunkohlegrube. Als junger Mann bin ich noch über die B1 durch das Dorf Lich-Steinstrass gefahren. Da wankten nur alte Mütterchen vor den zugenagelten Fenstern über den Gehsteig. Denn kurz danach sollte Lich-Steinstrass mitsamt der Bundesstraße 1 weggebaggert werden.

Ach, jetzt sind wir schon viel zu weit im Osten der B1.

Nochmal auf Los. – An der deutsch-niederländischen Grenze bei Vaals beginnt die Bundesstraße 1. Sie steigt an – sie kommt ja aus den Niederlanden – überwindet bei Gut Kullen eine Kuppe und taucht dann schnurgeradeaus in den Talkessel von Aachen ein. „Vaals“ bedeutet übrigens „Tal“. „Aachen“ bedeutet „Wasser“, – so schlicht sind die geographischen Namen.

Wo die B1 ihr wassersüchtiges Gefälle bekommt, durchschneidet sie den Aachener Westfriedhof. Beide Friedhofshälften sind durch eine alte Fußgängerbrücke verbunden. Die kleinere südliche Hälfte ist älter als die nördliche. Hier werden nur ganz bestimmte Personen begraben. Da ich diesen Personenkreis nicht kenne, hatte ich auch nie einen Anlass, durch den Torbogen zu gehen.

An einem grauen Tag im Herbst, an dem es nicht hell werden wollte, – ich war in düsterer Stimmung, – an diesem trüben Tag setzte ich mich aufs Rad und fuhr durch den kalten Dunst Richtung Niederlande. Der Weg führt an der Güterbahnlinie entlang, auf der ich vor Jahren die „Nachtschwärmer-Draisine“ (Nachtschwärmer online) fahren ließ.

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Friedhof in Verviers – Foto: Gudrun Petersen – Bearbeitung: Trithemius

Wo die Bahnlinie die Vaalser Straße kreuzt, bog ich ein. Da lag der Westfriedhof in der Dämmerung, und statt weiter zu fahren, querte ich die Straße und schob mein Rad durch die Pforte der alten Friedhofshälfte. Die Wege sind nicht asphaltiert. Man geht über knirschenden roten Split, Kies oder gestampfte Erde. Bald taucht ein Platz zwischen den Bäumen auf. Er wird nach Osten von einer großen Kapelle begrenzt. Um den Platz reihen sich gewaltige Grabmonumente. Alte Aachener Größen, Abkömmlinge großer Familien, sind hier unter steinernen Kolossen begraben.

Unsereiner wollte nicht soviel Geröll über dem Kopf. Mir würde ein Blechkranz genügen, damit ich hören kann, ob es regnet. Doch die Großen des 19. Jahrhunderts waren selbstherrlich und bigott. Da musste unbedingt ein Mausoleum her oder zumindest ein riesiger steinerner Engel. Engel aus Stein sind übrigens die irdische Variante. Sie fliegen nicht, sondern krachen irgendwann in sich zusammen.

Jedenfalls stand ich an den Grabmonumenten und versuchte mir zu vergegenwärtigen, welch wichtige Knochen dort verbuddelt lagen. Die Protzbauten auf alten Friedhöfen sind heidnisch. Sie sind noch der Idee verpflichtet, dass man seine Reichtümer mit ins Jenseits nehmen könnte. Vielleicht hat man ja das ein oder andere Dienstmädchen mit eingemauert, damit der hohe Herr etwas hat, womit er sich im Jenseits verlustieren kann. Tatsächlich hat es in Aachen einen unaufgeklärten Dienstmädchenmord gegeben. Ein kleiner Gedenkstein im Wald berichtet davon. Sie wurde am Fuße des Hügels gefunden, auf dem die Villa ihres Dienstherrn thronte. Man munkelt, er habe sie ermordet.

Was ein Mensch auf seinem Gewissen hat, nimmt er mit in seine Gruft. Was er sonst noch war und tat, ob er Häuser bauen ließ, Länder eroberte, eine Tuchfabrik besaß, das alles ist im Jenseits ohne Belang, ganz egal, was man glaubt. Im Gedenken der Menschen ist es nicht anders. Obwohl es Namen gibt, die das Gegenteil behaupten. Karl der Große, Alexander der Große, die Namen verbergen eine wesentliche Tatsache: Das waren doch vor allem große Menschenschlächter. Man mag sie in Geschichtsbücher schreiben, Denkmäler und Mausoleen für sie bauen – am Ende sind sie auch nur alte Knochen, die sich nicht besonders von deinen oder meinen unterscheiden.

Dieser alte Friedhof hat mich im Herbst eindrucksvoll mit dem Endlichen des Menschen konfrontiert. Es ist gut, sich das ab und zu klar zu machen, damit man im Leben nichts tut, was selbst durch steinerne Engel nicht getilgt werden kann.

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15 Kommentare zu “Vom Anfang und vom Ende

  1. Eindrucksvoll diese Konfrontation mit dem Endlichen. Ich liebe Friedhöfe. Auf unseren Reisen haben wir in jedem Land einen Friedhof besucht und uns deren Art des Umgangs mit den Toten voller Erfurcht betrachtet. Schon lange will ich unseren alten Stadtfriedhof mit dem Fotoapparat besuchen. Dein Foto ist spektakulär und ist mir nun ein Ansporn.

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    • Das Foto hat meine Ex-Freundin auf dem Friedhof von Verviers gemacht. Ich habs ein wenig mit Photoshop bearbeitet, es düsterer gemacht und einen Abendhimmel einmontiert. Dieser spektakuläre Friedhof ist einen Besuch wert. Falls du mal in der Nähe von Verviers bist.

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  2. Es wäre ja noch schöner, wenn der Tod zum großen Gleichmacher würde! Tot sein kann jeder – aber stilvoll die Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte hindurch unvergessen bleiben, das kann eben nicht jeder. Und wenn es keine großes Kunstwerk ist, das die Unsterblichkeit garantiert, keine Schlacht oder bemerkenswerte Grausamkeit, dann ist es eben ein ordentliches Vermögen, das der Nachwelt zeigt, wo der Hammer hängt… äh, Knochen liegt.

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    • „Wo der Hammer hängt“ ist eine interessante Wendung. Sie verweist auf einen alten Rechtsbrauch, nämlich als Sttrafandrohung für jene, die durch eigene Schuld ins Elend geraten, indem sie ihren Kindern noch vor dem eigenen Tod ihr ganzes Vermögen vermachen. Ich hab schon mal darüber geschrieben. Könnte ich eigentlich mal raussuchen.

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      • Sprache ist schon faszinierend. Wir verwenden ständig Redensarten, noch schlimmer – oder schöner? Wörter, denen wir eine Bedeutung zuschreiben, die uns sogar Verständigung ermöglichen, obwohl der ursprüngliche Sinn sich verändert, manchmal sogar ins Gegenteil verkehrt hat.

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        • Eigentlich wollte ich heute was anderes veröffentlichen, aber jetzt bearbeite ich auf deine Anregung hin gerade den Text zum Hammer, denn die Bedeutung ist wirklich ganz vergessen, wie ich gerade recherchiert habe. Zu deinem Kommentar: Fritz Mauthner hat, glaube ich, gesagt, jedes Wort sei eine versunkene Metapher. Da kann der Sinn sich schon mal ins Gegenteil verkehren oder beides meinen wie Untiefe als seichte Stelle oder als besonders tief, ähnlich „Medikamente für oder gegen“ (eine Krankheit)

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  3. Das überaus gelungene Foto sieht aus, als hätten kurz vor der Aufnahme einige Grufties, mit dem Hang zum Aufräumen ihrer Hinterlassenschaft, also ordentliche Unrat beseitigende Grufties eine Party gefeiert. Man kann ihre Anwesenheit förmlich (nach) spüren …

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