Mein surrealer Alltag – Wie ich beinah versehentlich gestorben wäre – eine Groteske

Es gab eine Zeit, da habe ich fast täglich mit einem Milchkaffee vor der Biobäckerei Doppelkorn gesessen, das bunte Treiben am Ende der Limmerstraße beobachtet, in mein Notizbuch geschrieben und geraucht. Aus dieser Zeit kenne ich einen kleingewachsenen Migranten, einen unglaublich freundlichen Mann, schon ein bisschen grauhaarig, der eine deutsche Freundin hat, die zwei Köpfe größer ist als er. Eine Weile hatten wir uns nicht gesehen. Ich war längere Zeit krank gewesen, hatte das Rauchen drangegeben und fuhr nicht mehr zu Doppelkorn, weil das Personal dort dauernd wechselte, so dass ich nicht mehr wie ein Stammkunde behandelt wurde, sondern man mich ansah, als wäre ich erst gestern von einem Planetensystem im Pferdekopfnebel eingewandert. Stattdessen sieht man mich jetzt fast täglich am Anfang der Limmerstraße, wo ich im Bio-Supermarkt das angebotene Mittagsmenü zu mir nehme, das aber meistens nur aus einer veganen Suppe besteht, genau richtig für einen, der nicht gerne zunehmen möchte. Hier werde ich immer bevorzugt behandelt und kann in Ruhe essen.

Vorgestern gab es Minestrone, und wie ich die löffele, sehe ich den kleinen Migranten mit seinem Einkauf bei der Kasse stehen und bezahlen. Da ahne ich nichts Gutes und konzentriere mich auf die Suppe. Aber irgendwann drängt mich die Höflichkeit hinüberzuschauen, unsere Blicke treffen sich, ich winke zum Gruß ihm zu, glaube, meine Pflicht erfüllt zu haben, und in Ruhe weiter essen zu dürfen. Doch da ruft er: „Geht es Ihnen gut?!“ und erwischt mich mit einem Schluck Minestrone im Mund.

Bitte. Man kann auf alberne Weisen sterben. Irgendein römischer Drusus ist erstickt, nachdem er einen Birne in die Luft geworfen und mit dem Mund aufgefangen hatte. Er soll ein Kraftprotz gewesen sein, der durch allerlei akrobatische Kunststücke zu begeistern versuchte. Sein Tod ist also irgendwie plausibel. Aber an einer Erbse, diesem Nichts von einer Kugel zu ersticken, ist eine wahrhaft dumme Weise zu sterben. Wie läse sich das denn? Der gute Herr Leisetöne hat das komische Geschehen kongenial in einem Satz zusammengefasst, so dass man sich noch Jahrhunderte an meinem Grabstein erheitern könnte:
an einer erbse“Bei der Antwort auf die Erkundigung nach der eigenen Gesundheit gestorben – an einer Erbse im Hals.”
(Text: Leisetöne, Foto und Montage: Trithemius)

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17 Kommentare zu “Mein surrealer Alltag – Wie ich beinah versehentlich gestorben wäre – eine Groteske

    • Natürlich hätte ich vor dem Verröcheln die Suppe noch rasch ausgelöffelt, denn ich esse immer den Teller leer. Fotomontage habe ich schon mit Papierabzügen gemacht, und jetzt mit Photoshop geht es beinah spielend leicht. Ich ertappe mich dauern dabei, dass ich ein Foto „verbessere“ wie auch der Baum links reinkopiert ist. Bildern ist heutzutage nicht mehr zu trauen, selbst Videos nicht.
      Heute gabs Gemüsecurry. Lieben Gruß!

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        • Upps, Madame sind vom Fach! Die Fälschbarkeit des Bildes war mir vor Photoshop im Kunstunterricht immer eine Unterichtsreihe wert. Fotos wurden schon immer manipuliert, aber nicht im heutigen Ausmaß. Hab gerade nach dem berüchtigten Foto von 1968 gesucht, als nach dem Ende des Prager Frühling der gestürzte Reformer Alexander Dubcek aus einem Gruppenbild der kommunistischen Parteigrößen entfernt wurde, wobei man allerdings seinen Schuh versäumte wegzuretuschieren. Ich habe mal darüber geschrieben und auch aktuelle Beispiele aus dem Fotojournalismus gezeigt, finde den Text aber nicht. Ersatzweise zeige ich mal das Original des oben manipulierten Fotos.
          grab-original
          (größer: klicken)
          Danke der Nachfrage. Keine Erbse hat heute mein Mittagsmahl gestört.

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  1. Erbsen haben es faustdick hinter den Ohren, das weiß man ja schon aus dem Märchen mit der Prinzessin. Aber ein grandioses Grab hast Du da, es scheint im umgekehrten Größenverhältnis zum Todesanlaß zu stehen.

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    • Das kannst du laut sagen. Ich habe diese Erbse erst rausgehustet, als ich zu Hause mein Rad abschloß. Da schoss sie plötzlich heraus, nachdem sie mich eine halbe Stunde gequält hatte. Gell, das ist ein hübsches Gefälle zwischen Grabarchitektur und Anlass 😉 und gut so, solange es nicht mein eigenes ist.

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  2. Eine Erbse in einem Biosupermarkt ist in der Tat irgendwie sehr grün 🙂 :-), wo doch ein Broccoli wesentlich effizienter gewesen wäre. Da reißt man gar im Fallen noch eine Packung Grünkern um. Ich meine, es soll Leute geben, pardon: gegeben haben, die haben sich auf dem Weg in den Keller den Hals gebrochen, auf der Suche nach einem feinen Weinchen. Aber wie sagt mein Vater immer: macht auch nicht blasser. Danke für einen sehr erheiternden Moment, am Flughafen wartend… (ein Glück, dass es keine Bordmenüs mehr gibt, was da alles passieren könnt‘ 🙂 )
    Liebe Grüße
    Andrea

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