Unterhaltung am Wochenende – Die letzte Chance – eine groteske Kolportage

„Trithemius! Die Story haben Sie mal wieder ordentlich versiebt, Sie Schmock!“ Frau Nettesheim, meine Chefin, knallt mir mein Manuskript vor die Füße. „Wenn Sie bis morgen keine ordentliche Reportage abliefern, können Sie sich die Papiere abholen!“ Und in Fahrt geraten stößt sie den Finger wahllos in die Runde der erschrockenen Teestübchen-Schreiberknechte und zischt: „Sie, Sie und Sie, Sie sind entlassen!“ Welch eine Furie, aber eine Meisterin der Feder und darum unanfechtbar.

Wortlos klauben die Gefeuerten ihre geringe Habe zusammen, räumen ihre Stehpulte und verlassen wie geprügelte Hunde den Raum. Ich mische mich unauffällig unter sie, froh, noch eine letzte Chance zu haben. Ja, ich bin bereit, das Äußerste zu tun, wovor auch die hartgesottensten Männer zurückschrecken. Ich werde ganz allein eine Nacht im Pataphysischen Institut verbringen, die leeren Gänge und Hallen durchstreifen und es ertragen, wenn das Gebäude wie allnächtlich in eine unwägbare Zwischenwelt hinüberragt.
pataphysisches-InstitutDas pataphysische Institut – Foto: Trithemius

Unter einem Vorwand besuche ich Jeremias Coster, Professor für Pataphysik und Leiter des Instituts für Nachrichtengeräte an der RWTH Aachen. Selbstgefällig und satt lagert er in einer seiner privaten Sofalandschaften. Ich ertrage sein Gerede von sensationellen pataphysischen Selbstversuchen, denen er sich unterziehen will, wenn er einmal Zeit hat. Die Zeit hätte er, und ich bin sicher, es wird nie zu einem der nur vage geschilderten Selbstversuche kommen. Dann gehe ich hinaus, verberge mich in der selten genutzten Bibliothek, bis alle gegangen sind und der glatzköpfige Hausmeister seine letzte Runde gemacht hat.

Endlich bin ich allein, und wie auf höhere Anordnung sackt augenblicklich die Dämmerung herab und hüllt die Gänge und Fluchten des Instituts in dunkle Schatten. Welch ein erbärmliches Leben ich doch führe, so abhängig von der Gunst vieler Menschen und allzeit gezwungen zu machen und zu tun, um meinen kargen Unterhalt zu sichern. Mein Kummer überwältigt mich. Unter dem riesigen Wandbild des heiligen Aldebert sinke ich auf eine Treppenstufe und starre das Bild an.

Kein Raum im Pataphysischen Institut wäre hoch genug, dieses Gemälde von 3 x 5 Meter an die Wand zu nehmen. So hängt das Bild im Treppenaufgang zwischen Parterre und erster Etage. Selbst dort passt es nicht. Die ansteigenden Stufen begrenzen den Platz in der Breite. Daher hängt das Gemälde nah am hohen Fenster, als wollte es hinaus ins Freie. Das Dämmerlicht auf dem Treppenabsatz erhellt das Gemälde kaum. Es müsste dringend restauriert werden, man müsste die alte Firnisschicht abnehmen und die Stockflecken beseitigen.

Ich kenne das Bild ganz genau. Es zeigt den Heiligen Aldebert aus Gallien zusammen mit dem Erzengel Michael. Im Hintergrund ist eine leere, wellige Landschaft zu sehen. Der Erzengel Michael steht am linken Bildrand, wendet dem Betrachter den Rücken zu. Sein mächtiger rechter Flügel geht beinah diagonal durchs Bild, ist oben und unten angeschnitten. Rechts davon, etwas zurück, steht Aldebert. Auch seine Gestalt ist am unteren Bildrand auf Hüfthöhe begrenzt. Er trägt ein blaues Gewand und eine dunkelgelbe Kapuze. In seiner Linken hält er einen Apfel, als wäre er im Begriff gewesen, hinein zu beißen. Da aber ist der Erzengel Michael gekommen und hat die himmlische Post gebracht. Mit der Rechten hält Aldebert das Schreiben in Augenhöhe von sich weg und scheint darin zu lesen.
Stilistisch gehört das Gemälde zur Wiener Secession, einer Spielart des Jugendstils. Coster hatte es eine Weile dem Maler Martinus Kurzweil zugeordnet, was sich aber nicht beweisen ließ.
Dieses Ölgemälde ist wirklich sonderbar, nicht nur, was den Bildaufbau betrifft, sondern auch sein Sujet. Aldebert lebte im 8. Jahrhundert und wurde schon zu seinen Lebzeiten vom Volk als Heiliger verehrt. Ihm folgten Heerscharen von Frauen nach. Seine Nägel und Haare wurden als Heiligtümer angesehen und weitergegeben. Aldebert behauptete, er verfüge über ein Schreiben von Jesus Christus persönlich. Es war in Jerusalem vom Himmel gefallen und vom Erzengel Michael aufgehoben worden.

Himmelsbriefe fielen im 8. Jahrhundert in großer Zahl. Im Jahr 789 mahnt Karl der Große in seiner Admonitio generalis, solche Werke sollten nicht gelesen, sondern verbrannt werden, damit sie das Volk nicht mit Lug und Trug bedecken. Der Hl. Bonifatius nannte Aldebert einen „betrügerischen Geistlichen, Irrlehrer, Schismatiker, Diener des Satans und Vorläufer des Antichrists“. Er warf Aldebert vor, seine Anhänger bestochen zu haben, damit sie verkündeten, sie wären durch seine Wunderkraft von ihren Gebrechen geheilt worden.

Coster will dieses blasphemische Gemälde auf dem Flohmarkt in Lüttich erstanden haben. Jedenfalls hängt es schon seit gut 20 Jahren im Treppenhaus des pataphysischen Instituts und verstört die Besucher. Wie ich über Aldebert nachdenke, fallen mir die Augen zu…also spricht Aldebert:

Du klagst, es wäre nicht leicht, ein Höfling zu sein. Dein Herrscher kenne keine Gnade, verfolge jede leise Kränkung mit bodenlosem Grimm. Unentwegt müssest du ihm zu Diensten sein. Seine Metze hingegen sei eine schwarze Witwe. Wer ihr nutze, den hebe sie an die Brust. Sei dieses Spiel vergessen, finde sich der Narr ganz unten an der Tafel, allein mit seiner Not, dem Bischof könnte der Treuebruch sich offenbaren.

Was also, frage ich Dich, hält dich dort am Hofe?

Es sind die Vorrechte eines Manns im Zentrum der Herrschaft. Draußen im Lande küsst man dir die Füße. Weht dein Hauch vorbei, saugt ein jeder ihn ein. Abgesehen von denen, die schon als Unzufriedene geboren wurden und das Antlitz deines Universums beschmutzen.

Du hast also Macht, und es kommt dir zu / der gutgläubigen Menschen vereinte Kraft. Teilst sie nur mit wenigen. Du hast Wissen über das Tun und Lassen deines Bischofs. Dieses Herrschaftswissen ist dir wie Honig. Mehr noch ein Lebenselixier, das dich in der Sänfte schweben lässt. Sobald du den Bischofssitz verlassen hast, kannst du dich in der Aufmerksamkeit von Hunderten sonnen, ja, von Tausenden, die auf verschiedenen Wegen von dir gehört, von Mund zu Ohr, von Schrift zu Auge. Mal wirst du als Quelle deiner Ergüsse genannt, mal hast du eine Intrige gesponnen und lässt boshafte Kunde durchsickern. Du streust Gerüchte und machst dich davon. Sollen andere sich das Maul verbrennen. Das kann deine Position nur stärken. Du stiftest an, dass man hinter dem Rücken des Bischofs feixt und seine Metze schamlos betrachtet. Du spielst ein Ränkespiel. Gleichzeitig betreibst du die Ausbreitung deiner Macht, reißt dir Stücke aus dem Land, eignest dir an, wonach dich gelüstet. Verkommene Mönche legen falsche Urkunde für dich an, statt die heiligen Worte zu kopieren.

Ja, du bist ein Spieler mit hohem Einsatz, verstehst zu gewinnen, weil du die heimlichen Regeln im Reich verstehst. Und der süßeste Sieg, das ist eine hohe Beute mit geringem Einsatz, mit einem Strich deiner Feder, mit einem Wink deiner Hand. Wenn das niedere Volk zu dir spricht: Wir dienen Euch für Gotteslohn, – dann weißt du genau, warum du am Hofe des Bischofs bist.

Solche, die so mächtig, verderbt und gerissen sind wie du, kultivierte Bestien des Zusammenlebens, immer bereit, die Schneide des geschliffenen Verstands zu führen und andere lustvoll zu verderben, sie behandelst du mit Respekt. Ihr steht in Verbindung mit der Gabe der Schrift. Sie kam von Gott, aber von euch wird sie missbraucht.

Auf dein Geheiß schleppen sie einen Mann herbei. Du befiehlst, ihm den Kopf zu scheren. Mit wundem Haupt sinkt er vor dir auf die Knie, und du schreibst auf den blanken Schädel dieser armen Kreatur deine Botschaft. Dann werfen sie den Mann ins Loch, wo er hockt, bis ihm die Haare gewachsen. Ist seine Mähne gesprossen, zerrt man ihn zurück ans Licht. Du nennst ihm sein Ziel. Mit einem Tritt schickst du ihn auf den Weg, damit er lernt zu laufen und nicht wagt zu säumen. Was hast du ihm auf den Kopf gepinselt? Was verbirgt sich unter seinem Haar? Er weiß es nicht, wüsste es nicht, würde man ihm die Kopfhaut abziehen und vorlegen. So ahnt er nicht, derweil er läuft, die Nachschrift unter deiner Botschaft:

„Und nun, mein Bruder im Geiste, memoriere meine Worte. Dann schlage dem Boten den Schädel ein und wirf ihn unter die Schweine!“

Da sinkt er hin, der tumbe Mann, dem die Freiheit versprochen, als man ihn sandte. Deine Nachricht / er trug sie auf dem Haupte treu, über gefahrvolle Wege hinweg. Dein schmählicher Brief aber hat befohlen: Dieses Kind Gottes hat seinen Zweck erfüllt / als Laufbursche im Netz der Ränke, der geschliffenen Bosheit, der gemeinen Lust an den verderbten Auswüchsen der unersättlichen Gier.

Warum also beschmutzt du mein Ohr mit deinen Klagen? Hast du es nicht besser angetroffen als dein Bote? Soll ich dir den Schädel rasieren und dir aufschreiben, wer du bist, damit der Engel des Herrn erkennt, wohin sein Flammenschwert gehört? Was grinst du mich an, du hässlicher Schädel, du Speichellecker vor dem Herrn? Wähnst du dich sicher, weil du Zacharias verführt, die Anzahl der Engel zu mindern? Glaubst du, deine Ränke werden überdauern / über Jahrtausende hinweg? Ich sage dir, du Wicht, höre meine Worte: Dereinst wird es freie Menschen geben, mit eigenem Kopf und besser vernetzt als du. Sie werden mutig sich erheben und dein verderbtes schwarzes Netz in Stücke hauen.

Als ich erwache, herrscht ägyptische Finsternis. Mein Kopf brummt. Meine tastende Hand geht rundum ins Leere. Noch stehe ich unter dem Alpdruck des Traums. Ein Gedanke taucht plötzlich aus unwägbaren Tiefen auf und schnürt mir den Hals zu: Wenn jetzt von weit oben im Treppenhauses ein Nachtmahr sich herabließe, mir ins Genick spränge und mit seinen ekligen Klauen nach meinen Ohren griffe und mich nach seinem bösen Willen herumführen würde?! Meine zagenden Füße ertasten Stufen. Ich tappe hinab, stolpere, raffe mich wieder auf, tappe weiter – ans Licht! Ans Licht! Helft, ihr Götter, helft!

Da muss denn wohl eine säumige Putzfrau einen vollen Eimer stehen gelassen haben. Mit dem rechten Fuß gerate ich hinein, der Eimer fällt um, ich schlage lang hin, und das Putzwasser schwappt in meinen Rücken.

Wie ich in die Empfangshalle gekommen bin, weiß ich nicht genau. Die Talfahrt ging jedenfalls rasch, eine Spirale hinab, das Putzwasser war auf den Stufen ein gutes Gleitmittel. Aber mein Rücken, meine armen Knochen! Wenigstens wirft das alberne Aquarium an der Hausmeisterbude einen trauten Schein. Die nassen Kleider ziehe ich aus und hänge sie zum Trocknen auf einen der Heizkörper, worin das Wasser friedlich blubbert. Jetzt kann ich im Dämmer auch die große Uhr ablesen. Es ist noch früher als ich dachte, gerade einmal 20:30 Uhr. Mir ist kalt, und wie ich mich umsehe, entdecke ich einen bequemen Sessel, mit einem Tuch überworfen. Ich enthülle den Sessel, packe mich hinein und wickle mir die Decke um.

pataphysisches-InstitutsschPlötzlich höre ich Stimmen! Schlüssel klirren, die Tür knarrt und ringsum flammen Leuchten auf. Ich packe meine Decke und verberge mich hinter einer Säule. Wer kommt dort? Männer sind es, viele uniformierte Männer strömen in die Halle. Sie tragen Querflöten und Trommeln. Ein Spielmannszug! Noch fliegen Scherzworte hin und her, dann pocht der Tambourmajor ungeduldig mit seinem Tambourmajorstab auf die Fliesen. „Aufstellen!“ Das Plaudern erstirbt. Sie verbergen ihre Köpfe unter Mützen, bilden fünf Reihen und schauen ihren Major erwartungsvoll an. „Stillgestanden!“Die Hacken klacken, und die Trommler schlagen die Rechte auf die umgehängten Trommeln, drehen sie um und halten die Stöcke auf Habacht. Gleichzeitig heben die Flötisten die Flöten an die Lippen. Schon stößt der Tambourmajor seinen Stab in die Luft und herab, und dann ist’s wie Donnerhall, als der Lockmarsch ruft.

Im Nu werde ich davongetragen. Längst vergessene Gefühle keimen auf. Das Herze wird eng mir, und Tränen steigen mir hoch. Der Lockmarsch! Die prachtvollen Paraden! Die herrlichen Umzüge mit „Preußens Gloria“ und “Alte Kameraden!“ „In Treue fest!“ Gleichschritt, Gleichschritt, Heimat, o süße Heimat!

Nichts hält mich mehr, ich werfe die Decke ab, laufe hin und reihe mich ein. Der Major erbleicht. Er senkt den Stab, und die Musik schweigt. Ich schlage die Hacken zusammen. Es ist nur ein leiser Ton meiner nackten Füße, doch der gute Wille ist da. Meine gestreckte Hand fliegt an die Stirn, dem Major zum Salut: „Trommler Trithemius zur Stelle! Verfügen Sie über mich, Herr Major!“

Der Mann stemmt die Linke in die Seite und starrt mich wortlos an. Dann schwillt seine Brust und er brüllt! „Was ist los mit Ihnen, Mann?! Wie sehen Sie aus?! Wo ist Ihre Dienstmütze, Sie Clown! Das Koppel nicht umgeschnallt! Ich sage es doch immer wieder. Schon tausend mal habe ich es gesagt: Kleiderordnung, Leute, achtet gefälligst auf die Kleiderordnung!!! Wie soll die Nation bestehen, wenn niemand sich an die Kleiderordnung hält! Skandalös!“

Da beginnt es zu rumpeln und wie zur Antwort ist da ein Rieseln in den Mauern. Das Gebäude wankt in seinen Grundfesten. Der Major verstummt und alle horchen auf. Der alte Bau zittert und bebt, Mauerbrocken poltern hernieder, es kracht im Gebälk. Trommeln, Flöten und Dienstmützen fallen zu Boden, – die uniformierte Bagage ergreift die Flucht. Doch ich in meiner nackten Unschuld schreite unversehrt hinweg durch all das Chaos …

Frau Nettesheim lässt das Manuskript sinken. „Trithemius, habe ich Sie aufgefordert einen derartigen Megamist zu schreiben?“
„Allerdings“, sage ich fest. Frau Nettesheim verstummt. Sie geht hinüber zum Waschbecken und wäscht sich die Hände. Dann holt sie frische Tücher aus einem Schrankfach, legt ein Bündel darauf, hüllt sich in ein weißes Gewand, kniet nieder, greift ins Bündel und zieht ein gebogenes Schwert hervor. O Gott, die Frau will Harakiri …

„Halt, Frau Nettesheim!“, rufe ich entsetzt, „ich habe verstanden!“ Mannhaft zerknülle ich das Manuskript, werfe es zu Boden, halte ein Streichholz daran und entfache ein Sühnefeuer.
Nur widerstrebend wendet sich Frau Nettesheim wieder dem Leben zu, blinzelt in die Flammen und kniet wankend da. Ich ergreife ihre Hände und komplimentiere sie hoch. Tränen rinnen über meine Wangen. „Schon gut, Frau Nettesheim“, flüstere ich, „nie mehr werde ich etwas schreiben, versprochen, versprochen!“
„Auf Ehre und Gewissen?“
„Ja, meine liebe, liebe, Frau Nettesheim!“
Da langt sie hinter mein linkes Ohr, zieht meinen Bleistift hervor, zerbricht ihn und wirft ihn auf mein glimmendes Manuskript.

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18 Kommentare zu “Unterhaltung am Wochenende – Die letzte Chance – eine groteske Kolportage

  1. Das Pataphysische Institiut steht in Konkurrenz zur frühlingshaften Herbstsonne. Ein harter Kampf mit ungleichen Waffen, weil das Handydisplay die Sonne so gar nicht mag.
    Gelesen und gemocht wurde er trotzdem. Der Text. Nur warum, dass könnte ich nicht sagen. Muss man aber vielleicht auch nicht.

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  2. Der heilige Aldebert war den Text schon wert! Lieber Jules, unser christliches Erbe ist einfach nicht zu leugnen und solche Gestalten wie Aldebert sind es wert, immer wieder ans Tageslicht – oder welches Licht im pataphysischen Institut auch immer gerade leuchten mag – gezerrt zu werden. Die Slapstick-Nummer, der Einsatz des Spielmannszuges und die Woge der Rührung, der Heimatbegeisterung, die Trithemius überwältigt… wie schön das alles ist! Und nicht minder dramatisch der Auftritt der Frau Nettesheim, der man ein solches wahrlich nicht wünscht! Welcher Bleistift wünscht sich nicht ein solches Ende, statt als Stummel in einer Schublade zu verkümmern!

    Gefällt 3 Personen

    • Das freut mich, lieber Manfred! Das Fragment vom Hl. Aldebert stammt aus den Papieren des PentAgrion und steht da nur in losem Bezug zu den anderen Textteilen. Das Fragment ist Produkt eines Schreibrausches, in den ich mich hineingesteigert hatte. Es ist damals ein bisschen untergegangen, passt aber gut in diesen Text der letzten Chance im pataphysischen Institut, wo das Gemälde schon verortet war (darum „Kolportage“) . Du hast treffend interpretiert. Über die Geschichtsvergessenheit unserer Zeit haben wir uns ja letztens schon ausgetauscht. Ich finde es gut zu wissen, dass das christliche Erbe wie es sich uns heute präsentiert, das Ergebnis von Machtkämpfen, Mord, Intrigen und Urkundenfälschung ist. Etwas davon habe ich im Fragment gezeigt. Dass Bonifatius und nicht Aldebert heute als wichtiger Gestalter der Kirchengeschichte gilt, zeigt nur, wer den Machtkampf gewonnen hat. Die Sache mit den Himmelsbriefen ist eine kuriose Randerscheinung, nämlich der Versuch, eigene Ansichten durch den Hinweis auf göttlichen Ursprung zu bekräftigen. Die Übermittlung geheimer Botschaften auf der Kopfhaut eines Sklaven ist übrigens eine gängige Praxis gewesen. In eine Erzählhandlung eingebettet, zeigt sich die Brutalität des Verfahrens. Dass du die Rahmenhandlung so lobst, freut mich wirklich sehr. Vielen Dank!
      Wir sehen, dass der so dramatisch hingestorbene Coster trotzdem wieder in Texten auftauchen kann, was ja sowieso zum Konzept der Pataphysik passt.
      Tatsächlich hatte ich vor dem Eintritt des digitalen Zeitalters oft einen Bleistift hinterm Ohr, und als Brandopfer ist er allemal besser dran als schnöde in Vergessenheit zu geraten.

      Gefällt 2 Personen

        • Das ist der Nachteil, wenn ich mal wieder Wissen über Erzählhandlungen vermitteln will, liebe Ann. Oft setzte ich da einen Verstehenshintergrund voraus, der in dieser Form nicht vorliegt. Dann bin ich immer froh, wenn mir jemand wie hier Manfred die Gelegenheit gibt, einiges genauer darzulegen. Ich bemühe mich, es demnächst besser zu machen. Da viele meiner Texte um ähnliche Themen kreisen, vervollständigt sich sowieso das Bild irgendwann. Außerdem darf ruhig ein Rest rätselhaft bleiben, denn Rätsel sind anregend 😉

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  3. Mir geht’s ähnlich wie Ann, einiges versteh ich, vieles erschließt sich mir noch nicht. Wie gut, dass ich ja jetzt ein wenig Zeit habe, um zu Stöbern und mir das Ganze besser zu erschließen…Rätsel sind was wunderbares, wenn ich sie gelöst habe *grins
    Einen schönen Abend wünsch ich Dir

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    • Guten Morgen, liebe Andrea,
      obwohl die Rubrik „Unterhaltung am Wochenende“ heißt, will ich immer ein wenig mehr bieten als Unterhaltung. Schließlich opfert, wer hier liest, ein wenig seiner kostbaren Lebenszeit, und die will ich keinesfalls verplempern.
      Schönen Sonntag,
      Jules

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      • Lieber Jules,
        Das weiß ich doch und schätze es sehr – ich mag Deine Beiträge, das sollte nicht negativ oder nach Kritik klingen. Meine Gedankengänge sind manchmal auch etwas labyrinthisch und ähnliches erkenne ich bei Dir. Mein Anspruch an mich ist eben, dass ich Dein Labyrinth i-wann durchschaue 😉 …oder überschaue, wer weiß das schon *g
        Also Grundtenor: Ich mag Deine Beiträge, finde, dass Du Dir unglaublich viel Mühe gibst und wirklich unterhältst – eben nicht kurzweilig, dafür gibt es andere Spezialisten- sondern nachhaltig beschäftigend. Genau das richtige für unruhige Kopf-Geister, die nach Nahrung lechzen. :-)))) Dir auch einen schönen Sonntag
        Andrea

        Gefällt 2 Personen

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