Abendbummel online – Effie und die Chinesen

Wenn die Dunkelheit sich so früh schon über die Stadt senkt, macht es Vergnügen, ein Format wieder zu beleben, das ich zum Beginn meines Bloggens fast allabendlich geschrieben habe. Eigentlich wollte ich ja nur zum Lichtenbergplatz gehen, um einige Flaschen Kölsch zu kaufen. Doch die vielen erleuchteten Fenster verlocken hineinzuschauen, fremde Lebenswelten zu entdecken. Da liegt der Laden für chinesische Heilkunst und Kalligrafie verwaist im Licht. In der Tür eines Hinterzimmers taucht schwanzwedelnd ein Hund auf. Ich sehe nur sein Hinterteil, denn er himmelt eine Frau an, die im Begriff ist, eine offenbar volle Tasse in den Laden zu tragen. Vielleicht hat sie sich einen Kaffee oder Tee gemacht, jedenfalls sehe ich keinen Grund für die Freude des Hundes. Was sie da vor sich herträgt, ist gewiss nicht für ihn. Seine Schnauze würde ja gar nicht hineinpassen in so eine Tasse. Es ist diese buchstäblich hündische Ergebenheit, die ich hoch nie leiden mochte und vor allem nicht in einem Laden für chinesische Heilkunst und Kalligrafie zu finden erwarte. In China gehört der Hund doch auf den Teller und möglichst sollte er nicht mehr mit dem Schwanz wedeln. Da bin ich froh, den Laden noch nie betreten zu haben, obwohl mich chinesische Kalligrafie durchaus fasziniert. Aber leider leider, die chinesische Kultur ist auch nicht mehr, was sie einmal war.
lichtenbergplatzLichtenbergplatz – Foto: Trithemius

Kürzlich meldete de redactie, ein Service des öffentlich rechtlichen Vlaamse Radio- en Televisieomroep (VRT), eine Kunstaktion Antwerpener Künstler. Verkleidet als Notare hatten sie die Schlafplätze von Obdachlosen versteigert. Parkbänke, Stellen unter Brücken und so fort. Die Plätze wurden angepriesen wie Immobilien, so ein Platz in einer U-Bahnstation: „Gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.“ Der Erlös dieser Aktion ging an eine Einrichtung für Obdachlose.
Aus China hatten einige Chinesen per Telefon mitgeboten, weil sie gedacht hatten, es ginge um einen echten Verkauf. Man weiß ja, dass weltweit die Spekulanten händeringend nach lukrativen Anlagemöglichkeiten suchen. Aber was haben sich die Chinesen wohl gedacht. Wollten sie die Parkbänke eventuell an die Börse bringen? Wollten sie Plaketten anbringen lassen derart: „Eigentum von Hong Lu Spe Ku Lant? Oder einfach ein Stück Belgien besitzen, und wenn es ein zugiger mit Urin getränkter Platz unter einer Brücke ist? Da schauen wir lieber mal in die Bücherkiste, die wohlmeinende Anwohner auf das Mäuerchen ihres Vorgartens gestellt haben, zumal sich hier ein Ensemble prächtiger Jugendstilhäuser aufreiht. Wer in einem solchen Haus lebt, sollte doch einen erlesenen Büchergeschmack haben. Leider nicht. Da geht es mir wie Sokrates auf dem Athener Markt: „Wie zahlreich sind doch die Dinge, die ich nicht brauche.“ Und wie zahlreich sind die Bücher, die ich nicht lesen will. Aber ein Taschenbuch nehme ich mit: aus der Bibliothek literarischer Meisterwerke Theodor Fontanes Roman „Effie Briest.“ Das erinnert mich nämlich an einen Kollegen Deutschlehrer, der mich mehrmals gefragt hat, was „briesen“ eigentlich für ein Verb ist. Effie Briest – was macht sie da? Muss ich das Buch nach so vielen Jahren nochmals lesen? Vielleicht hilft es, das Verb probeweise zu konjugieren?

ich briese
du briest
er, sie, es briest

wir briesen
ihr briest
sie briesen

Ich trage das Buch in der Hand, und in der feuchten Abendluft beginnt der lackierte Umschlag des Taschenbuchs an meinen Fingerkuppen zu kleben. Da brauche ich gar nicht erst ins Buch zu schauen, um herauszufinden, was „briesen“ ist. Ganz klar, Effie klebt.

Guten Abend

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24 Kommentare zu “Abendbummel online – Effie und die Chinesen

  1. Ich habe Effie Briest genau bis dahin gelesen, wo irgend jemand, ich glaube es war ihr Vater, sagte: „Das ist ein weites Feld“ Ich stellte mir ein weites Feld vor und ließ die Lektüre bleiben. Ich nahm es nie wieder in die Hand.

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  2. Lieber Jules,
    Sie kennen vermutlich nicht sehr viele unmenschliche Menschen?!
    Mir fallen sehr viele ein, denen ich jeden (auch vermenschlichten) Hund vorziehen würde.
    Beim Essen, Zirkus und Zoo stimme ich Ihnen gerne zu!
    Aber ich gebe auch zu, es gibt hochintelligente Hunde, die nicht so erfahrenen Hundebesitzern die Unterwürfigkeit nur vorspielen. Schon die Einstellung sich als „Besitzer“ eines Lebewesens zu fühlen, trübt so manches Verhältnis zwischen „Haustier“ und Mensch.
    Nur die Toleranz eines Hundes hält den häuslichen Frieden aufrecht.
    Das geht mir jetzt gerade durch den Kopf, aber ich stimme „kinder unlimited“ (schrecklich, diese namenslosen Nicknames 😉 ) auch in dem Punkt zu, dass man darüber länger nachdenken und diskutieren könnte.

    Gruß Heinrich

    Gefällt 1 Person

    • Ups, leider kann ich nicht editieren. Wollte das unpassende Wort „schrecklich“ entschärfen.

      Liebe oder lieber kinder unlimited,
      möchte mich schon entschuldigen, bevor Sie meine unhöfliche Äußerung haben sacken lassen. Ich war nur gerade in einem Diätforum, wo eine neue Teilnehmerin sich „Marzipan“ nennt und im Vorstellungforum schrieb:
      „Hallo ich bin die Marzipan“
      Da verging mir kurzfristig der Appetit auf Marzipan (was sowieso in einem Diätforum nicht den besten Platz hat) und diese Verwunderung über die Namen, die sich manchen Menschen geben, habe ich hier abgeladen. Das war unfair! Sorry!

      Gruß Heinrich

      Gefällt 2 Personen

    • Lieber Heinrich,
      Hund versus Mensch, dieses Fass möchte ich ungern aufmachen, denn es ist bodenlos. Ich habe im Abendbummel die Möglichkeit für einen Gag gesehen, also habe ich ihn nicht ausgelassen. Diese Form zu schreiben führt häufig zu polemischen Äußerungen, die, würde man sie hinterfragen, zu endlosen Diskussionen führen. Beispielsweise könnten die Leute, die so freundlich waren, zu verschenkende Bücher nach draußen zu stellen mit Fug und Recht darauf hinweisen, dass von der Kiste aussortierter Bücher nicht auf den Buchgeschmack geschlossen werden dürfe. Will sagen, fast alle Aussagen des Textes sind anfechtbar und mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Manchmal gelingt es mir, heiter irionisch zu sein, mal gerät mir ein Text bissiger, unberechenbar wie die Wetterlaunen.
      Über das Thema Nicknames habe ich gestern Abend auch nachgedacht und überlegt, ob es ein lohnendes Projekt wäre, Blogger nach der Bedeutung ihres Nicks zu fragen. Dann würde ich auch gern erklären, was es mit Trittenheim und Trithemius auf sich hat. Bei Frau Kinder unlimeted war ich froh, irgendwann ihren schönen Namen zu erfahren, nämlich Ann, so dass ich jetzt weiß, wie ich sie persönlich ansprechen kann.
      Viele Grüße,
      Jules

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      • Indessen ist das Menschen/Hunde-Fass aber bereits offen, Pardon ; )

        »Ob wirklich Gott den Menschen nach seinem Ebenbild schuf, möchte ich in Anbetracht des Ergebnisses bezweifeln. Dass der Mensch aber den Hund nach seinem Ebenbild schuf, das steht fest.« schrieb der schwedische Biologe Erik Zimen.
        Darum mag manch einer am Hunde menschliche Charaktereigenschaften schätzen, und manch anderer wiederum hündische am Menschen verabscheuen. Wölfische Wesensart hingegen lässt sich manchem Menschen, aber kaum einem Hund zuschreiben: Homo homini lupus, wie man weiß, aber Canis homini canis. Aus dem stolzen & souveränen Geschöpf Lupus, welchem er feindlich gesinnt ist, hat der Homo den charakterlichen Kretin Canis herniedergezüchtet, welchen er liebt. Schleimer, Kriecher, Konformisten sind freilich leichter domestizierbar als Freizügler, Outlaws, Individualisten. (Persönlich hege ich für den Wolf allerdings tiefere Sympathie als für den Hund.)

        (Zu nämlichem Thema reimt übrigens mein geschätzter Kollege M.Krassnig:
        »Dass Mensch und Schimpanse Verwandte wären,
        gehört zu Herrn Darwins bekannten Lehren.
        Der Mops aber, dass ausgerechnet der
        mit dem Wolf verwandt wär’: das kann der Herr
        Darwin seiner Urstrumpftante erklären.
        «)

        Pardon, wie gesagt ; ) Fass wieder zu.

        Gefällt 2 Personen

        • Ich freue mich über Ihren Besuch im Teestübchen, lieber Kollege noemix. Tut gut zu lesen, wie Sie das Fass auf- und wieder zugemacht haben. Überdies erheitert mich Krassnigs Gedicht sehr.

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  3. Oh lieber Thrithemius,
    ich habe noch nie an einer Ihrer Formen des Schreibens etwas auszusetzen gehabt. Eher habe ich Sie beneidet, und Neid soll ja eine besondere Form der Bewunderung sein.
    Und der lieben Ann müsste ich dann beichten, dass Heinrich ja auch ein „Nick“ ist und ich in Wirklichkeit Fritz heiße, was zu Ihrer Aussage, kein Fass aufzumachen passt.

    Gruß Heinrich 😉

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  4. Man kann nicht genug von diesem Buchstaben haben, lieber Heinrich, dessen ehrenvolle Aufgabe es meisten ist, nichts zu tun, nur die Wörter länger zu machen. Weil Sie Ihren wirklichen Vornamen verraten haben: Trithemius ist die Latinisierung von Trittenheim, einem Weinort an der Mosel. Bekannt ist der Wein „Trittenheimer Altärchen“, aber obwohl Sie oben ein hübches Fass zeigen, hat mein Nick nichts mit Wein zu tun.

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