Unterhaltung am Wochenende – Halloween special – Eine Nacht im Reiffmuseum – (Folge 3)

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Du kennst das Reiff-Museum nicht? Hast du dir noch nie das zyklopenhafte Gebäude angesehen, gleich neben dem Hauptgebäude der Universität? Es ist gewiss das Verkommenste und Elendste unter allen Gebäuden der Hochschule. Seine brutale Architektur lässt dich schaudern, wenn du einen Sinn für Formen hast. Wie zum Hohn ist in diesem Moloch die Fakultät für Architektur untergebracht.

Das Hauptportal wird nicht mehr genutzt. Hoch oben steht in klotzigen Buchstaben „Reiff-Museum“. Schrift und Bauform: selten habe ich solch einen düster-morbiden Einklang gesehen. Der Flur ist erleuchtet, und die hässliche gläserne Seitentür steht offen. Leider wartet hier niemand mehr. Der Film hat längst begonnen. Ich gehe hinein. Wohin soll ich mich wenden? Bis zur Hochparterre hinauf sind die Wände gepflastert mit Aushängen. Da sind Studienreisen zu buchen, Arbeitsräume für Studenten zu haben, werden Studentenjobs angeboten, halbnackte Weibsen werben für eine Band, er sucht Wohnung, sie bietet Wohnung, dringend Nachmieter gesucht – da trifft sich gut, was sauber auf einem A4-Zettel steht:

„Der Schornsteinfeger möchte in Ihre Wohnung!“

Nein, das ist wohl ein Scherz, diesen Zettel habe ich in den letzten Tagen an Haustüren gesehen. Er ist gruselig. “Der Schornsteinfeger möchte in Ihre Wohnung.” Will der schwarze Mann sie besetzen, gar okkupieren und einziehen, wobei das eine so schlimm wäre wie das andere? Im Flur wird er seine eiserne Kaminbürste abstellen, die schwarze Kugel, die schon mit rasselnder Kette in manchen Kamin hinabgedonnnert ist, wird er sorgsam in deinem Bett verstauen, und alles wird er schwarz machen und überall den Geruch nach feuchtem Ruß verbreiten.

Die Zettel branden die Treppe hinauf wie eine heftige Flutwelle, die alles zu ersäufen droht. Überall buhlen Adressenabschnitte um Abriss. Nur einen Hinweiszettel auf den Andalusischen Hund finde ich nicht. Ich würde mich ja gerne durchfragen. Doch das Gebäude liegt still und scheint menschenleer.

Badewannen voller Ochsenblut

Im letzten Winter träumte ich mir Stiefel. Und nun verfluche ich, dass ich sie trage. Sie verraten jeden meiner Schritte und geben mir das Gefühl, die Stille zu stören. Nun, man hat auf den Fluren Licht gemacht, dann wird auch irgendwo der andalusische Hund auf mich warten. Ob das Rasiermesser schon durchs Auge gefahren ist? Ich lege keinen Wert darauf, es zu sehen. Die Bischöfe will ich nicht verpassen, wie sie plötzlich zu Skeletten werden und in ihren sinkenden Roben zu Staub zerfallen.

Man wird den Film gewiss in einem Hörsaal zeigen. Ich muss also nur die Klinken niederdrücken, bis sich eine Tür auftut. Natürlich muss ich mich gegen die Gesichter wappnen, die sich mir stumm zuwenden werden, wenn ich eintrete und die Bischöfe beim Verstauben störe.

Den Gang hinunter hat man Architekturmodelle in Vitrinen ausgestellt. An der Wand das Motto der Arbeiten: „Ein Turm für Berlin“. Welch schauderhafte Türme! Wenn man Bunuel verfluchen möchte, dass er den andalusischen Hund gedreht hat, der Epigonen wegen, die in ihren Filmen Badewannen voller Ochsenblut vergießen, Menschen häuten und vernähen, all das Schauderhafte also, was die Filmwelt bietet, wenn man Bunuel und Dali verfluchen mag, weil sie die Tür aufgestoßen haben, dann muss man auch die Architekten des Bauhaus verfluchen, die den rechten Winkel in die Architektur betoniert haben, so dass diese „Türme für Berlin“ denkbar wurden.

Ein Hockauf auf einem Hockauf

Eben, unter all den Fremden auf der Straße, da habe ich gedacht, dass ich über Nacht wohl geschrumpft sein muss. Gestern noch gehörte ich zu den Großgewachsenen. Heute überragen mich die jungen Männer um einiges. Wie konnte das geschehen? Meine Proportionen sind mir weiterhin vertraut. Also müssen die Menschen gewachsen sein. Während ich mich in meinem Traum durchs Leben schlug, sind sie still und heimlich höher gewachsen. Und trotzdem, auch diese groß gewachsenen Kerle von der Straße, sie wären Winzlinge in den Fluren. Spränge jetzt von der Decke ein Hockauf in meinem Nacken und würde er einen zweiten in seinen eigenen Nacken rufen, auf dass wir wären wie Gebrüder einer Zirkusnummer, ja, auch der Hockauf auf dem Hockauf müsste nicht den Kopf einziehen, wenn wir durch eine Tür kämen. Welch gewaltige Flure die Alten bauten. Und wie hoch führen ihre Treppen hinauf! Es fällt mir schwer, sie zu steigen. Ihre Größe ermüdet mich.

Sag, ist es nötig, dass sich hinter einer verschlossenen Tür überhaupt ein Raum befindet? Vielleicht ist der kosmische Plan viel einfacher und plumper als wir denken. Vielleicht lässt er einen Raum erst in dem Augenblick entstehen, in dem eine Tür sich auftut. Dann wäre hier nirgends ein Raum, und kein Mensch würde artig im Hörsaal sitzen, und niemand würde auf einer Leinwand sehen, wie sich die Brüste einer Frau unter den Händen eines Mannes in ein Gesäß verwandeln.

Alle Klinken der ersten und zweiten Etage habe ich vergeblich niedergedrückt, und auch die dritte Etage zeigt unter ihrem Gewölbe nur einen langen, kahlen Flur. Ich höre mich. Das Haus hört mich.

30 Jahre Verspätung

Es wird keinen Film geben. Er ist mir verwehrt. Ich bin zu spät gekommen, bin 30 Jahre zu spät gekommen. Das ist eine mächtige Verspätung. Warum haben Dali und Bunuel den andalusischen Hund nicht dreißig Jahre lang gemacht? Das wäre ein surrealistischer Film nach meinem Geschmack. Dreißig Jahre zöge ein Rasiermesser durch ein weit geöffnetes Auge. Sähe man die Bewegung? Alle paar Monate käme man vorbei, um das Fortschreiten dieser Untat zu sehen. Und im Laufe der Jahre sähe man den Filmvorführer altern. Gerade noch sprang er hurtig in seine Vorführbude, schon schlurft er nur noch müde umher. Längst hat er die Hoffnung aufgegeben, dass sich der erlösende Schnitt endlich vollzöge, damit er die Lichter löschen darf und nach Hause gehen zu Frau und Kind. Doch was hätte er davon. Er wüsste nichts mehr vom Leben draußen, und unten an der gläsernen Seitentür würde er sich besinnen und in seinen Vorführraum zurückkehren.

Unterm Dach bin ich noch nicht gewesen. Die Architektur ist hier anders. Offenbar hat man das Dachgeschoss nachträglich aufgestockt. Oben schaue ich in einen Gang. Er läuft tot, und an seinem toten Ende sitzt eine Frauenfigur aus Gips. Sie ist irgendwie hin gegossen und wirkt wenig tröstlich. Beim Abstieg sehe ich auf dem Treppensturz eine Inschrift in vier Sprachen. Dreimal Lateinschrift, einmal kyrillisch: „Sie verlassen jetzt das Architektur-Planungs-Areal“ Ein Architektenscherz. Wo sind diese Kerle, die mich so freundlich vor dem Abstieg warnen?

Eins tiefer werde ich den Aufzug nehmen. Die Türklinke neben dem Aufzugschacht habe ich nur nebenbei niedergedrückt, fast ohne Absicht. Sie geht auf. Ein fahles Licht…

Fortsetzung

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