Einiges über Herren, Knechte und Freie

Und erst die vielen Fenster. Man braucht Heerscharen helfender Hände, um Gardinen und Vorhänge abzuhängen, zu waschen und wieder aufzuhängen. Da stehen die Mägde tagelang im feuchten Nebel des Waschhauses, breiten die Tuche zum Trocknen über Hecken und plätten sie anschließend mit heißen Eisen. Dann müssen Wäschekörbe und Leitern treppauf, treppab getragen werden, entlang der weitläufigen Gänge im Haupthaus und in den Seitenflügeln, und die längsten unter den Dienstboten recken sich hoch zu den unzähligen Vorhangstangen.

Die Vielzahl solcher niederen Aufgaben im Herrenhaus erfordert eine kleine Dorfgemeinschaft dienstbarer Geister. Es gibt unter den Dienstboten eine straffe Hierarchie, denn es wäre sehr mühsam, sie selber anzuweisen und ihre Arbeiten zu kontrollieren. Gerade unter den Knechten und Mägden ist eine strenge Abfolge von Befehlenden und Befehlsempfängern nötig. An ihrer Spitze steht der Verwalter, und nur er allein muss sich jenem verantworten, der in einem Herrenhaus mit so vielen Fenstern zu leben beliebt. Die Hierarchie drückt sich aus in der Zahl derer, die jedem einzelnen untergeordnet sind, was wiederum die Höhe der Entlohnung bestimmt. Jedermann wird verstehen, dass den geringsten Lohn verdient, wer niemanden mehr unter sich zu befehligen hat.

Herrenhaus

Die Aufgaben auf der untersten Hierarchieebene verlangen starke und oder geschickte Hände, jedoch wenig Verstand. Jene Dienstboten benötigen ihren Verstand nur für sich selbst und die ihnen aufgetragenen Tätigkeiten. Auf der mittleren Ebene sind Hand und Verstand gleichermaßen erforderlich, denn wer Anweisungen ausführt und zugleich andere anweist und kontrolliert, muss nicht nur für sich denken, sondern auch für die ihm Unterstellten. Auf der obersten Hierarchieebene muss überwiegend Verstandesarbeit geleistet werden, die Hand dient nur noch den notwendigen Hinweisen und Fingerzeigen. So erweckt es den Anschein, dass der Verwalter gar nichts tut, abgesehen vom Herumgehen, Zeigen und Reden. Da er jedoch für die Heerscharen unter sich mitdenken muss, arbeitet er am meisten, denn das Gehirn ist der größte Energieverbraucher.

Allen jedoch, vom Verwalter über die Köche bis hinab zu Wäscherinnen und Stallburschen zahle man den geringsten Lohn, nämlich immer etwas weniger als sie eigentlich benötigen. Das wird ihre Bescheidenheit befördern, und mit der Bescheidenheit kommt die Demut daher. Denn wer als Herr oder Herrin in einem Haus mit ungezählten Fenstern gut leben will, sorge sich nicht um die Lebensumstände seiner Dienerschaft. Es ist besser, allen mit leiser Geringschätzung zu begegnen, die man gelegentlich zu verbergen versteht. Dann werden die Dienstboten ihre Herren zwar nicht lieben, jedoch um ihrer sparsamen Gesten willen achten und daher insgesamt folgsam sein.

Diese Regeln gelten für jede Herrschaft, auch für die in einem Staatswesen. Stets halte man das Volk kurz, stelle ihm jedoch gelegentlich eine baldige Verbesserung der Lebensumstände in Aussicht, wenn alle nur fleißig und folgsam sind und sich mit dem Platz bescheiden, der ihnen von oben zugewiesen ist. Nur so lässt sich die ganze Machtfülle erhalten. Allgemeine Wohlfahrt darf es schon deshalb nicht geben, weil ein sattes Volk erlahmt.

Indem die erfolgreiche Ausübung von Herrschaft solche Maßnahmen verlangt, erhebt sich die Frage, ob es erstrebenswert ist, in einem Haus mit ungezählten Fenstern zu leben und Heerscharen von Dienstboten oder gar ein ganzes Volk zu befehligen. Da Herren stets auf den gebührenden Abstand und die Einhaltung von Befehlsstrukturen achten müssen, dürfen sie weder Mitmenschen sein noch ein ausgewogenes Leben führen, in dem Herz, Hand und Verstand gleichermaßen gefordert sind. So findet man unter den Mächtigen meist unerquickliche und zerrissene Geister. Sie sind Gefangene ihrer eigenen Machtfülle. Wirklich frei ist nur, wer niemandem befiehlt und sich von niemandem befehlen lässt. Der Freie wohne in einem Haus, das nur so viele Fenster hat, wie er Vorhänge mit seinen eigenen Händen aufhängen, abhängen und waschen kann, ohne das zu seiner Haupttätigkeit zu machen.

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29 Kommentare zu “Einiges über Herren, Knechte und Freie

  1. ein gewisses Interesse scheint daran aber schon zu bestehen(vielleicht tief immer Inneren dort auch zu leben), sonst gäbe es all die Zeitschriften über den Adel nicht! Oder die erfolgreich weltweit verkaufte Serie Downton Abbey.
    Dazu fällt mir ein: Meine Oma fragte mich vor vielen Jahren irgendetwas über irgendeinen Adeligen. Ich meinte: „Keine Ahnung“. Sie antwortete: „Kind, liest Du eigentlich gar nix? ;-)“ Danke für’s Erinnern!

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    • Vor einigen Tagen hörte ich auf Studio Brussel, einem flämischen Radiosender, ein Gespräch mit einem Journalisten, der eine TV-Reportage über die Adeligen in Belgien gemacht hat. Es gibt noch zehntausende Adelige in Belgien, von deren Leben man so gut wie nichts weiß. Denn was die Regenbogenpresse verbreitet, ist ja nur Klatsch über Liebe, Affären, Heirat, Geburten der gekrönten Häupter und des geringeren Adels, der entweder auf Hörensagen zurückgeht oder den sich die Redaktionen selbst ausgedacht haben. Ersatzweise widmet man sich irgendwelchen Promis. Die Seite http://www.topfvollgold.de/ beschäftigt sich kritisch mit der Regenbogenpresse. Es gibt kaum soziologische Untersuchungen des Lebens der Oberschicht. Wir wissen über alles Bescheid, aber die Oberschicht lebt hermetisch und lässt ungern etwas nach draußen. Daher auch die Faszination der Serie Downton Abbey. Sie ist zwar fiktional, doch wir ahnen, dass es so zugehen könnte in dieser Welt.

      Was ich hier geschrieben habe, ist ja nur eine idealtypische Betrachtung von Machtstrukturen und der Organisation von Macht an einem überschaubaren Beispiel.
      Danke für den amüsanten Kurzbericht von deiner Oma!

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      • Zur Erklärung: Ich hatte erst vor, wieder wie bei den letzten beiden Kommentaren zu schreiben, dass der vergleich interessant ist und mir so neu….das war aber schon gestern und vorgestern der Fall, dann spielte ich mit dem Gedanken, nur kurz einzuwerfen, dass in diesen Kreisen der Beruf des Managers höher geschätzt wurde ;-)!. Dann kam ich über Downton Abbey auf die Adelssache….usw.

        Apropos Belgien….ich kenne kein gespalteneres Land.

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        • Ach so! 😉 Belgien ist ja ein Kunstprodukt. Schon dass man drei Sprachen hat, das bedingt so große kulturelle Unterschiede, dass man sich untereinander nicht grün wird. Die Klammer ist tatsächlich das Königshaus. Der populäre König Baudouin hieß bei den Flamen Boudewijn und bei den Deutschen Ostbelgiens Balduin. Ich bin früher oft in Ostbelgien und in der Wallonie mit dem Rennrad rumgefahren, hatte auch zeitweise berufliche Kontakte zu Belgiern. Aachen grenzt ja an Belgien. Und ich liebe die flämische Sprache. Daher mein Interesse an dem Land.

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          • Ich habe mal holländisch in der Schule gelernt. Als AG , nachdem ich den anderen das Fluchen beigebracht habe und selbst das deren Interesse nicht länger aufrechterhalten konnte, wurde der Kurs leider aufgelöst 😉

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              • ups….gut zu wissen. Ich hatte Gott schon beim Fluchen dabei 😉
                Ich denke, in Deutschland wird recht heftig geflucht im Vergleich zu vielen anderen Ländern, es kann aber auch nur ein Gefühl sein!

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                • Vermutlich: „Godverdomme“. Der Fluch ist ja eigentlich eine Selbstverfluchung wie im nl. Beispiel noch zu sehen (Gott verdamme mich). Das Bewusstsein ist aber weg.

                  Nebenbei: Wir kommen wieder vom Hölzchen aufs Stöckchen – oder wie Goethe sagt:
                  „Wir ließen den einen oder anderen Hasen springen.“ 😉

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                    • das habe ich auch nicht so aufgefasst. Ich frage mich nur manchmal, welche Art von Kommentaren Dir am liebsten auf Deine Beiträge sind !
                      finbar (Lu) findet meine out-of-the-box Ideen manchesmal irritierend und nennt sie Kwatsch 😉 Ich habe mich jetzt da angepasst, bin bei Dir auch flexibel 😉

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                    • Ich kommentiere ja auch nur, was mir im Anschluss an einen Text in den Sinn kommt. Also will ich keine Regeln aufstellen. Mir ist jeder Kommentar recht, solange er nicht gegen die guten Sitten verstößt. Nur Diskussionen, die sich im Kreis drehen, und sich völlig vom Thema wegbewegen, nur weil jemand meint, mit mir diskutieren zu müssen, um sich zu beweisen – wie im Wilden Westen die Revolverhelden gefordert wurden, solche Diskussionen breche ich ab.
                      Muss mich aber jetzt abmelden, liebe Ann, zu Leisetönes Geburtstag.

                      Schönen Abend,
                      Jules

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  2. Da denke ich gleich wieder an das Oldambt, die Region im Nordosten der Niederlande, die einst als Weizenkammer diente und über die es ein Buch gibt, dass „Die Weizenrepublik“ heißt. Auf den Herrenboerderijen lebten Großbauern, die ihren Wohlstand zeigten, ihre Bediensteten aber, genau wie in deiner Gebrauchsanweisung für die kleinen Leute, kurz hielten, sehr kurz sogar. So kurz, dass sich noch heute die Nachkommen der einstigen Landarbeiter und Hausmädchen weigern, etwas für den Erhalt der inzwischen vom Verfall bedrohten Herrenhäuser zu tun.

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  3. …mir fiel dazu ein, dass in heutigen Unternehmen die Hierachien immer noch genauso funktionieren…und der Spruch : „Wir sind hier nicht, um zu denken, sondern um zu arbeiten“ durchaus seine Berechtigung hat *grins …also nix mit Fortschritt

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    • In vielen Unternehmen kommt sicher noch etwas dazu, nämlich die Verteidigung von Herrschaftswissen, um die Konkurrenz durch potentielle Aufsteiger abzuwehren. Aber manchmal hört man auch von kleineren Unternehmen, die weniger Wert auf Hierarchien legen, sondern mehr auf Selbstverantwortung und Teamarbeit setzen.

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    • Es kann sich ja niemand die Verhältnisse aussuchen, lieber Lu. Hab oft gedacht, dass die Geburt in eine Familie des (Geld)adels eine schwere Hypothek sein kann. Andererseits gibt es weiter unten viele Lebensbereiche , die man auch lieber nicht von nahem kennen möchte.

      Schönen Abend,
      Jules

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