Unterhaltung am Wochenende – Aus den Papieren des PentAgrion (2) – Hellwach auf der Dornröschenbrücke

Eben erst leuchtete das Herbstlaub in der Sonne, jetzt kommen ihre letzten Strahlen kaum noch über die Dächer der Stadt hinweg. Die Leine liegt bereits im Schatten. Breit und behäbig fließt sie zur Stadt hinaus. Der ergiebige Regen der letzten Wochen hat sie selbstgewiss gemacht. Ihre Ufer sind gesättigt, und es fehlt nicht viel, dann wird ihr Wasser ansteigen und an den Leinewiesen lecken.

Ich habe angehalten auf der Dornröschenbrücke, mein Rad abgestellt und schaue hinunter auf den Fluss. Das Wasser ist beinah schwarz. Im Sommer habe ich oft auf dieser Brücke gesessen, mich ans Geländer gegenüber gelehnt wie viele andere auch. Hab das Hin und Her von Fußgängern und Radfahrern beobachtet und das milde Licht der Abendsonne genossen. Damals stand sie noch spät am Abend über dem Flusstal, ließ die Leine erst golden, dann silbrig glänzen. Und glitt ein Ruderboot heran, zog es Wellentäler hinter sich her, die den Spiegel brachen und gleich langen Schatten auf die Ufer zustrebten.

Am linken Ufer, dicht bei der Brücke, hat sich eine große Entenschar versammelt, zwanzig oder gar 30 an der Zahl schaukeln auf dem Wasser. Was sie dort eint, kann ich nicht erkennen. Mir wäre es da zu finster und zu brackig, und ich bin froh, keine der ihren zu sein. Von weit her zieht eine lockere Armada von Möwen heran. Die Vorhut bildet einen spitzen Keil und richtet sich gegen die Entenschar, als wäre ein Angriff, eine Seeschlacht geplant. Die Armada kommt in rascher Fahrt gegen die behäbige Strömung voran. Ich gehe näher zu den Enten hin und hole meine Kamera heraus. Was mag wohl geschehen, wenn die Möwen zwischen die Enten fahren. Sie sind zwar kleiner, aber von hinten fliegen immer mehr hinzu, wassern und schließen sich der Armada an. Welchen Beschluss mögen sie gefasst haben? Was treibt sie an? Gibt es eine unsichtbare Verabredung, dass es lohnend wäre, den Platz der Enten zu erobern? Zwei schwarze Odinsvögel haben sich eingefunden, sitzen auf dem Brückengeländer, schauen hinunter und warten ab. Sind sie als Beobachter entsandt oder hoffen sie auf Beute? Hinter ihnen auf dem Asphalt der Brücke trippeln einige Tauben, und ich denke, ihr habt hier doch gar nichts verloren, sollte gleich eine Schlacht beginnen.

hellwach

Die Vorhut der Möwen trifft ein, hat nicht einen Augenblick ihre Fahrt gemindert, und schon mischen sich Enten und Möwen, fahren durcheinander, ohne sich zu behelligen. Aber irgendwann, so denke ich mir, werden die Möwen den Enten über sein, dann nämlich, wenn eine von ihnen den Befehl zum Auffliegen gibt. Diesen Augenblick will ich fotografieren und lasse das Objektiv meiner Kamera ausfahren. Plötzlich, wie aus dem Nichts, steht jemand neben mir, und ich höre das Surren eines zweiten Objektivs. Ich schaue hin, da ist es die Frau im tibetischroten Kaschmirmantel, meine Postbotin offenbar.

„Wo kommen Sie her, so unvermittelt?“
Sie lächelt: „Gar nicht unvermittelt. Wir haben eben noch am Leibniztempel miteinander geredet, und da ich nicht im Tempel wohne, wie sie sich denken können, ist es plausibel, dass ich über dieselbe Brücke gehe wie Sie.“
„Plausibel? Wir haben vorgestern Nacht miteinander geredet, und zwar in meinem Traum. Jetzt bin ich wach, kann tun und lassen, was ich will, und werde nicht einfach hin und her geschoben, wie es ein Traumbild befiehlt.“
„Woher wollen Sie wissen, dass dies kein Traum ist? Wer sagt Ihnen, dass Sie mich vorgestern erträumt haben und heute hingegen nicht?“
„Auf diese Diskussion möchte ich mich nicht einlassen. Traum oder nicht, ich bitte Sie, mir mein Lied nicht zu stehlen.“
„Ihr Lied stehlen? Was meinen Sie damit?“
„Das müssen Sie doch kennen, wenn Sie nicht gestern erst vom Mond gefallen sind. Man pfeift sich ein lustiges Liedchen, und da kommt einer daher und pfeift es einfach nach, womöglich in einer anderen Tonart und vorauseilend. Das ist grob unhöflich unter gesitteten Menschen.“
„Sie haben nicht gepfiffen, nichts war zu hören.“
„Wenn Sie mein Fotomotiv stehlen wollen, dann ist es genauso, als hätten Sie mir das Lied geklaut.“
Meine Postbotin lacht hell auf und erfrecht sich sogar, mir mit der Hand über den Kopf zu streichen.
„Sie sind goldig, mein Lieber“, sagt sie, „in welcher Welt leben Sie denn? Haben Sie noch nie beobachtet, wie ein Pulk Fotografen sich rangelt, wie sie die Ellebogen ausfahren, einander zurückdrängen, sich in die Hacken treten und gegenseitig die Linsen verdecken, ihre Kameras über die Köpfe hochreißen, ein irrwitziges Geknäuel bilden aus dem es ruft und winselt: Ein Lächeln! Frau Merkel! Sigmar! Hierher! Bitte, nur einen Augenblick!
„Natürlich kenne ich diese erbärmlichen Szenen der würdelosesten unter den würdelosen Schmocks der Dreckspresse. Aber dass Sie hier in meinem Beisein diese beiden Zielpersonen der Fotografen nennen, wer macht das wieder sauber? Und schon allein der Vergleich. Hier unten spielt sich ein Naturschauspiel ab, das ich kaum zu begreifen vermag. Das ist ja wohl etwas ganz anderes als die von Ihnen zu Ihrer Entschuldigung vorgebrachte Szene.“
„Ach, meine Szene ist etwa kein Naturschauspiel? Geht es darin nicht ebenso um die Befriedigung von Trieben, wenn sich Menschen verhalten, als hätten Sie weder Sinn noch Verstand, sondern folgten ausschließlich ihren niederen Instinkten, die da heißen Sensationsgier und Nahrungssuche im Schlamm?“
„Ich finde, für eine Postbotin sind Sie ziemlich rabulistisch. Reicht es Ihnen nicht, ganz schlicht die Post auszutragen?“
„Wenn Sie mir schmollen, will ich nicht mehr mit Ihnen reden“, sagt sie und schickt sich an zu gehen.
„Halt, so war es nicht gemeint. Ich … verfixt, so sind die Frauen, setzen sich ins Unrecht, und wenn man sie auch nur leise darauf hinweist, muss man sich am Ende auch noch für seine eigene Geburt entschuldigen.“
„Jetzt sind Sie unartig“, sagt sie, und im Nu ist sie weg.
„Was finden Sie eigentlich am Austragen der Briefe anderer Leute?! So ein Botendasein ist gefährlich. Das kann Sie Kopf und Kragen kosten!“, rufe ich in die Dunkelheit.
„Fragen Sie die Tauben!“
Ich schaue mich um, da sind die Tauben auch weg.

Sie wird sich noch wundern. Am Montag kann sie bei mir klingeln, bis sie schwarz wird. Dann bin ich in Aachen, von Sonntag an. Und ich übernachte bei meinem guten Freund Coster. Der wird mir schon Ordnung in dieses Naturschaupiel bringen. Wusstest du eigentlich, dass in Aachen die Nachrichtenagentur Reuters ihre Arbeit begann? Reuter hatte in der Pontstraße Nr. 117 einen Taubenschlag und sandte von dort die neuesten Nachrichten nach Paris. Dann kam Siemens, hatte just den Zeigertelegraphen erfunden und sagt zu Reuter, drehen Sie den Tauben den Hals um, gehen Sie nach London und eröffnen Sie ein Telegraphenbüro!

Wieso habe ich gerade über Tauben nachgedacht? Diese Postbotin! Am Ende bringt sie am Montag gar nicht die Post, sondern taucht wieder in Aachen auf. Oder sie sitzt sogar am Sonntag ganz zufällig neben mir im ICE und behauptet, ich säße auf ihrem Platz. Ich muss morgen unbedingt durchdenken, was PentAgrion über die Plausibiltät von Ereignissen sagt. Dann kann ich Fräulein Rabulistik in die Schranken weisen.

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16 Kommentare zu “Unterhaltung am Wochenende – Aus den Papieren des PentAgrion (2) – Hellwach auf der Dornröschenbrücke

  1. „Mir wäre es da zu finster und zu brackig, und ich bin froh, keine der ihren [Ente] zu sein“, sprach der Donaldist, und ließ sich doch wieder auf das aussichtslose Geplänkel mit Daisy ein. – Ansonsten: Ein schönes Brückenbild (vor allem das in Worten).

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    • „Donaldist“ und „Daisy“, auf diese Idee wäre ich nun wirklich nicht gekommen. Aber so wie du den Bezug herstellst, könnte es passen. Danke für deine Würdigung des Brückenbilds. Die Dornröschenbrücke hat es mir angetan, und entsprechend oft kommt sie in meinen Texten vor.

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  2. Mir macht es auch immer Spaß und ich lese manche Passagen auch mehrmals. Dieser Wechsel der Themen ist ausgesprochen kunstvoll. Ich wäre dir gerne auf der Brücke begegnet, allerdings nicht im tibetischroten Mantel. Brackwasser lieben die Enten zum grundeln, oder?

    Gefällt 2 Personen

    • Das freut mich, liebe Sylvia, und danke fürs Lob. Was hast du gegen einen tibetischroten Mantel? Die Farbe ist doch hübsch, und die Abende sind schon kühl auf der Dornröschenbrücke. 😉 Das mit den Enten wusste ich nicht. Brackig war mir gerade so eingefallen.

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