Einiges über Buchstabenmagie

Als der Skalde Egil, ein berühmter isländischer Heldendichter des frühen Mittelalters, einst auf den Hof des Bauern Thorfinn kam, fand er dessen schöne Tochter Helga todkrank auf der Querbank liegen. Sie konnte keine Nacht mehr schlafen und war wie wahnsinnig. Egil fragte Thorfinn, ob irgendwelche Mittel angewandt worden seien, und Thorfinn sagte, ein Bauernsohn aus der Nachbarschaft habe heilende Runen geritzt. Danach habe sich Helgas Zustand aber noch verschlimmert.

Nachdem Egil gegessen hatte, untersuchte er Helgas Krankenlager und fand ein Fischbein, auf dem Runen geritzt waren. Er las die Runen, schabte sie ab und ließ das Abgeschabte sofort ins Feuer fallen. Dann verbrannte er den Fischknochen und ließ alles an die Luft tragen, was mit den Runen in Berührung gekommen war. Darauf erklärte er, nur der wahre Runenkundige solle sich am Ritzen versuchen („Runen ritze nur, wer rät sie…“); der verliebte Bauer habe falsche Runen geritzt. Sein Schreibfehler habe dem Mädchen Schaden gebracht. Egil ritzte die richtigen Runen und legte sie unter Helgas Kopfkissen. Da glaubte sie, aus einem Schlaf zu erwachen, und sie fühlte sich wieder gesund.

Die Kraft des Textes wird hier seiner materiellen Erscheinungsform zugeschrieben. Die Zauberkraft steckt im Material der Buchstaben. Man muss die Buchstaben vernichten, um ihre schädliche Wirkung zu lösen.
pferd
Das Bild zeigt die Runeninschrift SUEUS, die sich geritzt auf dem Kylverstein fand, einem der ältesten Zeugnisse der Runenschrift. Ich habe die Inschrift vom Originalfoto  abgepaust und fototechnisch auf den von mir fotografierten Kieselstein übertragen. SUEUS ist ein achsengespiegeltes Palindrom, enthält von der Mitte aus gelesen zweimal das altsächsische Wort EUS für Pferd. Das mittlere Runenzeichen hat den Lautwert e und heißt ebenfalls Pferd. Der diese Runen ritzte, hat also dreimal ein Pferd gebannt, denn nach alter Vorstellung lässt sich ein Bannspruch nur durch Rückwärtslesen wieder lösen. Deshalb ist ein Palindrom der nicht mehr zu lösende Bann, da man ihn durch Rückwärtslesen erneut bekräftigt.

Weiter im Text
Das Abschaben von Schrift ist demnach eine alte magische Praxis. Eine anderes Beispiel gibt der von den Nationalsozialisten geächtete Runenforscher Helmut Arntz: “Runen, auf Holz geritzt, dann abgeschabt, die Späne mit Bier gemischt und solcher Trank getrunken: damit nimmt der Held die kultische Kraft der Runen in sich auf.” Im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens beschreibt Bächtold-Stäubli Vergleichbares bei der Verwendung der Alphabetschrift: “Die badische Mutter verhackt die Buchstaben des großen und kleinen Alphabets ganz fein mit einem Karfreitagsei und gibt es vor dem ersten Schulgang (beim Beginn des neuen Schuljahrs an Ostern) dem Knaben zu essen, damit er lernkräftig werde.” Ähnliches wurde auch mit Bibeltexten getan, damit das Kind fromm werde.

Palimpsest (griech.) Das ist: wieder (palin) abgeschabt (psestos)
Das magische Denken der Runenmeister wurde bereits in den Anfängen der Christianisierung auf die Alphabetschrift übertragen. Es heißt, aus Sparsamkeit oder Materialnot hätten die christlichen Mönche in den Skriptorien des Mittelalters die überlieferten heidnischen Texte vom Pergament abgeschabt, um es neu zu beschriften. Dass aber allein ökonomische Zwänge wirksam waren, erscheint mir sehr fragwürdig. Wenn die frühen christlichen Mönche die heidnischen Texte abschabten, so wurden auch sie auf diese Weise unschädlich gemacht.

Das erneute Beschreiben des abgeschabten Pergaments entspringt dem Überwindungsgedanken. Wie man die Heidentempel niederlegte und Kirchen oder wenigstens Kapellen darauf errichtete, wie man auf jedem Kultplatz ein Kreuz oder ein Bilderstöckchen aufstellte, so wurde das heidnische Denken durch die Kraft der überschriebenen heiligen Texte endgültig gebannt.

Volksglaube und Zauberbücher

Seit dem Mittelalter kursieren in Europa Zauberbücher. Das 7. Buch Mosis ist eines davon. Mit seiner Hilfe kann man angeblich Magie betreiben. Wie Zauberbücher in die Welt gekommen sind, erzählt eine alte Frau aus der Westeifel in dem Dokumentarfilm zur Oral History “Ein blindes Pferd darf man nicht belügen” von Dietrich Schubert:

“Da hat mal ein Papst, früher, als die Christenverfolgung war, Bücher ausgegeben, damit konnten die sich unsichtbar machen. Haben Sie davon schon mal was gehört? Ja, das gab’s! Und als die Christenverfolgung vorbei war, da hat der Papst die wieder eingesammelt. Aber da sind nicht alle wieder zurückgekommen.”

Wenn die Zauberkraft im Material der Buchstaben steckt, kann man ein solches Buch nicht so einfach vervielfältigen. Denn eine Abschrift hat keine Zauberkraft. Zauberbücher unterliegen daher einem Abschreibverbot, denn keine Abschrift ist wie das Original, jede Abschrift ist selbst ein Original. Demnach kann ihr nicht die einmalige Kraft der Vorlage innewohnen. Diese Vorstellung erklärt, warum ein abgeschriebenes oder gedrucktes Buch zunächst überhaupt keine Zauberkraft besitzt. Es muss erst durch eine rituelle Handlung aufgeladen werden.

Wie man ein abgeschriebenes oder nachgedrucktes 7. Buch Mosis mit magischer Kraft auflädt, erzählt im selben Film ein alter Bauer. Es müsse ein Priester die Messe darüber lesen. Dazu schmuggelt man es ihm unter das Altartuch. “Deshalb muss der Pastor vor jeder Messe mit den Händen, ich weiß nicht wie oft, über das Altartuch streichen, damit da kein 7. Buch Mosis drunterliegt.”

Buchstabenmagie in unserer Zeit

Ein alter Wochenschaufilm von 1945 zeigt den Andruck der ersten Nummer der Süddeutschen Zeitung. Man sieht einen amerikanischen Presseoffizier, wie er die Blei-Stereotypien (die Druckplatten) von Hitlers “Mein Kampf” in den Schmelztiegel einer Linotype-Setzmaschine wirft, damit daraus die ersten Texte der Süddeutschen Zeitung gesetzt werden können. Das war eine eindeutig rituelle Handlung, egal ob sich der Presseoffizier dessen bewusst war oder nicht.

Nachbemerkung

In meinem Text von gestern, „Die Botschaft der Glasmurmel“, habe ich derlei Vorstellungen nicht gemeint, auch nicht aufwerten wollen. Klar ist, dass menschliches Handeln oft von magischen Ideen begleitet ist. Sie bewusst zu machen, heißt sie zu entkräften. Erst dann stehen sie uns zum freien intellektuellen Spiel zur Verfügung. Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob das geht, ohne dass sich Ideen wieder verselbständigen. Der Mensch benötigt offenbar das Spirituelle, Magische, und wenn es ihm seine Religion nicht mehr bietet, wendet er sich der Esoterik zu, liefert sich also wieder unwägbaren Mächten aus. Dagegen hilft nur Aufklärung. Das habe ich hiermit in einem begrenzten Bereich versucht.

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8 Kommentare zu “Einiges über Buchstabenmagie

  1. Fundierte und spannende Texte sind bei dir so selbstverständlich, dass man manchmal vergisst, genau das auch noch einmal ausdrücklich wertzuschätzen. Diesmal will ich das gern tun, denn von der Runenschrift bis zur Süddeutschen ist es ein weiter Weg, den du da mal locker zurückgelegt hast, ohne mich als Leser unterwegs zu verlieren. Du beschreibst etwas, was mich auch beschäftigt, nämlich die Rückkehr des Religiösen, Magischen oder Esoterischen – und dabei muss man nicht mit den Fingern auf den Islam zeigen, dass kriegen wir auch allein hin. Literatur und Film leisten ganze Arbeit – oder nennt man das Beihilfe? Das freie intellektuelle Spiel… da bin ich ganz bei dir. Ich bin überzeugt davon, dass wir inzwischen dank des Internets die Möglichkeiten haben – aber ob es gelingt, auf die Dauer mehr als Katzenbilder und Kochrezepte (Denis Scheck und Salman Rushdie in Druckfrisch) zu erzeugen und wahrzunehmen, ist für mich noch längst nicht ausgemacht.

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    • Danke für die ausdrückliche Würdigung, lieber Manfred, Wenn wir von Vernetzung reden, dann verstehe ich mich auch als Verknüpfer. Das Thema Schrift hat mich mein Leben lang fasziniert und ich habe viel geforscht. Dabei ist mir aufgefallen, dass die verschiedenen Disziplinen, die sich mit Aspekten der Schrift beschäftigen, wenig voneinander wissen, sich nicht um die Befunde aus anderen Disziplinen bekümmern. Die Linguisten blenden beispielsweise das Visuell-Haptische aus, weil ihr Ahnvater Saussure Schrift als sekundäres Zeichensystem angesehen hat und nur die Sprache als Untersuchungsgegenstand akzeptierte. Die Typographen kümmern sich zu wenig um das Geistesgeschichtliche, die Historiker lesen offenbar nicht bei den Ethnologen. Aber ich habe bei allen nachgelesen und meinen Untersuchungsgegenstand aufmerksam von allen Seiten betrachtet. Deshalb fällt es mir leicht, die Verbindungen von weit entfernten Bereichen aufzufinden. Die Spannung ergibt sich aus der Sache. Zum Thema „Beihilfe“ zur Verblödung durch die bekannten Verdächtigen bin ich ganz bei dir. Übrigens habe ich gestern tatsächlich in einem Blog den berüchtigten Katzencontent gesehen 😉
      warum auch nicht? Die Schmähungen unseres Mediums von Denis Scheck u.a. kümmern mich nicht mehr. Darüber habe ich mich früher geärgert und heftige Entgegnungen verfasst, sogar mit dem Stilpapst des Journalismus, Wolf Schneider, über seine Frau mich intensiv per Mail ausgetauscht, nachdem sie mir geschrieben hatte, ich solle mich doch nicht so aufregen, ich wäre ja gar nicht gemeint.
      http://trithemius.de/2012/02/01/huhu-sprachstilpapst-wolf-schneider/
      Aber sie meinen schon das Medium, also uns alle, fürchten die Alleinherrschaft über die Köpfe zu verlieren. Der Anspruch der geistigen Vorreiterschaft, mit dem die Vertreter des Printmediums auftreten, hat auch etwas Pseudoreligiöses. Weil wir die unterwürfige Gefolgschaft verweigern, fühlen sie sich in Ihrem albern zelebrierten Hochamt bedroht.

      Gefällt 2 Personen

        • Ja, Polemik tut manchmal gut. Zuvor hatte Schneider in einem von der SZ produzierten Video (leider inzwischen bei Youtube gelöscht) sich als der Stilpapst der Hochkultur zelebriert mit klassischer Musikuntermalung, irgendwelchen Gipsbüsten im Vordergrund und Bücherregal im Hintergrund, um … das populäre Blog „Wirres Net“ zu zerpflücken. Wie schon der Name seines Blogs sagt, erhebt der Blogger Felix Schwenzel keinen Anspruch außer wirr zu sein, wurde aber von Schneider mit der journalistischen Messlatte gemessen. Ich habe mich besonders darüber aufgeregt, weil ich Felix Schwenzel mal ein halbes Jahr in Kunst unterrichtet habe, offenbar mit mäßigem Erfolg. Er kam mir damals schon wirr und unorganisiert vor.Sein Blog exemplarisch fürs Medium zu nehmen, fand ich völlig daneben, sah mich aber auch aufgerufen, ihn zu verteidigen. Du findest noch einen Beitrag dazu in der Polemik verlinkt, aber weil das Video gelöscht wurde, geht er ein bisschen ins Leere.

          Gefällt 2 Personen

  2. Im Laufe des Lesens – nach dem für mich spannenden Beginn – sind meine Gedanken immer mehr abgedriftet zum Videogame Ultima Ascension, das ich so um die Jahrtausendwende mal mit Begeisterung spielte, und du wirst es schon erraten, in dem Runen eine große Rolle spielten, um dem Guten zum Sieg über das Böse zu verhelfen…

    toll, deine Einträge, irgendwie magisch, lieber Jules,
    beste Abendgrüße vom Lu

    Gefällt 1 Person

  3. Was mich an der Textsorte Fantasy, literarisch und als Rollen- oder Computerspiel immer irritiert hat, ist die schablonenhafte Gestaltung der Figuren. Die Fantasywelten sind immer klar nach Gut und Böse geordnet und über allem schwebt die geheime sich nie völlig offenbarende Magie. Guck, der in Island als Held verehrte Dichter Egil war ein fürchterlicher Totschläger, erschlug als Knabe schon einen anderen im Zorn. Zu dieser Untat hat er gleich ein Gedicht gemacht. Oben tritt er als Runenmeister, Heiler und Helfer auf. Nach unseren Maßstäben ist er ein dichtender Unhold mit einer weiblichen Seite, in der rauen Welt des MA war er ein vorbildlicher Held. Ist er nun gut oder böse?
    Klar, dass gerade Runen (etymologisch verwandt mit raunen) in diesen Fantasy-Welten beliebt sind, spätestens seit Tolkin. Sie waren ja nie ein Schriftsystem zur Kommunikation, sondern nur den Runenmeistern bekannt und wurden soweit wir das wissen, hauptsächlich zu magischen Zwecken eingesetzt.
    Wenn ich darüber schreibe, dann mit einer emanzipatorischen Absicht und die ist ja eigentlich nicht magisch 😉

    Schöne Grüße zur Nacht, lieber Lu,
    Jules

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