Über das Denken am Herdfeuer

Hier sitze ich gern. Doch in der Dunkelheit habe ich es noch nie getan. Und Mondlicht gibt es kaum, der Mond ist nur eine dünne Sichel. Die hohen Bäume hier, die meisten sind Buchen, wie du vielleicht im Dunkeln ahnst. Ein Herrscher hat sie pflanzen lassen. Vorher war der Berg kahl. Man hat nichts gewusst, damit anzufangen, bis der Fürst kam und einen Park hinpflanzen ließ. Die Alten haben hier nach Flint gegraben, du weißt schon Feuerstein. Sie schlugen scharf Splitter davon ab für Messer und Pfeilspitzen. Zu ihrer Zeit oder später hat es vermutlich überall Wald gegeben. Die kleinen Rodungen, die es gab, lagen weit verstreut.

Selten bekamst du einen Menschen von einer anderen Rodung zu Gesicht. Sie waren dir fremd, hatten ihre eigene Geschichte und hatten ihre eigenen Gesetze. Doch bei solchen Begegnungen mit Fremden habt ihr über deren Kleidung und Haartracht gestaunt, mehr noch über deren Waffen. War die Begegnung nur kurz, war sie bald schon vergessen. Sonst dachtet ihr wenig nach. Warum auch? Alles war doch selbstverständlich seit Menschengedenken schon so gewesen.

Guck, wenn du nach Einbruch der Dunkelheit mit den anderen in der Hütte beim Feuer sitzt und aus deinem Mund rinnt die uralte Echolalie. Deine Stimme mischt sich mit denen der anderen, nur der Alte Gisli tönt ein wenig hervor. Denn er muss ja den Ton angeben, er ist eure Geschichte und euer Gesetz. Was glaubst du, bist du, während du mit den anderen tönst? Bist du ein Ich? Du wunderst dich, dass ich dich frage? Du hast doch mit den anderen den Singsang gesungen. Du bist eins gewesen mit ihnen. Die Worte aus eurem Mund haben eurem Einssein Gestalt gegeben. Es ist Einklang in deinem Herzen gewesen.

So fühlst du dich eins mit den anderen deines Stammes, im Einklang bist du mit ihnen, auch bei Tag. Du lebst in einer Welt, in der jeder und alles seine Ordnung hat. Dort ist der Wald. Ihn fürchtet man, doch man wagt sich auch hinein, das ist euer gemeinsamer Mut. Die Worte des Alten? Man zweifelt sie nicht an. Und haben zwei etwas auszufechten, er wird entscheiden wie, denn die Überlieferung sagt auch, wie Konflikte zu lösen sind. Die göttliche Ordnung? Sie ist gegeben. Man macht sich keine Gedanken darüber. Was muss man tun, um die Götter milde zu stimmen? Sagt der Alte, die Götter wollen ein Opfer. Dann opfert man es eben. Wie redet man, wenn am Feuer gelacht wird. Was sind gut gegebene Worte? Wie gewinnt man die Herzen der Frauen und Männer? Ihr wisst es. Die richtige Art und Weise ist als Überlieferung die lange Reihe der Ahnen zu euch heraufgekommen.

digitales-herdfeuerWas meinst du jetzt, wie lebt man in solch einer Welt, wie fühlt es sich an? Spür dich nochmal ein: Dein Ich hat nicht die Bedeutung, die es heute hat. In vielen Dingen des Lebens bist du nicht ich, sondern wir. Die Ethnologen, die mündliche Kulturen untersucht haben, schreiben von einer Man-Welt. Darin weiß jeder, was man tut und was man nicht tun darf. Solange du dich an die Ordnung hältst, gehörst du dazu. Und gibt es nicht Katastrophen, viele schreckliche Winter und nasse Sommer in Folge, fallen nicht fremde Horden über euch her, dann bleibt alles wie es ist und immer schon war…Es kann 100, 1000, 10.000 Jahre bleiben, wie es gute Tradition ist. Warum etwas ändern, wenn es die Welt nicht erfordert? In einem solchen Volk sind die Alten immer klüger als die Jungen und bestimmen das Tempo. Wie kamen eigentlich die Ichsucht, die Missachtung alter Werte und die Eile in die Welt?

Ein Zeitsprung in ein modernes Kaufhaus. Wir gehen mal zu den Damenhüten. Sie sehen ja lustig aus. Wer trägt die eigentlich? Man sieht nur noch selten Hüte, oder? Bei der Hutmode geht es deshalb nicht so rasch. Der Kreis der Hutkunden ist zu klein für rasch wechselnde Kollektionen. Es gibt auch mehr Traditionsbewusstsein. Männerhüte zum Beispiel sind oft konservativ. Ist der Warenumsatz langsam, bleibt die Tradition länger bestehen. Ja, wenn plötzlich eine kollektive Hutpflicht ausgerufen würde, eine stille Übereinkunft, dass man einen Hut auf dem Kopf zu tragen habe, wie es vor dem ersten Weltkrieg bei uns noch Sitte war, dann hätten wir rasche Hutmodenwechsel, dann wollte man sich vom anderen ein bisschen unterscheiden. Weil die Mode nicht ganz uniform sein soll, denn man ist ja ein Ich. Das Ich will Individualist sein.

Wo die Gruppe nicht viel gilt, will man sich gerne abheben. Denn unsere Gruppen sind zu groß. Wir sind Scharen. Und in der Schar gedeiht das Gemeinschaftsgefühl schlecht. Ja, die Events nehmen zu, der Event ist die Gemeinschaftsaktion der Schar. Denn jeder Einzelne in der Schar entbehrt leise den Schutz der Gruppe. Man entbehrt eine ständige Gruppe, nicht das Durcheinander von wechselnden Gruppen. Es ist noch in uns, denn der Mensch ist ein Gruppenwesen.

Wie hält man eine Schar zusammen in einem Volk, einer Nation? Man braucht Schrift und Fernkommunikation, denn man kann nicht jeden der Schar erreichen, indem man mal kurz um die Ecke geht. Das bringt dann auch die Eile in die Welt, denn das versendete geschriebene Wort ist schneller als der Worte Klang und der menschliche Schritt. Unsere Schrift, unsere ganze Kommunikation ist schneller als wir, treibt uns vor sich her und lässt uns den Kontakt zu den Menschen ringsum verlieren. Ich glaube, dass der Ichsucht immer ein Zerfall der Gruppe vorausgeht. Der Austausch mit den Menschen in der Ferne bringt den Wandel und die Eile in die Welt. Eile hat schleichend begonnen. Inzwischen hat sie ein ordentliches Tempo aufgenommen. Und der heutige Mensch spürt es. Er erlebt sich als Maschine und sagt dumme Sachen wie:„Ich muss richtig Gas geben“, als wäre er sein eigenes Auto, das schneller fahren muss als das seines Nachbarn.

Entschuldige, gegen Schluss waren meine Gedanken nicht mehr so klar, und ich muss dich bitten, die Bezüge selber herzustellen. Mir geht seit Tagen soviel im Kopf herum, und ganz schlimm ist es, nachdem ich von Gisli und dem Herdfeuer erzählt habe. Da bekomme ich so viel Zuspruch, soviel soziale Energie als wäre ich selbst so ein alter Sänger. Davon bin ich schon wie besoffen. Nachts träume ich Texte, tagsüber überlege ich, was davon zu gebrauchen ist. Du denkst vielleicht, ich hätte einen leichten bis mittelschweren Knall, wenn ich die skurrilen Szenen aus der imaginären Teestübchenredaktion schreibe. Aber es ist einfach so, dass ich dieses Übermaß an Gedanken in andere Bereiche umlenken muss und wenn ich dazu Figuren erfinde und Sachen sagen lasse. Der Medienphilosoph Vilém Flusser hat schon Anfang der 90er Jahre ein neues Denken vorausgesagt. Da kannte er das Internet noch gar nicht und ist auch bald bei einem Verkehrsunfall zu Tode gekommen. Ich habe mich damals gefragt, wie denn das durch das Internet hervorgerufene neue Denken sein könnte. Inzwischen weiß ich: Es hat etwas Magisches. Davon später mehr. Für heute muss diese Andeutung reichen

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25 Kommentare zu “Über das Denken am Herdfeuer

    • Bald brauche ich eine Pause. Das Gefühl kenne ich aus den Anfängen meines Bloggens. Da ging es auch turbulent zu in meinem Kopf und meinem Blog, aber ich dachte, es kommt vom Kiffen. Inzwischen rauche und kiffe ich nicht mehr, aber mein Körper produziert offenbar solche Stoffe, die das Denken anregen, beschleunigen und Assoziationsketten hervorbringen. Es ist ein Effekt der intensiven Interaktion in den Blogs. Man kann süchtig danach werden.

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          • Was ich bestätigen kann, lieber Jules, denn bei mir ist es ähnlich…

            Ohne den täglichen Blogansporn hätte ich wohl nur meine Papiertagebücher weiterhin ab und zu traktiert und zu meinen Sudelbüchern gemacht, fern jeglicher Netzwelten…

            Liebe Herbstregengrüße vom Lu

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            • Da haben wir etwas gemeinsam, lieber Lu. Exakt von 1990 bis 2000 habe ich Tagebuch geschrieben, alle zwei Monate eine DIN-A5-Chinakladde voll. Ich hätte niemals gedacht, dass ich damit aufhören würde. Aber unter dem Eindruck einer zehrenden Beziehung, von der ich letztens mal etwas geschrieben habe, hörte ich auf. Dann entdeckte ich das Bloggen und schreibe seither etwas, was für Leser gedacht ist, anders als im Tagebuch. Das Tagebuch war freilich eine gute Stilübung. Ich hatte den Vorsatz, alles so einfach wie möglich zu schreiben, ungewöhnliche Gedanken denken und mit gewöhnlichen Wörtern aufschreiben.
              Herzliche Grüße,
              Jules

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  1. Unsere Kommunikation hat – wie auch die Gruppe – ihre religiöse / magische Dimension verloren. Die Sprache war natürlich ein Werkzeug, aber sie hatte sicher sehr schnell auch die rituelle Seite, die Seite der Beschwörungen, der Zaubersprüche und Gesänge, der Überlieferungen und Märchen. Wie die Musik sich wandelte, die einst wohl reine Funktionsmusik war und später dem Lob Gottes oder der Götter diente – und jetzt der Vermeidung von Stille, wie die Malerei ihre Bedeutung änderte, so haben wir die Sprache und die Schrift säkularisiert und ihrer Magie beraubt – aber, wie die Kanzlerin sagen würde – das war alternativlos. Wir können nicht hinter die Aufklärung zurück – und müssen lernen, mit den Möglichkeiten zu leben. Ich bin gespannt auf deine Fortsetzung!

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    • Man könnte nach deiner Aufzählung sagen, dass der Mensch etwas schafft, es mit Bedeutung auflädt, um es dann wieder zu banalisieren. Bei jeder neuen Kommunikationstechnik geht etwas vom Reiz der vorherigen verloren. Aber es entstehen auch neue Möglichkeiten. Wie allgemeine Literalität die Alten entwertet hat, brachte sie aber das Denken der Aufklärung, wunderbare Nachschlagwerke wie das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, und natürlich gedruckte Erzählungen, Romane, Lyrik, das Verlagswesen, den Buchhandel,, Zeitungen und Zeitschriften. Auch jetzt steht wieder ein kultureller Umbruch an und es ist doch toll, dass wir ihn mitgestalten und Neues schaffen.
      In der Fortsetzung geht es um den Segen der Aufklärung, um die Befreiung des Menschen von magischen Ideen und um eine neue Form des Denkens, die zwischen beiden Polen bewusst wählt, denn wie du schon sagst: Wir können nicht hinter die Aufklärung zurück.

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  2. Die Sehnsucht nach der Herde. Besonders spürbar beim Blick in den Sternenhimmel und dem gewaltigen Nichts. Die Geborgenheit der Gruppe, die die Schar nicht geben kann.
    Respekt vor den Älteren, die die Fackel der Tradition, das Licht der Vergangenheit in die Gegenwart tragen.

    Ein anregender Text schon wieder. Da gibt es noch viel zu denken und vor allem zu fühlen.

    Gefällt 3 Personen

    • Vielen Dank. Ja, und es gibt noch viel zu schreiben, wenn man so weit zurück beginnt wie ich.
      “Die Fackel der Tradition, das Licht der Vergangenheit”, das ist eine schöne Metapher. Beim heutigen Übergewicht der Gegenwart sehen wir leider nur ein kleines Licht. 😉

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  3. Lieber Jules,
    hab Deinen Text wieder und wieder gelesen und irgendetwas störte mich, ohne dass ich sagen konnte was. Ich glaube, dass ich den Grund dafür jetzt rausgekitzelt hab. Ich versuchs mal darzulegen: Gislis Welt ist eine man-Welt, in der jeder seinen Platz hat und ja, das gibt Sicherheit. Wäre die Sippe aber wirklich schon soweit entwickelt, wenn nicht irgendwelche „Verrückten“ die Flintsteine ausgetestet hätten…Der Mensch hat zwar den Drang nach Sicherheit auf der einen Seite, aber andererseits reizt ihn das Abenteuer, was ja oft zur Weiterentwicklung geführt hat. Nicht aus Ego-Gründen sondern für die Sippe.

    Außerdem sucht man ja in Geschichten nach Identifikationsfiguren – hab keine für mich gefunden …aber vielleicht bin ich dann ja die Schamanin, die am Rand des Lagers lebt ;-)))) …in die Sterne schaut und sich der Winzigkeit und Nichtigkeit des Ichs und der Sippe bewußt ist. Na gut, vllt wär ich auch verbrannt worden *ggg …da kannst Du mal sehn, was für Fantasiesprünge Deine Geschichte so auslöst. Ich warte auf Fortsetzung…
    Liebe Grüße

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    • Liebe Mondgöttin,
      dass du den Text mehrmals gelesen hast, ehrt mich. Du fragst nach den kulturellen Veränderungen, wodurch sie angeregt wurden. Einmal gibt es den Anpassungsdruck, der durch Naturereignisse ausgelöst wird. Ein weiterer Antrieb entsteht durch die Konfrontation mit fremden Kulturen. Oft geht die schwächere Kultur daran zugrunde, aber wenn sie sich anpassen kann und Neuerungen übernimmt, besteht sie fort. Ich frage mich gerade, ob die von dir genannte Abenteuerlust nicht eine relativ junge Erscheinung ist, wie auch die Lust, auf Entdeckungsreise zu gehen. Ich vermute, das sind Ideen aus der Zeit der Romantik. Was es schon lange gibt, sind die heilkundigen Frauen, die Schamaninnen. Sie müssen ja ausprobiert haben, welche Kräuter bei welchen Leiden Linderung bringen, also schon mit einer Portion Neugier ausgestattet gewesen sein. Heilkunde ist ggf uralt. Hab vor langer Zeit mal einen Artikel aus der Zeitung ausgeschnitten, worin von heilkundigen Affen geschrieben wurde. Sie fraßen bestimmte Pflanzen, wenn sie krank waren.
      Zu deinem Hinweis auf verbrannt werden. Es wird angenommen, das gerade die heilkundigen Frauen den Hexenverbrennungen zum Opfer fielen, dass mit den sogenannzen Hexen auch altes Wissen der Heilkunde verschwand (wir kennen sowas nur noch von Klosterfrauen wie Hildegard von Bingen.)

      Ob ich zu diesen ersten beiden Texten eine Fortsetzung schreibe, weiß ich noch nicht. Es müsste dann ja schon ein größer angelegtes Projekt sein, eine Kulturgeschichte der menschlichen Kommunikation. Vorerst kann ich dich nur auf mein E-Book „Nachtschwärmer online“ verweisen. Es sind nächtliche Fahrten mit einer imaginären Draisine über Bahngleise. Da geht es oft um solche Themen, romantisch verpackt.

      Lieben Gruß,
      Jules

      Gefällt 1 Person

      • Lieber Jules,
        Verzeih, wenn ich nur kurz antworte … auch Mondgöttinnen müssen genügend Schlaf kriegen. Danke für Deine umfassenden Ausführungen, da denk ich mal drüber nach. Die „Nachtschwärmer“ werd ich mir für den nächsten Monat vormerken. Danke Dir und gute Nacht

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