Gar kein schöner Sonntag in der Teestübchenredaktion

Mein lieber Herr Gesangsverein! Was für ein Theater wieder heute in der Teestübchenredaktion.
„Ich bin am Ende, Frau Kirchheim-Unterstadt“, stöhnte Chefredakteur Trittenheim. „Ich werde mich zuverlässig und gründlich entleiben. Man wird mich finden als die dreimal getötete Leiche.“
„Aber warum denn?“, fragte Frau Kirchheim-Unterstadt erschrocken.
Stellen Sie sich vor, ich sitze friedlich über einer Neubearbeitung meines Essays mit dem Titel „Die Kreuzwegsfigur des Pythagoras – oder der buchstab Pitagore Y, baiderley strasz, der tugent und der untugent – literarische Quellen aus zwei Jahrtausenden“, da klingelt Frau Küttelwäsch, diese Vettel von einer Hauswirtin, bei mir Sturm. Und wie ich öffne, da stürmt das Weib an mir vorbei in mein Arbeitszimmer und beschlagnahmt das gesamte Alphabet.
„Sie kann doch nicht das Alphabet beschlagnahmen. Es ist Weltkulturerbe und gehört allen.“
„Kann sie doch. Jedenfalls behauptet die Küttelwäsch, ich wäre in ihren Kartoffelkeller eingebrochen und hätte ihr einen Fünf-Kilo-Sack Kartoffeln gestohlen.“
„Einen Fünf-Kilo-Sack?“
„Bitte bedenken Sie doch, Frau Kirchheim-Unterstadt, das Alphabet hat 26 Buchstaben. Da reicht ein Fünf-Kilo-Sack grad mal für die Antiqua-Großbuchstaben.“
„Sie brauchen nur 23, wenn Sie I und J sowie V und U für jeweils einen Buchstaben gelten lassen“, mischte sich Volontär Schmock ein.
„Hoho, unser Neunmalkluger hier, seht ihn euch an“, höhnte der Trittenheim. „Haben Sie aus Ihren schlauen Büchern nicht gelernt, dass es unschicklich und zudem gefährlich ist, über den eigenen Vorgesetzten zu triumphieren?“
„Einen Moment, bitte!“, rief Frau Kirchheim-Unterstadt energisch, „Was haben denn die Kartoffeln von Frau Küttelwäsch mit Ihrem gewiss hervorragenden Essay zu tun, Herr Trittenheim?
„Ja, was wohl?“, giftete der Trittenheim, „nachdem sich meine tölpelhafte Schreibkraft am dubiosen Oktober-Editorial beide Daumen gebrochen hat, da haben Sie selbst angedeutet, Frau Kirchhheim-Unterstadt, ich müsse meine Texte zukünftig im Kartoffeldruckverfahren…
„Haben Sie denn von ihrem zweifellos genialen Essay nichts retten können?“, fragte Frau Kirchheim-Unterstadt mitfühlend.
y„Doch, das hier! Mit dem Rest hat meine Hauswirtin Cäcilia Küttelwäsch heute Mittag ihr Schwein äh ihren Mann gefüttert.

Die Kreuzwegsfigur des Pythagoras
(Größer: bitte klicken)

Advertisements

9 Kommentare zu “Gar kein schöner Sonntag in der Teestübchenredaktion

  1. Die dreimal getötete Leiche erinnert mich an die Zeit Thomas Cromwells, wie sie von Hilary Mantel beschrieben wurde. Ich hoffe doch, dass Trittenheim uns das nicht zumutet. Seine Auseinandersetzungen mit seinen Bediensteten würden dann auch an Lebendigkeit verlieren. Er mag also weiterhin den Kartoffel-Druck, der ihm gemacht wird, an die unschuldige Belegschaft weitergeben!

    Gefällt 1 Person

    • Hilary Mantels entsprechende Beschreibung kenne ich leider nicht. Bei den Germanen, den Sachsen und den Kelten muss es die dreifache Hinrichtung gegeben haben, was an den Moorleichen festzustellen ist. Ihre Schädel sind eingeschlagen, sie haben einen Strick um den Hals und sind im Moor ertränkt worden. Aber auf diese gruselige Praxis hebt Trittenheim vermutlich nicht ab, sondern auf den Schwank, dass sich einer umbringen will, und um ganz sicher zu gehen, hat er eine Überdosis Schlaftabletten,geschluckt, bindet sich an einer Brücke einen Strick um den Hals, springt runter und versucht sich gleichzeitig in den Kopf zu schießen. Aber alles geht schief. Versehentlich trifft die Kugel den Strick, der zerreißt, und der Mann stürzt in den Fluss. Man zieht ihn aus dem Wasser und belebt ihn wieder, worauf er die Schlaftabletten erbricht. Dass es nicht so einfach ist, beschreibt schon Lichtenberg: „Einer will sich ersäufen, allein sein großer Hund, der ihm nachgelaufen, apportiert ihn allemal wieder.“

      Gefällt 4 Personen

  2. Also, auf die Gefahr hin, dass ich ein größerer Klugscheißer als der Schmock bin – hat der sich nicht verrechnet? *unschuldig guck …müßten doch 24 sein – sagt hier die Ana Steel einer Redaktion, deren Mitarbeiter spezialisiert sind auf Hackfleischdiäten. 😉 Denen muß ich auch immer alles vorrechnen…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s