Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 6)

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Es regnet, als wir vor die Tür treten. Ein Kollege holt mich unter seinen Schirm, unter dem auch mein alter Freund und Radsportkamerad Wolf schon steht. Da kommt Max, mein Gastgeber, hinzu und gibt mir sein Schlüsselbund, falls ich frühzeitig nach Hause will. Ich ahne, dass Wolf sich erinnert, wie oft er mir damals seinen Wohnungsschlüssel überlassen hat, damit ich mit Lisette allein sein konnte, am Anfang der Beziehung, in der Zeit der Heimlichkeiten und ungeordneten Verhältnisse. Ein Stückchen bummeln wir zu Dritt unter dem Schirm Richtung Dom, dann verabschiede ich mich. Der Regen hat nachgelassen.
MünsterplatzAachener Münsterplatz – Foto: Trithemius (Größer: Klicken)

Ich gehe über den Münsterplatz Richtung Elisengarten. Dort sind vor Jahren die Archäologen auf allen Vieren durch eine weite Grube gekrochen und haben hingebungsvoll die kärglichen menschlichen Spuren aus Jahrtausenden gesichert. Die Grube war von einem Zeltdach gegen Regen geschützt gewesen. Jetzt steht ein gläserner Pavillon über dem Loch. Durch ein großes Archäologisches Fenster schaue ich hinab in 5000 Jahre Siedlungsgeschichte. Es gibt sechs mit Schildchen datierte Ebenen. Wie schwierig wird es gewesen sein, alle Ebenen sauber auseinander zu halten? Haben Maulwurf, Wühlmaus oder Erdratte die Jahrhunderte nicht durcheinander gebracht?

Noch unsicherer sind ja menschliche Erinnerungen geordnet. So viele Erlebnisse ragen willkürlich aus unterschiedlichen Vergangenheitsschichten hinauf in die Gegenwart. Das eigene Ich besteht fast ausschließlich aus Vergangenheit, die sich in Erinnerungen verfestigt hat. Daher findet man das Leben auch am Morgen genauso vor, wie man es am Abend verlassen hat.

Drüben am Beginn der Fußgängerzone an einem Samstagmorgen. Plötzlich tauchte Lisette aus dem Menschengewühl auf, und für einige Augenblicke wagten wir, Seit an Seit zu gehen, obwohl ihr Mann ebenfalls in der Innenstadt unterwegs sein könnte. Sie hatte dunkle Schatten unter ihren Augen, die Spuren einer schlaflosen Nacht.
„Was ist mit dir?“
„Letzte Nacht im Bett hatte ich mit Alois eine Auseinandersetzung ohne Worte“, sagte sie, und ein bitterer Zug war um ihren Mund. „Für einen Moment wollte ich nachgeben, doch ich konnte mich nicht öffnen.“

Hast du je ein Wort gehört, dass dir einen solchen Schmerz bereitet? Die Stelle in meinem Gehirn, in die sich diese Vorstellung eingebrannt hat, wie gerne hätte ich sie veröden lassen. Damals wollte ich oft nicht mehr in meinem Kopf sein, wollte die zehrende Sehnsucht, die quälenden Verlustängste und Eifersuchtsgefühle nicht mehr haben. Warum, habe ich mich da oft gefragt, warum kann ich beim Erwachen nicht jemand anders sein? Ein Seehund zum Beispiel, der einen bunten Ball auf seiner Schnauze balanciert. Und habe ich meine Sache gut gemacht, wirft man mir vom Beckenrand köstlichen Fisch zu.

Gut, dass mit den Jahren alles versteinert. Seltsam hellsichtig hatte mein junger Freund Herr Leisetöne mir letztens in unserer Hannoveraner Stammkneipe Vogelfrei gesagt, mein Gehirn habe eine kristalline Struktur und deshalb wäre ich nicht mehr so rasch im Denken. Ich hatte das unverschämt gefunden und die Idee weit von mir gewiesen. Obwohl die Vorstellung von einer verzweigten, unermesslichen Höhle mit Hallen voller Erinnerungen aus blitzenden Kristallstufen, in deren Prismen sich die Gedankenfunken tausendfach brechen, so dass sie aufgespalten werden in sich überlagernde Haupt- und Nebenregenbögen, recht artig ist.

Leider musste ich die Schilderung meines wunderbaren kristallinen Gehirns abbrechen, weil ich niemandem einen noch längeren Satz zumuten will, in dem das bedeutungstragende Verb erst ganz am Schluss erscheint, wobei „ist“ ja nur ein Hilfsverb ist und noch dieses Satzadjektiv “artig” braucht. Über Grammatik war ich später mit Leisetöne in Streit geraten, in dessen Verlauf wir uns anschrien. Ich habe das aber genossen, denn ich hatte mich noch nie zuvor mit jemandem wegen Grammatik angeschrien. Es ging um starke und schwache Nerven äh Verben.

Die meisten meiner Kollegen, die sich jetzt da drüben den Dom anschauen, hatten am liebsten über ihre Reisen, ihre Autos oder ihre Kreditkarten gesprochen, wo sie gut gegessen und wo in der Provence sie ein kleines Weingut entdeckt hatten, bei dem sie jetzt immer ihren Wein holen. Anders mein Gastgeber Max. Er ist ein vielseitig interessierter Mann, kompetenter Biologe und leidenschaftlicher Fossiliensammler, hat überall in der Wohnung Vitrinen mit Fossilien aus dem Schwarzwald, die er selbst gefunden und präpariert hat. Am Abend sitzen wir in geselliger Runde inmitten von Millionen Jahren der Erdgeschichte, Max, seine Partnerin Judith und ich. Allein diese launigen Abende rechtfertigen meine lange Reise von Hannover nach Aachen. Von der Rückfahrt gibt es kaum etwas zu berichten, nur, dass ich inzwischen wieder zu Hause bin.
E N D E

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Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 5)

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middelbergDas Treffen der Kolleginnen und Kollegen soll im Café M. in der Altstadt sein, und anschließend wird es eine Domführung geben. An der werde ich nicht teilnehmen, weil ich den Dom und die Domführung kenne und noch durch die Stadt streifen will. Als ich im Juli die Einladung bekam und den Namen des Cafés las, konnte ich mich nicht erinnern, je dort gewesen zu sein. Aber wie wir das Caféhaus betreten und zur ersten Etage hinaufsteigen, wo ein Raum für uns reserviert ist, erkenne ich die Treppe an ihrem goldenen Handlauf. Nach dem Hallo der Kolleginnen und Kollegen, nach Händeschütteln und Umarmungen, als alle gut sitzen, schwingt sich ein besonders redefreudiger Kollege auf, den ganzen Tisch mit rasend interessanten Reiseerlebnissen zu unterhalten. Früher konnte man seine Mitmenschen quälen mit Dia-Abenden, wo alle 500 Urlaubsdias vorgeführt wurden. Das hier ist ähnlich. Da schweift meine Aufmerksamkeit ab, denn ich kann von meinem Platz aus die Rückwand des Hauptraums sehen, wo in einer Nische zwei Tische stehen. Da geht ein archäologisches Fenster auf und ich sehe hinab in den Dezember 1998.

Damals war mein geordnetes Leben auseinander geflogen, und es geschah in Zeitlupe, so dass ich die Explosion und ihre verheerenden Folgen beobachten konnte. Ich hatte eine verheiratete Frau kennen gelernt, derweil ihr Ehemann beruflich für ein Jahr in Afrika war. Sie hatte den Eindruck erweckt, hatte es wohl auch selbst geglaubt, die Ehe bestünde nur noch auf dem Papier. Als er arglos zurückkam und seiner Ehe wieder Bestand verleihen wollte, war ich schon rettungslos in seine Frau verliebt. Ich liebte sie wie ich nie zuvor geliebt hatte, zumal meine Ehe lange Zeit nur noch Familienroutine gewesen war. Es folgte eine schreckliche Zeit der Heimlichkeiten in dieser engen Stadt Aachen, wo fast jeder jeden kennt.

Wir saßen im Café M., genau an der Stelle, an der einmal Lisettes Bett gestanden hatte, vor dem Umbau des Hauses, als auf der ersten Etage noch Wohnungen gewesen waren. Es war ein kalter Dezembertag, wir hatten uns am windigen Markt getroffen und uns besonders unbehaust gefühlt. Ich wünschte mir eine Zeitreise, dass wir uns in ihr Bett legen könnten, und ich würde sie aufwärmen. Freilich müsste dann etwas mit all den anderen Caféhausbesuchern geschehen. Am besten würden sie in eine Art Zeitstarre fallen, damit wenigstens Lisettes Zimmer von ihnen befreit werden könnte. Ich stellte mir vor, sie in der Garderobenecke aufzustapeln. Da hätte ich eine Menge zu tun. Als wir ankamen, hatte eine Türsteherin am Eingang den Besucherverkehr geregelt und uns zunächst gar keine Hoffnung auf einen Platz gemacht. Lisette war jedoch einfach vorangegangen, und als wir oben ankamen, standen gerade zwei feine Damen auf, richteten ihre Hütchen, hüllten sich in Mäntel, sammelten die unzähligen Einkaufstüten ein und verzogen sich. Ich betrachtete sie genau und versuchte etwas in ihnen zu entdecken, was meinen Verdacht bestätigte, die zwei wären nur Platzhalterinnen gewesen, die der kosmische Schachspieler wunschgemäß abzog, als Lisette eintraf. Ich allein hätte mich niemals freiwillig in diesen Raum begeben, in dem die Tische so klein waren, so nah beieinander standen und ein Publikum aus gut situierten älteren Damen und wenigen Herren derart dicht an dicht saß, dass mir das Herz eng wurde. Wir redeten nur halblaut, und trotzdem fühlte ich mich von dem Ehepaar gleich nebenan belauscht. Lisette rührte in ihrer heißen Schokolade und erzählte von ihrem Arztbesuch.
„Ich dachte, du wärst in deiner Ehe glücklich“, hatte Dr. Herwig gesagt und nach mir gefragt, der ich auch sein Patient war, was sie denn mit mir zu tun habe.
„Aber ich habe dichtgemacht“, sagte Lisette. „ich lasse mich doch von dem nicht aushorchen.“
„Vermutlich wird er sich seinen Teil dazu denken, dass wir beide fast gleichzeitig mit Sturzverletzungen bei ihm gewesen sind.“
Wir lachten. Lisette legte ihren Tabak auf den Tisch und ließ sich von mir eine Zigarette drehen, ein Zeichen, dass sie ihre Erkältung endlich überwunden hatte.
„Im Niederländischen gibt es das Wort ‚valpartij‘“, sagte ich. “Wenn es bei einem Radrennen zu einem Massensturz kommt, dann rufen die Reporter aufgeregt: ‚Valpartij, valpartij‘. Das klingt, als wäre es eine gesellige Veranstaltung, ein Ausflug, wie im Deutschen bei dem Wort Landpartie, Kahnpartie oder so. Was wir im November zusammen hatten, das war auch eine valpartij.“ „Ja, mit unserer valpartij hat alles angefangen“, sagte Lisette.

Der Kollege am Tisch schwärmt noch immer von seiner Reise und der gestohlenen Brieftasche und wie er alle seine Kreditkarten hat sperren lassen haben musste, gehabt worden zu sein, äh … Dingenskirchen. Ich kann ein Gähnen kaum unterdrücken. Das archäologische Fenster trübt sich ein und schließt sich.

Fortsetzung

Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 4)

Folge 1Folge 2Folge 3

Aachen hat mich wieder. 25 Jahre habe ich hier gelebt, bin sozusagen lange Zeit aus den Molekülen gebaut gewesen, die in Aachen herumschwirren. Was von denen noch da ist in mir begrüßt die Stadt wie eine alte Hausjacke. Im ICE hat mein Freund, Exkollege und Gastgeber mich angerufen und mir mitgeteilt, wo er mit dem Auto auf mich wartet. Ich verlasse den Hauptbahnhof durch den Seitenausgang und ziehe meinen Rollkoffer eine Straße hoch, die parallel zu den Bahngleisen verläuft. Drüben ist die Bahnhofsmission, wo ich mir mal habe helfen lassen, als ich meine Schwiegermutter versehentlich statt in den Zug nach Köln in den nach Brüssel gesetzt, also ins Ausland verschickt hatte, worin etymologisch das Wort Elend steckt. Unsere Vorfahren haben nämlich gedacht, die Leute im Ausland hätten nichts zu essen.

Meine Schwiegermutter bewahrte diese uralte Vorstellung treulich. Sie war nicht vom Gegenteil zu überzeugen gewesen, bis ich sie in den Zug geschubst und ins Ausland verschickt habe. Es war keine böse Absicht gewesen. Wir waren zu spät am Aachener Hauptbahnhof angekommen, und ich war froh gewesen, dass der Zug nach Köln noch da stand. Freilich entpuppte der sich nach dem Anrollen als Zug in Gegenrichtung und riss zu meinem Entsetzen die gute Schwiegermutter nach Belgien davon.

Um sie vor einer langen, schrecklichen Fahrt ins tiefe Elend zu bewahren, rief ich von der Bahnhofsmission im wallonischen Bahnhof Welkenraedt an. Bahnbeamte holten sie dort aus dem Zug. Meine Schwiegermutter sollte sich noch Jahre tief beeindruckt zeigen, erstens von den prächtigen Uniformen belgischer Bahnbeamter, dann von der sprachlichen Eleganz und ausgesuchten Höflichkeit. Sie redeten meine Schwiegermutter nämlich an mit: „Madame in Schwarz“ (Sie trug damals Trauerkleidung.)

Madame in Schwarz wollte natürlich ein Andenken an ihre Irrfahrt. In der Bahnhofshalle von Welkenraedt hing ein verstaubter Schaukasten mit belgischen Biergläsern. „Madame“ gab nicht eher Ruhe, bis einer der Bahnbeamten den Schlüssel für den Schaukasten besorgte und ihr ein Bierglas übergab, wofür er sich selbstverständlich weigerte, Geld anzunehmen. Diese generöse Tat war allerdings mit langer Wartezeit auf den Vitrinenschlüssel verbunden gewesen. Es handelte sich schließlich um einen Verwaltungsakt der Staatlichen Belgischen Eisenbahngesellschaft. Da müssen Formulare in allen drei belgischen Amtsprachen ausgefüllt werden, und es ist die Genehmigung von höherer Stelle erforderlich, dass der belgische König die Dokumente zur Übergabe eines verstaubten Bierglases aus dem Bahnhof Welkenraedt an eine deutsche Madame in Schwarz nicht siegeln muss. Dank der beherzten Entscheidung des Bahnvorstands, den belgischen König außen vor zu lassen, konnten die Welkenraedter Bahnbeamten meine Schwiegermutter und ihr Bierglas rechtzeitig und würdevoll zum Gegenzug nach Köln geleiten. Das alles war für meine Schwiegermutter der Beweis, dass Ausland nicht gleich Elend sein muss. Es geht doch nichts über eigene Anschauung. Sie erst erweitert den Horizont.

Da begrüßt mich auch schon die Lichthupe meines wartenden Freundes. Er umarmt mich wie einen Heimkehrer, nimmt mir Koffer und Rucksack ab, und ich sinke erleichtert in den Beifahrersitz seines Autos. Wir haben uns zuletzt im Februar gesehen. Also gibt es einiges zu erzählen. Während er sein Auto durch die Stadt steuert und ich seinem Bericht lausche, verfolgt ein Teil von mir die Wegstrecke und aktiviert Erinnerungen, die sich hie und dort anknüpfen, manche skurril, wie der von der Irrfahrt meiner Schwiegermutter, manche banal, dass ich beispielsweise in der katholischen Diozösanbibliothek drüben mal ein Buch ausleihen wollte und bei der Anmeldung eine Referenz angeben musste, weshalb ich dreist einen Religionslehrer benannt habe, der aber, wie ich vergessen hatte, evangelisch war. Und da in der Südstraße war eine Druckerei, wo ich einmal zum Test die belgische Discjockeyzeitschrift hab drucken lassen, die ich layoutete, um mein Studium zu finanzieren. Sie wurde monatlich in zwei Sprachen (Flämisch und Französisch) von einem europäischen Discjockeyverband (UPDJ) mit Sitz in Belgien herausgegeben. Man hatte auch eine deutsche Sektion gegründet und mich notariell als Präsidenten benannt, weil ich der einzige Deutsche war, den sie kannten. Ich hatte aber in meinem Discjockeyverband nie ein einziges Mitglied.

Einst vor einem Café am Aachener Münsterplatz, wo ich oft gesessen und geschrieben, manchmal auch durchs Fenster fotografiert habe:
Philosophie-mit-Brötchen

Jeder hat solche Erinnerungen an einen Wohnort, die sich mit den Jahren wie Sedimente übereinander legen. Und an manchen Stellen lohnt es sich, ein archäologisches Fenster aufzumachen, um hineinsehen zu können. Solche gibt es real in Aachens Altstadt. Man schaut in die Tiefe und kann die Reste verschiedener Siedlungsepochen erkennen. „Alle tausend Jahre versinkt eine Stadt um einen Meter“, hat mein guter Freund Coster mir mal erklärt, der sich leider erschossen hat. Er war in Aachen Stadtplaner gewesen, aber das war nicht der Grund für seinen Freitod.

Fortsetzung

Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 3)

Folge 1Folge 2

Die Stadt Aachen vergibt seit 1950 alljährlich den Karlspreis, benannt nach Karl dem Großen. Geehrt werden Personen, die sich um die europäische Einigung verdient gemacht haben. Selbstverständlich kommen einfache Menschen für den Preis nicht in Frage. Man ehrt grundsätzlich hochrangige Persönlichkeiten, um sich in deren Glanz zu sonnen. Im Jahr 2000 wählte das Karlspreis-Direktorium den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Warum ein Präsident der Vereinigten Staaten?, fragte sich da mancher. Höher rauf geht es ja kaum noch. Warum nicht gleich < Zaphod Beeblebrox oder Gott? Beeblebrox kennen sie nicht und den Karlspreis an Gott zu vergeben, haben sie sich die geltungssüchtigen Aachener Honoratioren noch nicht getraut. Das Karlspreis-Direktorium hatte sowieso schon rote Ohren, als es auf einer internationalen Pressekonferenz in einem Kölner Hotel den Preisträger Bill Clinton bekannt gab. Da fragte ein erstaunter US-Journalist, wo Aachen denn überhaupt liege, und bekam die verwirrte, verwirrende Antwort: „Östlich von Köln.“ Da hätte er lange suchen können. Östlich von Köln liegen das Sieger- und das Sauerland.

Aachen liegt westlich! Etwa 80 Kilometer hinter Köln im westlichsten Winkel Deutschlands liegt Aachen. Weiter westlich geht es gar nicht. Wer noch weiter fährt, landet tatsächlich wieder im Osten, denn gleich an Aachens westliche Stadtgrenze grenzen die belgischen Ostkantone und Hollands südöstliche Provinz Limburg. Darum kann ich mit dem ICE 14, Fernziel Brüssel fahren. Er braucht für die Strecke Köln – Aachen gerade mal 33 Minuten. Ich habe eine Sitzplatzreservierung für den Wagen 25. In diesen Wagen drängen auch betagte Engländer und Engländerinnen, die zuvor in einer großen lärmenden Menschentraube den Bahnsteig versperrt haben. Nachdem sie alle ihren Platz gefunden und ihr Gepäck verstaut haben, verdunkelt sich der Himmel im ICE. In dieser drangvollen Überfüllung taucht plötzlich ein junger Araber neben mir auf und fragt in gebrochenem Englisch, ob der Platz noch frei sei. Er wirkt irgendwie schmuddelig und stinkt bestialisch.

Ich deute auf die leuchtende Reservierungsanzeige für den noch leeren Platz neben mir und fühle mich schlecht. Zum ersten Mal steht vor mir ein realer Flüchtling und ich sage: „Sorry, alles reserviert!“ Und was mir noch peinlicher ist, ich bin froh drum. Die Aussicht, eine halbe Stunde seinen Gestank ertragen zu müssen, haut mich um. Der junge Syrer zeigt mir seinen Fahrschein, hofft vermutlich, ich würde ihm den Platz zugestehen, wenn ich nur sähe, dass er einen gültigen Fahrschein nach Brüssel hat. Da taucht ein gut gekleideter Araber auf, offenbar der Platzeigentümer, lässt sich den Fahrschein zeigen und erklärt dem Syrer was, vermutlich, dass ein Fahrschein keine Reservierung sei, worauf der und ein zweiter Flüchtling sich verziehen. Was für eine Szene!
badetuch
Erstens wollte ich nie in die Situation kommen, einem Flüchtling einen Platz zu verweigern als wäre ich der Herr aller Plätze. Zweitens denke ich, dass die vielen freiwilligen Helfer, die Flüchtlinge in Empfang nehmen und versorgen, dass die auch konfrontiert werden mit Menschen, die sich auf einer wochenlangen Flucht nicht haben waschen können, die ihre Notdurft an den unmöglichsten Orten verrichten mussten und sich letztlich um hygienische Fragen nicht mehr kümmern konnten. Aber was hätte ich in dieser Situation tun können, um zu helfen? Während ich mich das frage und mit mir hadere, hat der feine Araber neben mir offenbar keine Probleme, packt einen dicken Plastikhalm aus der Papierhülle und zuzzelt einen sattgelben Smoothie. Auch die lärmenden Engländer haben gute Laune. Und alle Welt soll wissen, dass es ihnen zu gut geht.

Während am Horizont die ersten Höhenzüge der Nordeifel vorbeiziehen, über die ich in meiner Aachener Zeit als Radsportler unzählige Mal gefahren bin, kann ich mich gar nicht ablenken, sondern frage mich, warum die Flüchtlinge weiter nach Brüssel wollen. Ist da ein irrationales Element in der Wanderbewegung? Wollen diese entwurzelten Menschen einfach immer weiter nach Westen, möglichst weit weg von Ländern, wo Chaos ist, wo Bürgerkrieg herrscht, wo man sich gegenseitig beschießt, in die Luft sprengt, den Hals abschneidet? Vergessen manche bei ihrer Suche nach Sicherheit, Perspektive und Glück, irgendwo anzukommen, sich niederzulassen, wo es schon gut ist, in der Hoffnung, weiter weg wäre es noch besser?

In Brüssel, war zu hören, kann die Ausländerbehörde pro Tag 250 Asielzoekers (wörtlich: Asylsucher) registrieren. Die Zahl wird auf Geheiß des zuständigen Staatssekretärs nicht erhöht. Tausende stehen dort den ganzen Tag an und werden auf den nächsten Tag vertröstet. Sie übernachten in Zelten in einem Park nahe der Registrierungsbehörde. Das Rote Kreuz hat in einem nahen Büroturm 200 Schlafstellen eingerichtet, die fast nicht genutzt werden, worüber sich kürzlich ein flämischer Politiker öffentlich aufgeregt hat. Man versteht nicht, warum die Flüchtlinge lieber in Zelten leben. Es ist also nicht besser in Belgien. Da wie hier gibt es große Hilsbereitschaft in der Bevölkerung und Unverstand gepaart mit Unfähigkeit in der Politik. Wo ist eigentlich Karlspreisträger Bill Clinton? Europa könnte US-Unterstützung gut gebrauchen. Schließlich müssen wir die rücksichtslose Kriegspolitik der USA ausbaden, durch die eine ganze Region im Nahen Osten destabilisiert wurde, in deren Folge das Flüchtlingselend entstand. Aber Ehrungen wie der Karlspreis sind eben nicht mehr wert als hohle Reden, buckelnde Honoratioren, eitles Schaulaufen der Prominenz und Festbankette auf Kosten des Steuerzahlers in historischen Gemäuern. Wers nicht glaubt, der lese hier meine launige Exklusiv-Reportage, als Angela Merkel den Karlspreis an den Hals bekam.

Upps, der Lautsprecher kündigt schon Aachen an. Ich winde mich mit meinem Koffer zum Aussstieg.

Folge 4

Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 2)

Folge 1 hier

Was ist gruselig an Wuppertal? Als Kind bin ich mal im Wuppertaler Zoo gewesen und auch mit der weltberühmten Schwebebahn gefahren. Weil die Stadt sich in den engen Talgrund der Wupper quetscht, ist da kein Platz für eine Straßenbahn. Stattdessen hängen die Bahnen in 12 Metern Höhe an einem Schienensystem, das ziemlich genau dem Verlauf der Wupper folgt, eine Meisterleistung deutscher Ingenieurskunst aus dem Jahr 1901. Die Streckenlänge beträgt 13 Kilometer, und noch viel länger scheint die Stadt zu sein. Selbst wenn du mit dem ICE hindurch rauschst, scheint Wuppertal kein Ende zu nehmen, und du hast das Gefühl, diese Stadt will dich nicht weglassen. Und dann, gerade hast du dich gegruselt angesichts der steilen Straßen und der hohen hässlichen Häuser, von denen sie gesäumt sind, gerade hast du dich geschüttelt, weil du dir Leben in diesen Häusern vorgestellt hast, irgendwelche Lebensformen, die einem nur in etwa menschlich vorkommen, da hält der ICE auch noch im schäbigen Wuppertaler Hauptbahnhof, einer Ansammlung von mit Brettern vernagelten Ruinen. Vor dem Hauptbahnhof, stadteinwärts, hat es jahrelang ein riesiges Loch gegeben. Ich staune darüber, Arbeiter in orangefarbenen Warnjacken zu sehen und dass sie es offenbar geschafft haben, das Loch zu schließen. Andererseits sah ich sie schon im vergangenen Februar daran arbeiten. Wieso sind die Arbeiten in sieben Monaten nur geringfügig fortgeschritten? Eventuell reißt das Loch, wenn es gerade geschlossen ist, über Nacht wieder auf, gleich einer schwärenden Wunde, an der alle ärztliche Kunst versagt. Ich frage mich, welchen Menschenschlag drängt es, in so einen feuchten, finsteren Talgrund wie den der Wupper zu ziehen? Warum blieben sie nicht auf den luftigen und manchmal sogar sonnigen Höhen des Bergischen Landes? Vor Jahren traf ich einmal im ICE den psychedelischen Dichter und Zeichner grotesker Dinge Eugen Egner. Er fuhr bis Wuppertal mit.
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Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 1)

Am Mittwoch, dem 16. September 2015, um 12:30 Uhr steige ich im Hauptbahnhof Hannover in den ICE 650 nach Köln Hbf und besetze im Wagen 34 den Fensterplatz 55. Neben mich setzt sich eine ältere Dame in roter Jacke. Beim Eintreffen grüßt sie. Sie will sich offenbar unterhalten, aber ich will die Zugfahrt genießen, einfach aus dem Fenster schauen und herrlich gedankenleer sein. Erst als wir durch Unna rollen, würde ich gern etwas sagen, weil ich gedacht habe, dass an der realen Existenz von Unna noch eher zu zweifeln wäre als an der Existenz von Bielefeld (siehe Bielefeldverschwörung).
Gruß aus Bielefeld Kopie
Die Bielefeldverschwörung im Bild – von mir gestaltete Ansichtskarte, mit der ich hoffe, Ehrenbürger von Bielefeld zu werden, obwohl ich von Bielefeldern schon böse beschimpft wurde. Das Klo habe ich hinzugefügt, weil mir jemand glaubhaft versichert hat, er sei schon auf dem Bielefelder Bahnhofsklo gewesen (größer: klicken)

Mit Unna kann ich überhaupt nichts in Verbindung bringen …
„So wahr sich Karnickel nach dem Goldenen Schnitt vermehren.“
Die Dame schreckt von ihrem Buch auf:
„Was erzählen Sie denn da? Woher sollen Karnickel den Goldenen Schnitt kennen? Den kenne ich ja nicht einmal.“
„5 zu 8 wie 8 zu 13 wie 13 zu 21 und so weiter. Minor zu Major wie Major zum Ganzen. Das ist der Goldene Schnitt in ganzen Zahlen und 5,8,13,21,34,55 und so weiter sind gleichzeitig die Fibonacci-Zahlen. Und wissen Sie, woran Fibonacci die Zahlenreihe entdeckt hat?“
„Nein, woher denn?“
„An der Fortpflanzungsrate der Kaninchen.“
„Ach so.“
Ich sehe, dass es ihr lieber wäre, ich hätte nichts gesagt, denke: „Du mich auch!“ und schaue wieder aus dem Fenster. Da folgt schon bald Schwerte an der Ruhr. Das Städtchen habe ich schon mehrfach mit dem Fahrrad durchquert, muss aber immer an den Germanistik-Professor an der RWTH Aachen Hans Schwerte denken, der eigentlich Hans Ernst Schneider hat geheißen, als er in der Naziära SS-Hauptsturmführer gewesen war und in der verbrecherischen Organisation Ahnenerbe Laboratoriumseinrichtungen für Menschenversuche organisiert hatte. In den Nachkriegswirren tauchte Schneider unter, seine Frau ließ ihn für tot erklären und heiratete ihn kurz darauf wieder. Da nannte er sich Hans Schwerte. Er habilitierte 1958 über Faust und das Faustische und brachte es bis zum Rektor der RWTH Aachen. Kollegen von mir haben bei dem faustischen Mann studiert und waren immer voll des Lobes. Im Jahr 1994, Schwerte war inzwischen längst im Ruhestand und stolzer Träger des Bundesverdienstkreuzes, da tauchten Reporter des niederländischen Fernsehens bei ihm auf, die seine wahre Identität enthüllt hatten. Danach wurde bekannt, dass es innerhalb der Hochschule eine ganze Reihe von Mitwissern gegeben hatte. Man munkelte auch von Erpressung, dass nämlich bestimmte Lehrstühle an gewisse Personen unter Schwertes Einfluss nur vergeben worden waren, damit er nicht aufflog.

Ach, wir schauen mal aus dem Fenster. Inzwischen sind wir nämlich schon in Wuppertal, der für mich gruseligsten Stadt Deutschlands. Eines noch, bevor ich morgen weiter berichte: In Aachen werde ich bei Freunden übernachten. Dort erfahre ich im Verlaufe eines feuchtfröhlichen Abends, dass just dieser Professor Hans Schwerte in der großen Dachetage des Hauses sein Liebesnest gehabt hatte.
Teil 2