Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 3)

Folge 1Folge 2

Die Stadt Aachen vergibt seit 1950 alljährlich den Karlspreis, benannt nach Karl dem Großen. Geehrt werden Personen, die sich um die europäische Einigung verdient gemacht haben. Selbstverständlich kommen einfache Menschen für den Preis nicht in Frage. Man ehrt grundsätzlich hochrangige Persönlichkeiten, um sich in deren Glanz zu sonnen. Im Jahr 2000 wählte das Karlspreis-Direktorium den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Warum ein Präsident der Vereinigten Staaten?, fragte sich da mancher. Höher rauf geht es ja kaum noch. Warum nicht gleich < Zaphod Beeblebrox oder Gott? Beeblebrox kennen sie nicht und den Karlspreis an Gott zu vergeben, haben sie sich die geltungssüchtigen Aachener Honoratioren noch nicht getraut. Das Karlspreis-Direktorium hatte sowieso schon rote Ohren, als es auf einer internationalen Pressekonferenz in einem Kölner Hotel den Preisträger Bill Clinton bekannt gab. Da fragte ein erstaunter US-Journalist, wo Aachen denn überhaupt liege, und bekam die verwirrte, verwirrende Antwort: „Östlich von Köln.“ Da hätte er lange suchen können. Östlich von Köln liegen das Sieger- und das Sauerland.

Aachen liegt westlich! Etwa 80 Kilometer hinter Köln im westlichsten Winkel Deutschlands liegt Aachen. Weiter westlich geht es gar nicht. Wer noch weiter fährt, landet tatsächlich wieder im Osten, denn gleich an Aachens westliche Stadtgrenze grenzen die belgischen Ostkantone und Hollands südöstliche Provinz Limburg. Darum kann ich mit dem ICE 14, Fernziel Brüssel fahren. Er braucht für die Strecke Köln – Aachen gerade mal 33 Minuten. Ich habe eine Sitzplatzreservierung für den Wagen 25. In diesen Wagen drängen auch betagte Engländer und Engländerinnen, die zuvor in einer großen lärmenden Menschentraube den Bahnsteig versperrt haben. Nachdem sie alle ihren Platz gefunden und ihr Gepäck verstaut haben, verdunkelt sich der Himmel im ICE. In dieser drangvollen Überfüllung taucht plötzlich ein junger Araber neben mir auf und fragt in gebrochenem Englisch, ob der Platz noch frei sei. Er wirkt irgendwie schmuddelig und stinkt bestialisch.

Ich deute auf die leuchtende Reservierungsanzeige für den noch leeren Platz neben mir und fühle mich schlecht. Zum ersten Mal steht vor mir ein realer Flüchtling und ich sage: „Sorry, alles reserviert!“ Und was mir noch peinlicher ist, ich bin froh drum. Die Aussicht, eine halbe Stunde seinen Gestank ertragen zu müssen, haut mich um. Der junge Syrer zeigt mir seinen Fahrschein, hofft vermutlich, ich würde ihm den Platz zugestehen, wenn ich nur sähe, dass er einen gültigen Fahrschein nach Brüssel hat. Da taucht ein gut gekleideter Araber auf, offenbar der Platzeigentümer, lässt sich den Fahrschein zeigen und erklärt dem Syrer was, vermutlich, dass ein Fahrschein keine Reservierung sei, worauf der und ein zweiter Flüchtling sich verziehen. Was für eine Szene!
badetuch
Erstens wollte ich nie in die Situation kommen, einem Flüchtling einen Platz zu verweigern als wäre ich der Herr aller Plätze. Zweitens denke ich, dass die vielen freiwilligen Helfer, die Flüchtlinge in Empfang nehmen und versorgen, dass die auch konfrontiert werden mit Menschen, die sich auf einer wochenlangen Flucht nicht haben waschen können, die ihre Notdurft an den unmöglichsten Orten verrichten mussten und sich letztlich um hygienische Fragen nicht mehr kümmern konnten. Aber was hätte ich in dieser Situation tun können, um zu helfen? Während ich mich das frage und mit mir hadere, hat der feine Araber neben mir offenbar keine Probleme, packt einen dicken Plastikhalm aus der Papierhülle und zuzzelt einen sattgelben Smoothie. Auch die lärmenden Engländer haben gute Laune. Und alle Welt soll wissen, dass es ihnen zu gut geht.

Während am Horizont die ersten Höhenzüge der Nordeifel vorbeiziehen, über die ich in meiner Aachener Zeit als Radsportler unzählige Mal gefahren bin, kann ich mich gar nicht ablenken, sondern frage mich, warum die Flüchtlinge weiter nach Brüssel wollen. Ist da ein irrationales Element in der Wanderbewegung? Wollen diese entwurzelten Menschen einfach immer weiter nach Westen, möglichst weit weg von Ländern, wo Chaos ist, wo Bürgerkrieg herrscht, wo man sich gegenseitig beschießt, in die Luft sprengt, den Hals abschneidet? Vergessen manche bei ihrer Suche nach Sicherheit, Perspektive und Glück, irgendwo anzukommen, sich niederzulassen, wo es schon gut ist, in der Hoffnung, weiter weg wäre es noch besser?

In Brüssel, war zu hören, kann die Ausländerbehörde pro Tag 250 Asielzoekers (wörtlich: Asylsucher) registrieren. Die Zahl wird auf Geheiß des zuständigen Staatssekretärs nicht erhöht. Tausende stehen dort den ganzen Tag an und werden auf den nächsten Tag vertröstet. Sie übernachten in Zelten in einem Park nahe der Registrierungsbehörde. Das Rote Kreuz hat in einem nahen Büroturm 200 Schlafstellen eingerichtet, die fast nicht genutzt werden, worüber sich kürzlich ein flämischer Politiker öffentlich aufgeregt hat. Man versteht nicht, warum die Flüchtlinge lieber in Zelten leben. Es ist also nicht besser in Belgien. Da wie hier gibt es große Hilsbereitschaft in der Bevölkerung und Unverstand gepaart mit Unfähigkeit in der Politik. Wo ist eigentlich Karlspreisträger Bill Clinton? Europa könnte US-Unterstützung gut gebrauchen. Schließlich müssen wir die rücksichtslose Kriegspolitik der USA ausbaden, durch die eine ganze Region im Nahen Osten destabilisiert wurde, in deren Folge das Flüchtlingselend entstand. Aber Ehrungen wie der Karlspreis sind eben nicht mehr wert als hohle Reden, buckelnde Honoratioren, eitles Schaulaufen der Prominenz und Festbankette auf Kosten des Steuerzahlers in historischen Gemäuern. Wers nicht glaubt, der lese hier meine launige Exklusiv-Reportage, als Angela Merkel den Karlspreis an den Hals bekam.

Upps, der Lautsprecher kündigt schon Aachen an. Ich winde mich mit meinem Koffer zum Aussstieg.

Folge 4

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11 Kommentare zu “Bericht von meiner ethnologischen Forschungsreise von Hannover nach Aachen und zurück (Folge 3)

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  2. Ich habe gehört, daß es immer mal wieder passiert, daß Asylsuchende unterwegs „verloren“ gehen, weil sie in Städte wollen, wo Leuten wohnen, die sie kennen, Verwandte oder Landsleute, die schon länger hier leben. Hilfe von den Behörden brauchen sie da natürlich trotzdem.

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  3. So ließe sich das vielleicht verallgemeinern: Die Unsicherheit, wie wir mit dem konkreten Flüchtling umzugehen haben, nicht mit dem Menschen, der schon angekommen, registriert, einsortiert, untergebracht und auf ansteckende Krankheiten untersucht ist, sondern dem, der noch unterwegs ist. Ausländer? Kein Problem, kennen wir, wohnen in der Nähe oder bedienen beim Italiener. Aber Syrer, die geradewegs aus dem Kriegsgebiet kommen? Im Fernsehen stinken die auch nicht. Dieses unbehagliche Gefühl, das nichts mit Ausländerfeindlichkeit, aber viel mit Verunsicherung zu tun hat, kommt sehr gut rüber!

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    • Bin froh, das du es so verstanden hast. Ich hätte die Begegnung ja auch einfach unterschlagen können, wollte aber zeigen, dass die reale Konfrontation einen hilflos machen kann, weshalb guter Wille eben nicht reicht. Hilfe braucht klug durchdachte Strukturen, und von denen sind die Länder Europas leider noch sehr weit entfernt. Unsere politische Elite ist ja erst vorgestern von hinterm Mond eingewandert und daher genauso überrascht und hilflos wie ich.

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