Julia und die seltsame Poesie einer Maschine

Im schmucken Hodlersaal des hannoverschen Rathauses tönt aus einer Ecke das Klappern einer Schreibmaschine. Während einer Vorstellung alternativer Stadtentwicklungskonzepte sitzt da die „Rasende Poetin“ Julia Sander und schreibt ihre Poesie live zum Geschehen auf einer Schreibmaschine. In Zeiten von Computer und Smartphone wirkt das wie ein Anachronismus. Trotzdem bin ich hellauf begeistert. Warum? Was ist schon besonders an einer Schreibmaschine? Ein kleiner historische Rückblick macht das deutlich:

Schreibkontor

Diese bemerkenswerte Zeichnung zeigt den Beginn einer neuen Epoche. Zu sehen ist ein Schreibkontor des 19. Jahrhunderts, ein Vorläufer unserer Büros. Rechts im Bild sitzen zwei Schreiber oder Commis. Schreiber war ein Lehrberuf, den nur Männer ausüben durften. Sie waren darin ausgebildet, eine überindividuelle Schrift zu schreiben, denn sie fertigten allen Briefverkehr und alle Verwaltungsdokumente aus. Die Schriftstücke mussten demgemäß immer klar lesbar sein. Gelernt wurden die Schriften nach Vorlagen, die im Kupferstichverfahren gefertigt und gedruckt waren. Angestrebt war, genau wie die Vorlagen zu schreiben. Wer das konnte, schrieb „wie gestochen.“ Das Ergebnis war anders als heutige Handschriften eine von individuellen Elementen gereinigte, beinah „technische“ Schrift.

Die beiden Schreiber sitzen auf Schemeln und lehnen sich an ihre Schreibpulte. Offenbar haben sie nichts zu tun, denn die Schreibarbeit erledigt eine junge Frau auf einer Schreibmaschine. Sie wirkt ganz unpassend gekleidet, als hätte sie eigentlich ausgehen wollen und wäre von der Straße weg mal eben ins Schreibkontor gekommen. Ein kleiner Junge steht vor ihr und schaut ihr traurig zu. Die Schreiber blicken skeptisch, sehen sich und ihren Berufsstand nicht durch diese lächerliche Maschine bedroht, erst recht nicht durch eine Frau. Nur der Junge scheint zu begreifen, dass Mutter sich unwiderruflich vom häuslichen Bereich der Berufswelt zugewandt hat.

Rechts im Hintergrund an der Wand hängt ein Kalender. Er zeigt den September 1873. Zu dieser Zeit, vor genau 137 Jahren, begann die Emanzipation der Frau. Die Schreibmaschine eröffnete der Frau den Weg ins Berufsleben. In einem Regierungsbericht von 1908 heißt es, die Arbeitgeber würden weibliche Arbeitskräfte wegen ihrer “größeren Wohlfeilheit und Willigkeit” bevorzugen. Frauen geben sich nicht nur mit geringerer Entlohnung zufrieden, ihre fingerfertigen Hände kommen auch besser mit der schlecht angeordneten Tastatur zurecht als die ihrer männlichen Kollegen. Mit zunehmendem Einsatz der Schreibmaschine verdrängen die sogenannten Tippmamsells die männlichen Schreibkräfte völlig. Der Berufsstand der Schreiber verschwindet.

Die größere „Willigkeit“ ermöglicht auch das geschwinde 10-Finger-Blindschreiben. Es konnte nur durch stumpfsinnigen Drill eingeübt werden. Heerscharen von Maschinenfräuleins in riesigen Schreibsälen, stumm fremde Texte schreibend, taub für die Umwelt dem Diktat aus dem Kopfhörer lauschend und blind in die Tastatur einhämmernd, das wirkt wie ein kafkaesker Alptraum. So führt denn auch lange Zeit kein Weg von der Tätigkeit einer Schreibkraft zu der einer Autorin. Eine Tippmamsell schreibt keine eigenen, sondern fremde Texte. Erst mit dem Schreibcomputer weicht die Trennung von Kopf und Hand. Trotzdem gilt das 10-Finger-System unter Gebildeten noch immer als nichtswürdig; ja die instinktive Ablehnung gegen die Universaltastatur ist groß, und viele rechnen es sich als Vorzug an, nach dem “Adler-Suchsystem” zu schreiben. Ich selbst schreibe nach dem polizeibekannten Terroristensystem: „Jede Sekunde ist mit einem Anschlag zu rechnen.“

Anders als die Tippmamsells muss auch die Rasende Poetin nicht perfekt mit der Schreibmaschine schreiben. Im Gegenteil: Ein unterschiedlicher Anschlag, Tippfehler und Überschreibungen machen den besonderen Reiz eines Schreibmaschinentextes aus, wo wir doch längst an Computertexte gewöhnt sind, aus denen alle expressiven Spuren getilgt sind.
Poetin04Poetin03Poetin02Poetin01Poesie aus der Schreibmaschine, ins Leben geklappert von Julia Sander (größer: klicken)

Julia Sander, die Rasende Poetin, hat ihre Schreibmaschine, genannt „Lisa“, von ihrer Großmutter geerbt. Mitunter findet man die Rasende Poetin mit ihrer Maschine Lisa auf Stadtfesten und Märkten, am Samstagmorgen auf dem Altstadtflohmarkt in Hannover, wo sie spontan Poesie erzeugt. Das strahlt zurück auf dieses ehemals dienende Schreibgerät, dieses geschichtsträchtige Werkzeug der Emanzipation, das durch den speziellen Gebrauch selbst wieder etwas Poetisches bekommt.

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3 Kommentare zu “Julia und die seltsame Poesie einer Maschine

  1. Die Reiseschreibmaschine ist für die Literaturproduktion vergangener Zeiten unverzichtbar gewesen und das Spätwerk Arno Schmidts lebte von den Möglichkeiten der Schreibmaschine. Wie viele, die noch mit dieser Technologie aufgewachsen sind, kann ich allerdings gut darauf verzichten. Dennoch ist es eine wunderschöne Idee, Gedichte nicht nur live zu verfassen.

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    • Arno Schmidts Typoskript “Zettels Traum” ist ja nicht unterwegs entstanden, nicht als spontane poetische Reaktion auf ein aktuelles Ereignis, aber bezieht seinen Reiz aus den Arbeitsspuren, wie sie ein Schreibmaschinentext eben aufweist. Wenn Autoren mit Reiseschreibmaschinen auf Reisen gingen, so ist das auch schon histrorisch. Julia Sander macht das aktuell so, und zwar live.

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