Kurzgeschichte: Dieser verfluchte interstellare Jetlag

Nachts um 3 Uhr bin ich hellwach, wieder mal aus der Zeit gerutscht und habe nichts Besseres zu tun, mich an den Rechner zu setzen und meine zukünftigen Erinnerungen aufzuschreiben. Wegen dieser „zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmus- und einer daraus resultierenden unspezifischen Persönlichkeitsstörung werde ich heute Mittag einen Arzt aufsuchen. Da weiß ich schon, wie das zugehen wird:

Seine aparte Sprechstundenhilfe wird mich in den Wartebereich bitten. Die Sitzgruppe aus bequem aussehenden schwarzen Sesseln wird mit drei Patienten besetzt sein. Ich werde mich auf eine schwarze Ledercouch setzen. An der Wand vor mir wird ein großer Bildschirm hängen, auf dem in einer Endlosspule der Arzt so genannte Igel-Leistungen anbietet, höchst schmerzhafte Behandlungen mit Laserstrahlen, heißen Steinen, tausend Jahre alten Nadeln und dergleichen. Keiner wird in einer Zeitschrift blättern. Alle werden wie blöd Wartezimmerfernsehen schauen, weil das menschliche Auge stets und immerzu von Bewegung angezogen wird. Darum die schnellen Schnitte.

Wie zum fünften Mal der Werbeblock eines Pharma-Unternehmens kommt, in dem glückliche Menschen die Segnungen ihrer Medikamente preisen, wird eine Dame ungeduldig, steht auf und beschwert sich zischelnd bei der Sprechstundenhilfe. Wenig später kommt der Arzt, ein smarter, doch mir überaus sympathischer Orientale namens Dr. Asiz, und fragt die Dame nach ihrem Problem. Sie zischelt heftiger. Dr. Asiz neigt ein Weilchen sein Ohr, dann deutet er mit großer Geste auf mich und sagt: „Sehen Sie diesen Herrn? Ein hochrangiger Politiker! Trotzdem wartet er geduldig und käme niemals auf die Idee, sich zu beschweren!“
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