Kurzgeschichte: Wo Schuhe nicht gehen …

An einer Ecke meines Universums hat ein Café eröffnet. Man hat dort früher Schuhe verkauft, bzw. nicht verkauft, denn an dieser Ecke des Universums war die Idee, neue Schuhe zu kaufen, offenbar nicht bekannt. Man hängte verlockende Schilder in die Fenster, versprach Preisnachlässe und Reduzierungen, klebte sich mit riesigen Prozentzeichen die Fensterscheiben zu; nichts davon half – von dieser Ecke bis zum Andromeda-Nebel gab es seit Jahren keinen Bedarf mehr für Schuhe. So wirkte die Ecke immer ein wenig vernachlässigt, zumal während der Öffnungszeiten kein Licht mehr gemacht wurde, und mich dauerten die Wesen, die in der finsteren Höhle Schuhe feilbieten mussten, so ohne alle Hoffnung.

Auch der Schuster einige Häuser weiter wird wohl bald aufgeben, nachdem seine letzte verzweifelte Werbeaktion „Feiern Sie mit uns Oktoberfest“ gescheitert ist:

Wer drei Paar Schuhe zur Reparatur gibt, erhält bei Abholung eine Flasche Paulaner gratis dazu!

Es war raffiniert durchdacht, die Flaschen nur bei Abholung herauszugeben, denn sonst hätte ja zum Beispiel ein Schlitzohr von Beteigeuze einfach einen Haufen alter Schuhe hinbringen können und sich auf Kosten des Schuhmachers mit Paulaner Weißbier abfüllen, bis die Schwarte kracht, weit über das Ende des Oktoberfestes hinaus.

Indem jedoch der Schuster den Missbrauch seines Werbeversprechens durch kluge Überlegung ausgeschlossen hatte, sah ich auch niemals jemanden mit Schuhen unterm Arm in den Laden gehen, geschweige mit einer Flasche Weißbier herauskommen. Trotzdem musste der Schuhmacher natürlich einige Flaschen auf Vorrat gelegt haben, denn würde sich doch ein Humanoide mitsamt drei Paaren defekter Schuhe in diesen Raumsektor verirren und auf die Reparatur warten, könnte er die Flaschen verlangen. Anderenfalls könnte er den Schuhmacher der unlauteren Werbung bezichtigen. Der Schuster wiederum könnte sich nicht darauf verlassen, dass die interstellare Ordnungsmacht nur geringes Interesse an der Ahndung unlauterer Werbestrategien hat, nur weil in diesem Raumsektor bekanntlich weder Bedarf an neuen Schuhen, noch an Schuhreparaturen besteht.

Die Vorstellung der verschiedenen Phasen dieser Aktion rührt mich zu Tränen:

1) Der Schumacher stellt fest, was er lange verdrängt hat; sein Geschäft läuft schlecht.
2) Er betrinkt sich mit Paulaner Weißbier.
3) Der Rausch gebiert eine Idee.
4) Unter sorgenvollem Kopfweh wird die Strategie bedacht.
5) Ernüchterung beim Schreiben des Werbeschildes. Die Sorge vor Schlechtigkeit der potentiellen Kundschaft führt ihm den Filzstift und verwässert die tolle Werbeidee.
6) Er kauft einen Kasten Paulaner Weißbier und trägt ihn in den Laden.
7) Die Flaschen verstauben.
8) In den Äonen voller Langeweile leert er die Flaschen selbst.
9) Erneutes Kopfweh und die Erkenntnis, dass Probleme sich nicht ersäufen lassen: Sie schwimmen immer oben, besonders, wenn man in diesem Sektor des Universums Schuhe reparieren will.

Es hat also an einer Ecke meines Universums ein Café eröffnet. Lange Zeit hat man in den Räumlichkeiten vergeblich Schuhe zu verkaufen versucht. Doch in dieser Ecke des Universums ist weder mit neuen noch mit defekten Schuhen Geld zu verdienen, wie man spätestens nach der gescheiterten Weißbieraktion des Schuhmachers weiß.

Wie seltsam bin ich als Mensch. Die versunkenen Schuhhoffnungen, das vergebliche Schildermalen, die Tränen der Entbehrung, vergossenes Weißbier in der Nachbarschaft, – das alles hinderte mich heute morgen nicht daran, mich von frischen Bäckereifachverkäuferinnen bedienen zu lassen, auf einem bequemen Stuhl an einem mit verstreuten Kaffeebohnen hübsch dekorierten Tisch zu sitzen, einen Kaffee zu trinken, in ein belegtes Brötchen zu beißen und mit Wohlgefallen auf den gelungenen Umbau der ehedem trostlosen Schuhecke zu schauen.

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10 Kommentare zu “Kurzgeschichte: Wo Schuhe nicht gehen …

  1. Dein Mitgefühl mit einem durch eine mißglückte Werbeaktion dem Alkohol verfallen Schuhmacher am Ende des Universums ehrt Dich, da hast Du Dir frischen Kaffee und Brötchen, serviert von hübsch dekorierten Bäckereifachverkäuferinnen, redlich verdient. Keinem ist damit gedient, sich angesichts des Elends in der Welt nichts Gutes mehr zu tun, im Gegenteil, woher soll man sonst die Kraft nehmen, zukünftige Schlechtigkeiten, gegen die man kaum etwas ausrichten kann, auszuhalten?

    Gefällt 2 Personen

    • Am besten gefällt mir, wie du die Formulierungen komprimiert hast zu : „Hübsch dekorierten Bäckereifachverkäuferinnen.“ Wenns um diesen Aspekt des Genießens geht, kenne ich sowieso keine Rücksicht, ob verdient oder unverdient.

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  2. Schuster, bleib bei deinem Weizen… oder so ähnlich war das doch.
    Der Bogen, der dich vom Cafe über das Schuhgeschäft und den Schuster schließlich wieder zum Cafe führt, gefällt mir besonders gut, weil er die Notwendigkeit des Verschwindens dieser – vermutlich allteingessenen – Unternehmnen begründet und dir einen leicht melancholischen Cafebesuch ermöglicht, dankbar für das neue Angebot und die hochdekorierten Servicedamen und zugleich verwundert über die eigene… wie nennen wir das? Marktorientierung?

    Gefällt 3 Personen

    • Hihi, Sternstunde des Wortspiels, lieber Manfred! Über meine eigene „Marktorientierung“ wundere ich mich in der Tat öfters, wenn ich beispielsweise das Verschwinden von alteingesessenen Trasitionsunternehmen zwar bedauere, aber mich über Neubelebungen freuen kann, besonders wenn schmucke Bäckereifachverkäuferinnen mir das versüßen. Manche lieben ja das Abgerockte, ich nicht.

      Gefällt 1 Person

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