Nasse Polster, Handwerker und ein Loch im Wasserkrug

Man möchte denken, es wäre an der Zeit, die Gartenstühle reinzuholen. Manche Leute holen jetzt die Gartenmöbel rein, ob es Gartensessel sind oder Liegen mit weich gepolsterten Auflagen vom Discounter. In letzter Zeit war der schwächelnde Sommer quasi inkontinent und hat es immer wieder auf die Polster regnen lassen, und man musste hinauslaufen und die Polster sicherstellen. Tragisch, ja zum Heulen, so ein Mist aber auch! Es gibt Länder, da steht den Leuten regelmäßig das Wasser bis zum Hals. Es gibt andere Länder, da laufen sie mit ihren Krügen auf dem Kopf 25 Kilometer weit zur nächsten Wasserstelle. Dagegen sind nasse Gartensesselauflagen ein geringes Problem.

Im ICE sitzt sich an einem Tisch ein Paar gegenüber. Er scheint Architekt zu sein, sie ist Hausbesitzerin, eigentlich Häuserbesitzerin. Da müssen Wohnungen renoviert werden, aber die Frau hat Probleme mit den Handwerkern, die einfach nicht die Termine einhalten. Und bummelt der eine, kann der andere nicht mit seinem Teil der Renovierung anfangen. Der Architekt gibt ihr Ratschläge, wie sie mit den Handwerkern zu reden hätte und welche Verträge sie mit ihnen schließen müsste. „Du musst das machen!“, sagt sie. „Nein, das musst DU machen“, sagt er. „Ich will mich nicht mehr mit so einem kleinen Scheiß beschäftigen! Wenn ich tot bin, musst du auch allein damit klarkommen.“ Krank wirkt er nicht; er ist deutlich älter als die Frau und offenbar ein vorausschauender Mensch. Aber dann nimmt er einen Schreibblock und macht mit ihr einen Kalenderwochenplan für die Handwerksarbeiten bis März 2016. „Das muss gehen. Andere bauen in dieser Zeit ein ganzes Haus.“ Sie aber sagt fatalistisch: „Ja, gut! Wenn du mir nicht hilfst, dann kann ich einpacken. Ja, da kann ich wohl einpacken.“

Die Probleme dieser beiden ähneln dem Ärger über eine nasse Gartensesselauflage. Diesmal ist sie vielleicht vom Designer, aber beide Kümmernisse sind Nasse-Polster-Luxus-Probleme. Die meisten unter uns haben Nasse-Polster-Luxus-Probleme, gemessen an einem Wohnsitzlosen, dem eine harte Zeit droht, wenn die Nächte wieder eiskalt werden. Wenn du 25 Kilometer mit einem gefüllten Wasserkrug auf dem Kopf durch die vertrocknete Steppe nach Hause laufen müsstest, würdest du sogar einen Wohnsitzlosen im gelobten Deutschland beneiden. Der kann wenigstens den ganzen Tag auf der Bank sitzen, Bier trinken und hat vielleicht sogar eine Gartensesselpolsterauflage vom Sperrmüll.

Aber nasse Gartensesselpolster sind auch nicht schön, ebenso unschön die windigen Handwerker, die nie kommen, wann sie sollen. Wenn du jetzt schon 24 Kilometer einen vollen Wasserkrug auf dem Kopf durch Ödland balanciert hast und irgendein Milizenheini schießt dir aus purer Lust ein Loch in den Krug, wäre dir natürlich lieber, der hätte sein Renovierungshandwerk einen Tag später erst angetreten.

„Wann kommen die marodierenden Milizen?“
„Die sind in der 5. KW 2016 dran. Vorher müssen die Cousins des Präsidenten mit den Vergewaltigungen der Dorfschönheiten fertig sein. Dann werden die Löcher in die Wasserkrüge geschossen, dann die Brände gelegt, und in der 7. KW ist das ganze Dorf fix und fertig, inklusive Gartenmöbeln.“

„Das schaffe ich nicht. Wenn du mir dabei nicht hilfst, dann kann ich einpacken.“
„Aber du musst, denn du kannst nicht anfangen, bevor die Penner da raus sind.“

Seneca zitiert den antiken Philosophen Bion. Der sage: „Gleich lästig ist es für solche mit Glatze wie für solche mit vollem Schopf, wenn ihnen Haare ausgerissen werden.“ Allerdings friert der eine sowieso schon am Kopf, der andere hat vielleicht ein Loch drin und eine zerbricht ihn sich. Wer ist besser dran?

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2 Kommentare zu “Nasse Polster, Handwerker und ein Loch im Wasserkrug

  1. Das Hemd ist mir näher als der Rock, sagt schon das Sprichwort – oder war es nur eine Redensart? Na jedenfalls ist mir mein Hemd noch näher als dein Rock. Meine kleine Sorge hindert mich daran, deine große Sorge richtig wahrzunehmen – es sei denn, du schaffst es mit deiner Sorge in die Massenmedien, dann vielleicht… obwohl, die Deutschen scheinen mich doch noch überraschen zu können, vielleicht können wir als Gesellschaft wirkliche Not von Nasse-Polster-Luxus-Problemen unterscheiden. Wäre doch schon mal ein Anfang.

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    • Da fragst du was. Ich musste mich erst schlau machen. Der Büchmann verzeichnet „Das Hemd ist mir näher als der Rock“ unter „Geflügelte Worte.“ Es ist ein Zitat aus der Komödie Trinummus (Der Schatz) des römischen Komödiendichters Plautus. Kontext:
      Lysiteles (ein athenischer Bürger): Sei willkommen, Kallikles!
      Dem gebührt mein erster Gruß: das Hemd ist näher als das Kleid.- lat. Tunica propior palliost.

      Das geflügelte Wort wird von uns sicher in deinem Wortsinne benutzt. Ich finde auch erstaunlich, wie plötzlich durch Deutschland eine Welle von Hilfsbereitschaft geht, die fremdenfeindliche Übergriffe vergessen lässt.Offenbar unterscheiden jetzt viele zwischen ihren Luxus- und den existenziellen Problemen der Flüchtlinge. Der Rock darf eben nicht so weit weg sein. Sobald die Probleme vor der Haustür greifbar sind und nicht nur medial vermittelt werden, dann gehts den Leuten durchs Hemd unter die Haut.

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