Wenn Kevin allen am liebsten ist

Eine unbedachte Äußerung hat dazu geführt, die Träger des Namens Kevin zu entwürdigen. Im Jahr 2009 wurde vom Spiegel die Studie der Lehramtsabsolventin Julia Kube bekannt gemacht. Sie hatte in ihrer Masterarbeit 2000 Lehrer online zu ihren Namensvorlieben und den zugehörigen Assoziationen befragt. Herausgefunden hat sie, dass  Lehrer die Träger bestimmter Namen für intelligenter halten als andere. Eine Lehrerin hatte beim Namen Kevin vermerkt: „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“. Man kann sich vorstellen, wie es zu der „Diagnose“ gekommen ist: Die Lehrerin hatte zufällig zwei, drei schwierige Schüler mit dem Namen Kevin erlebt und in der Umfrage ihrem Ärger Luft gemacht. Die findigen Köpfe in der Spiegelredaktion haben ihren Stoßseufzer sogleich für eine gute Überschrift gehalten.

Auf diese Weise wurde das Vorurteil der Grundschullehrerin millionenfach verbreitet und von der Presse, die sich gerne beim Spiegel bedient, wieder aufgegriffen, um letztlich von beschränkten Comedians vermeintlich witzig vermarktet zu werden. So drang der Befund einer gestressten Lehrerin ins kollektive Unterbewusstsein der bildungsbeflissenen Mittelschicht. Kevin verschwand über Nacht aus der Hitliste der beliebtesten Vornamen und wurde zum Schimpfwort.

Alpha-Kevin

Um sein Wörterbuch der Jugendsprache zu vermarkten, sucht der Langenscheidt Verlag alljährlich per Online-Abstimmung das Jugendwort des Jahres. Plötzlich hatte sich das Koppelwort „Alpha-Kevin“ an die Spitze gesetzt. Gemeint ist damit ein besonders blöder Junge mit „Diagnose“. Alpha-Kevin war dem Langenscheidt Verlag aber peinlich. Man nahm das Wort aus der Bewertung und entschuldigte sich, man habe keine konkreten Personen beleidigen wollen.

Eigentlich dient ja die Jugendsprache wie alle Sondersprachen der Abgrenzung und Identitätsbildung der beteiligten Sprecher. Man könnte annehmen, dass Alpha-Kevin ein Ehrentitel ist und jemanden bezeichnet, den Jugendliche in trotziger Missachtung erwachsener Normen zum Alphatier machen. Denn so funktioniert gesellschaftliche Starbildung. Schon Jeremias Gotthelf zeichnet in seiner Novelle „Die schwarze Spinne“ von 1842 das Bild eines unklugen, wüsten Knechts, der den Mägden gerade deshalb am liebsten von allen ist.

So oder so, wenn die Vorurteile Erwachsener in die Jugendsprache eindringen können, spiegelt die Sprache, dass auch etwas bei den Jugendlichen nicht stimmt, indem sie sich nicht mehr abgrenzen. Es ist überhaupt abzulehnen, dass Erwachsene sich aus Gewinnsucht beschreibend in das Geschehen innerhalb der Jugendsprache einmischen. Indem Wörter aus der Jugendsprache in die Medien geraten, wirkt das natürlich auf die Jugendsprache zurück und verändert sie. Auch das derzeit im Voting führende Wort „merkeln“ spiegelt nicht die Lebenswelt und Wahrnehmungen von Jugendlichen, sondern ist eine Erwachsenen-Diagnose und nicht weniger diskriminierend als Alpha-Kevin.

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7 Kommentare zu “Wenn Kevin allen am liebsten ist

  1. Wenn per Online-Abstimmung über das Jugendwort des Jahres abgestimmt werden kann, kommt auch ganz bestimmt das bei Jugendlichen beliebteste Wort dabei heraus. Schön, dass die Entwicklung der Jugendsprache inzwischen so ein demokratischer Prozess ist. Das Wörterbuch, das dabei herauskommt, ist dann recht nah am Neusprech.

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    • Das mit Abstand beliebteste Wort war ja „Alpha-Kevin (48%). Das wurde aber von Langenscheidt zensiert. Sprachentwicklung ist ja eigentlich immer ein demokratischer Prozess, nur wird er in diesem Fall von Langenscheidt organisiert.

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      • Ein demokratischer Prozess schon, aber einer, der nicht durch Abstimmung, sondern durch kollektiven Sprachgebrauch geprägt ist. Aber vermutlich ist Sprachentwicklung ohnehin längst zu einem medial organisierten Vorgang geworden. Und wenn Demokratie das ist, was bei Online-Abstimmungen herauskommt, habe ich Angst davor.

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  2. Ich bezweifel, dass Jugendliche so von der Erwachsenenwelt abgekoppelt aufwachsen. Es ist eher eine Interaktion bzw. manchmal Reaktion auf bspw. politische Unzufriedenheit (merkeln)

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    • Einverstanden. Wir wissen ja nicht, wer das Wort „merkeln“ online vorgeschlagen hat. Wenn es einmal in der Liste steht, bekommt es Zuspruch, zumal Merkels Verhalten allgemein diskutiert wird. Abstimmen kann übrigens jeder, auch wer kein Jugendlicher mehr ist. Es gibt nur eine Prüfung, ob man kein Spambot ist.

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  3. Pingback: Ein Jahr Teestübchen Trithemius

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